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FRAGEN/011: Reinhard Dalchow - "Ohne Frieden kein Umweltschutz" (Der Rabe Ralf)


DER RABE RALF
Nr. 211 - August / September 2019
Die Berliner Umweltzeitung

Frieden
"Ohne Frieden kein Umweltschutz"

Fragen an Reinhard Dalchow, evangelischer Pfarrer und
stellvertretender Bundesvorsitzender der Grünen Liga.
Interview von Hartmut Sommerschuh


Der Rabe Ralf: Die Grüne Liga hat als Netzwerk ihre Wurzeln in der Umwelt- und Friedensbewegung der DDR. Vom Frieden ist heute kaum noch die Rede.

Reinhard Dalchow: Die Aufgaben eines kleinen Umweltverbandes sind vielfältig. Alle Themen können von uns nicht abgedeckt werden. Aber es war und ist auch Aufgabe der Grünen Liga, sich für den Frieden zu engagieren.

Jede kriegerische Auseinandersetzung bringt nicht nur unendliches Leid für die betroffenen Menschen, sondern Zerstörung von Flora und Fauna, massive Belastungen für das Klima und so weiter.

In der alten Bundesrepublik wuchs das Friedensengagement in Protesten gegen atomare Aufrüstung. Was war das Besondere der DDR-Umwelt- und -Friedensarbeit?

Das ostdeutsche Engagement war geprägt von der Friedensdekade, die jedes Jahr im Oktober durchgeführt wurde.

Es war eine gute Idee, das biblische Thema der Skulptur, die die Sowjetunion den Vereinten Nationen geschenkt hatte und die vor dem UN-Gebäude in New York steht, aufzunehmen: Schwerter zu Pflugscharen. Damit hatte die SED ein Problem. Denn dagegen vorzugehen hieße ja, sich gegen die Sowjetunion zu stellen. Dies mündete dann in dem Olof-Palme-Friedensmarsch durch die DDR vom 1. bis 19. September 1987. An dieser Demo nahmen viele kirchliche Umwelt- und Friedensgruppen teil. Ich denke, die Wahrnehmung von Friedensverantwortung hat viele Menschen in dieser Zeit geprägt.

Vor zwanzig Jahren bombardierte die Nato ohne UN-Mandat Restjugoslawien. Die Umweltverbände schweigen bis heute. Ist Geschichtsvergessenheit eingezogen?

Geschichtsvergessenheit glaube ich nicht. Aber allgemein ist das Thema Frieden viel zu wenig präsent. Das ist auch an den Ostermärschen zu sehen, die heute, auch in Westdeutschland, nur noch kleine Veranstaltungen gegenüber früheren Zeiten sind. Die Folgen der Kriege werden verheimlicht oder verharmlost.

Manchmal steht man dem auch ein bisschen ohnmächtig gegenüber, jedenfalls geht es mir als Kriegsdienstverweigerer so. Da wird das 1987 in Reykjavik geschlossene Abkommen zur Abrüstung atomarer Waffen zwischen den USA und der damaligen Sowjetunion von den USA aufgekündigt, und es gibt nur sehr leise Kritik. Dabei ist die Gefahr eines neuen atomaren Wettrüstens leider wieder sehr real.

Ich weiß, das Friedensthema ist in vielen regionalen Umweltverbänden vor Ort durchaus präsent. Sie sollten deutlich machen: Alle von ihnen bearbeiteten Themen finden im Krieg keine Beachtung mehr. Ohne Frieden wird es keine nachhaltige Zukunft geben.

Nach dem Ja von Außenminister Joschka Fischer zur ersten Kriegsbeteiligung Deutschlands nach 1945 wandten sich viele Menschen von den Grünen ab.

Die Kriegsbeteiligung Deutschlands 1999 gegen Serbien war eine eklatante Fehlentscheidung. Die "ethnischen Säuberungen" sind nicht verhindert worden. Die Grünen sprechen sich in ihren Programmen für zivile Krisenprävention aus, für Abrüstung und gegen Waffenlieferungen in Krisengebiete. Ich erwarte, dass diese Ziele und ein ziviler Friedens- und Versöhnungsdienst endlich massiv gefördert werden.

Dazu sollten die Mittel dem Militäretat entzogen werden, und das nicht nur in "symbolischer" Form. Klimaschutz kann nur im friedlichen Rahmen gelingen.

Sie waren viele Jahre engagierter Umweltbeauftragter der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Wie ist heute ihre Haltung zu Rüstungsexporten und zur Militarisierung der Politik?

1983 hat der Ökumenische Rat der Kirchen auf seiner Vollversammlung in Vancouver die Stationierung von Massenvernichtungswaffen als Verbrechen gegen die Menschheit bezeichnet und zu einem gemeinsamen Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung aufgerufen. Die Agenda 21, ein von der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro beschlossener Aufgabenkatalog für das 21. Jahrhundert, wird wesentlich davon getragen.

Für mich war dieser "Dreischritt" zukunftsweisend. Ohne Gerechtigkeit kein Frieden, ohne Gerechtigkeit und Frieden keine Bewahrung der Schöpfung. Dazu steht auch die Grüne Liga. Auch das jährliche Festival am Tag der Umwelt in Berlin mit seinen hunderten Ständen und Programmen umfasst diesen Dreischritt. Denn hier sind neben den Umweltthemen die Friedensgruppen wie auch die Solidaritätsinitiativen für eine gerechte Welt präsent.

Weitere Informationen:
www.grueneliga.de

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Quelle:
DER RABE RALF
30. Jahrgang, Nr. 211, Seite 17
Herausgeber:
GRÜNE LIGA Berlin e.V. - Netzwerk ökologischer Bewegungen
Prenzlauer Allee 8, 10405 Berlin-Prenzlauer Berg
Redaktion DER RABE RALF:
Tel.: 030/44 33 91-47/-0, Fax: 030/44 33 91-33
E-mail: raberalf@grueneliga.de
Internet: www.raberalf.grueneliga-berlin.de
 
Erscheinen: zu Beginn gerader Monate
Abonnement: jährlich, 25 Euro

veröffentlicht im Schattenblik zum 3. März 2020

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