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STICH-WORT/006: Sprachgeschichtliche Betrachtungen, "warten" (SB)


Warten



Wenn Sie diesen Artikel lesen wollen, warten Sie bitte nicht darauf, darin etwas zu entdecken, dem Sie sich anschließen können. Das Leben ist keine Bushaltestelle für Mitfahrgelegenheiten. Vielleicht fühlen sich für Sie ja manchmal die Jahre im Rückblick so an, als hätten Sie die ganze Zeit auf der geschützten Bank am Unterstand in Sicherheit gesessen und sehnlichst nach dem nächsten Bus Ausschau gehalten, den Sie dann doch nicht genommen haben, weil Sie glaubten, daß ein viel günstigerer - billiger, komfortabler oder schneller - kommen würde. Dank dieses Kalküls sitzen Sie da heute noch, zaudern, lauern darauf, Ihre Absichten irgendwann einmal durchführen zu können, und "das Leben" - Ihr Leben! - zieht an Ihnen vorbei und Sie fragen sich, wann "es" endlich beginnt oder was "es" überhaupt ausmachen soll und was Sie eigentlich je damit wollten.

Nun, diese unerwartete Einleitung zu Beginn der Serie "Stich-Wort", in der es doch eigentlich um die Herkunft von Wörtern gehen soll, klingt mindestens etwas skurril. Wenn man nicht sogar Vergeblichkeit und Sinnlosigkeit beim Lesen assoziiert. Sie ist vor dem Hintergrund entstanden, die Bedeutungen des Verbs "warten", seine Wortgeschichte und seine Wirkung auf denjenigen, der seinen Inhalt ausfüllt, in diesem ersten Absatz unterzubringen. Mit den folgenden etymologischen Erläuterungen soll aber nunmehr ein wenig beleuchtet werden, wie es dazu kommen konnte und was darin alles enthalten ist, daß man auf diese Weise "wartet".

Heute ist dem Sprecher oft gar nicht mehr bewußt, daß das Verb, mit dem wir gegenwärtig zwei unterschiedliche Bedeutungen verbinden, wortgeschichtlich einen Ursprung hat. Im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) werden aktuell folgende zwei Oberbegriffe für das Verb "warten" angegeben: Die inhaltlichen Synonyme davon sind "verweilen" und "betreuen". [1] Mit nachstehenden Unterbegriffen kann die Bedeutung zu "verweilen" beschrieben werden: "abwarten, anstehen, erwarten, gedulden, [...], lauern, harren, zagen, zaudern, zögern, warten". Die zweite Bedeutung des Wortes, "betreuen", ist am besten erklärt mit den dazugehörigen Begriffen "instandhalten, warten" oder "Wartung", "pflegen", "bedienen", "achten auf". Die inhaltliche Entwicklung des Wortes, das heißt sein gegenwärtig am häufigsten verwendeter Gebrauch, führt im DWDS zu folgender offizieller Definition:

an einem Ort, in einem Zustand, in einer Situation kürzere oder längere Zeit bleiben in der Annahme, im Hinblick darauf, dass etw. eintreten wird, was diese Situation ändert, beendet [1]

womit im Kern die eingangs erwähnte Bushaltestellen-Situation beschrieben wäre, allerdings ohne die fatalen Folgen für den Praktizierenden.

Eine ähnliche Beschreibung des Wortes mit den derzeit verwendeten zwei Bedeutungsbereichen findet sich im Duden:

- dem Eintreffen einer Person, einer Sache, eines Ereignisses entgegensehen, wobei einem oft die Zeit besonders langsam zu vergehen scheint - sich auf jemanden, etwas wartend, an einem Ort aufhalten und diesen nicht verlassen - etwas hinausschieben, zunächst noch nicht tun - (veraltend) sich um jemanden, etwas kümmern, für jemanden, etwas sorgen; pflegen, betreuen - (Technik) (an etwas) Arbeiten ausführen, die zur Erhaltung der Funktionsfähigkeit von Zeit zu Zeit notwendig sind - (selten) (eine Maschine, eine technische Anlage) bedienen [2]

Ursprünglich haben sich beide Bedeutungen aus einer entwickelt:

I. ursprung und verwandtschaft, form. 1) ein gemeingermanisches wort: ahd. wartên [...], mhd. warten, entsprechend asächs. wardôn 'behüten, bewachen, versorgen, sich hüten', mnd. warden 'erwarten, anwartschaft haben, besorgen, aufwarten, sich hüten' [...] als eine participiale bildung von der wurzel von wahren betrachtet werden kann. grundbedeutung ist wie bei diesem 'sehen'. [3]

Der Ursprung des Wortes "warten" ist also "wahren". Die Grundbedeutung von beiden ist "sehen", "glossen":

warten in der ursprünglichen bedeutung 'seinen blick worauf richten' erscheint in ahd. glossen [4]

Die im folgenden von den Brüdern Grimm beschriebene sprachgeschichtliche Entwicklung des Wortes ist wohl die weitgehendste und umfassendeste, die man bis heute finden kann:

die ursprüngliche bedeutung 'seinen blick auf etwas richten' kommt bei warten noch viel deutlicher zum ausdruck als bei dem grundwort wahren. allerdings tritt sie nur im hochd. ganz unvermischt mit andern bedeutungsmomenten auf [...] ins nhd. geht die bedeutung 'worauf sehen' nur wenig hinüber und auch die verwandte 'worauf achten', 'aufpassen', besonders 'feindlich auflauern' stirbt bald aus. die bedeutung 'sich hüten' gelangt gegenüber sich warnen überhaupt nicht zu weiterer entfaltung. dagegen hat sich die schon im ahd. auftretende, auf der vorstellung des liebevollen betrachtens beruhende bedeutung 'fürsorge, pflege gewähren' bis in die neuere sprache hinein reich entwickelt; daneben gewinnt die sonst schon dem altgermanischen eigne und ins romanische übergangene bedeutung des bewachens und bewahrens wenig boden. da man auf den blickt, dem man gehorcht und dessen winkes man gewärtig ist, entwickelt sich dann weiter die bedeutung 'dienen, unterthänig sein', die im mhd. sehr häufig und auch dem älteren nhd. noch bekannt ist, aber nicht in die neuere sprache übergeht. am jüngsten ist die jetzt gewöhnlichste bedeutung 'harren'; [5]

Einige der hier aufgezeigten Bedeutungszweige des Wortes sind nun verloren gegangen, obwohl ihr Gebrauch auch heute noch nachvollziehbar ist, zum Beispiel daß ein "liebevolles Betrachten" die Grundlage für Pflege bzw. Wartung ist. Ebenso verliert sich

'als diener aufwarten', dann auch (zunächst wol von dienern, die sich gegenseitig in der gunst des herrn auszustechen suchen [...]) 'auflauern' [6]

auch wenn wir es heute noch verstehen, besonders in Verbindung mit Präfixen (zum Beispiel "auf"warten). Ebenso ist einem heutigen Sprecher noch einleuchtend, daß "auf etwas aufpassen in die bedeutung 'bewachen'" [7] übergehen kann, was noch in "Wartung" oder "Wärter" mitschwingt [8].

Die Wörterbücher sind sich darin einig, daß "sehen", "Ausschau halten" die Grundlage für die Wortbedeutung ist:

ahd. warten wurde zunächst im Sinne von "Ausschau halten" zu einer früheren Form des veralteten Substantivs Warte "Beobachtungs-, Wachtturm" (mhd. warte, ahd. warta "Ausschauen; Ausguck, Wachtturm") gebildet. [9]
mittelhochdeutsch warten, althochdeutsch warten ausschauen, aufpassen, erwarten, zu Warte, also eigentlich Ausschau halten [10]
Warten, verb. regul. welches auf gedoppelte Art gebraucht wird. 1. Als ein Neutrum mit dem Hülfsworte haben. [...] Sehen, besonders scharf auf etwas sehen, als ein Intensivum von dem veralteten wahren, sehen; eine im Hochdeutschen längst veraltete Bedeutung
Genitiv der Sache; eine Bedeutung, deren Gebrauch immer seltener wird. Seines Amtes, seines Berufes warten. [11]

In all diesen Definitionen hat sich eine Bedeutungsrichtung von "Ausschauhalten" verloren ...

und erklärt sich aus dem hinsehen auf dasjenige, das man begehrt und zu erhalten hofft. so bedeutet das wort in dieser auffassung auch zunächst nur 'erwarten, worauf rechnen' und namentlich als 'antwartschaft worauf haben' hat es in der älteren rechtssprache grosze ausdehnung gewonnen; [12]

... wenngleich diese Auslegung in unserer heutigen Tätigkeit des Wartens noch eine unterschwellig mitschwingende, nahezu unabweisliche Voraussetzung ist. Dem Warten wohnt nämlich nicht nur Passivität inne (beobachten, Ausschau halten, lauern), sondern es beinhaltet auch aggressive Momente. Im obigen Zitat sitzt man auf der Geschworenenbank und fordert seine Anwartschaft auf etwas ein, womit man gleichzeitig jemanden bezichtigt oder beschuldigt, das Begehrte zu besitzen. Es zeigt sich das wirkliche Interesse, das Kalkül, seine vermeintlichen Vorteile einzufordern. Deshalb guckt man, beobachtet das Geschehen und versucht damit, den Vorteil im "richtigen" Moment auf seine Seite zu schaffen. Aus dem gleichem Grund bewegt man sich nicht über die Grenze der Betrachtung und Spekulation hinweg und hält sich im Hintergrund auf der "Warte" (dem Wachtturm), in vermeintlich kluger Position und lauert darauf, wann wohl eine Investition sinnvoll erscheint. So glaubt man sich unberührbar und geschützt.

Diese zutiefst soziale Haltung charakterisiert das Warten und macht die Tätigkeit nicht nur erstrebenswert im Sinne von "etwas betreuen, behüten", sondern auch gefährlich, denn man liefert sich aus, ist auf das, was kommen mag, angewiesen, überantwortet sich an fremde Verhältnisse, wird Bestandteil von Reiß- und Zugkräften, meint aber, seine Persönlichkeit kontrastierend dazu aufbauen zu können. Die Konstellation zwischen den Beteiligten ist eindeutig das Prinzip: Du fährst? Okay, ich fahr mit und da schaun wir dann mal ...

Womit hier zu guter Letzt noch als Zusammenfassung der Problematik, die heutzutage in dem Wort "warten" für den sozial ausgerichteten Menschen enthalten ist, ein Hinweis auf die Weltliteratur nicht fehlen darf: "Warten auf Godot" von Samuel Beckett wurde am 5. Januar 1953 in Paris als absurdes Theaterstück uraufgeführt. Fortan ist nicht nur der Titel international zur Redewendung geworden, wenn es um den Zwang zu langem, sinnlosem, vergeblichem Warten geht, sondern auch dieser "doppelte Einakter" selbst ist ein gelungenes Bild dafür, wie die in Bewegungslosigkeit und Aussichtslosigkeit erstarrten Figuren ihr Warten zu rechtfertigen, zu erklären und vollkommen zu machen versuchen und dadurch jede Einsicht dafür verloren geht. Hier werden die gesammelten Ansprüche der Beteiligten an den jeweils anderen adressiert und es wird so getan, als ob man was täte. Das Warten wird zur Gewohnheit und die Akteure können ihrer sinnlosen Wörterwelt nicht entkommen. [13]

Moralisches Fazit: Warten Sie nicht! Niemals! Das Warten ist der Todfeind der Erledigung, der Abschlüsse und des Fortschritts. Seine Haupteigenschaft ist strangulativ. Schauen Sie sich nicht nach Angeboten um, lauern Sie nicht auf einen geeigneten Moment, orientieren Sie sich nicht an vorhandenen Konzepten oder Zielen, schließen Sie sich nicht einer Entwicklung an, denn wo auch immer Sie hinschauen (warten), läuft nichts, was Sie betreffen könnte - Sie sind nicht dabei, Sie gucken nur!

Und abschließend der Sinn des Wartens in meisterlicher Verdichtung formuliert. Hier sind alle sprachgeschichtlichen Bestandteile des Wortes angesprochen:

DICHTERSTUBE/238: Rutschbahn

Ich fühl' mich gut geborgen
im Hier und Jetzt der Stunde,
im Gestern und im Morgen,
im tiefsten Weltengrunde.

Am Nachmittag im Garten,
spät Abends auch im Bett,
da könnt' ich Stunden warten,
wenn ich die Ruhe hätt'.

Auch zögere ich gerne,
vergeß' und schweife ab
in unerreichte Ferne,
der Schreck hält mich in Trab.

Ich warte, reagiere
und träume vor mich hin,
ich glotze und ich stiere,
gestützt auf Arm und Kinn.

Der Wind kann mich berühren,
ich fühle mich gemeint,
laß mich vom Blicke führen,
der mir fast endlos scheint.

Ich runzele die Stirne
und zeige Denken an,
damit in meinem Hirne
sich was bewegen kann.

Ich gebe zu verstehen,
es wird zur Antwort kommen,
und lasse sie auch gehen,
kommt sie dann angeschwommen,
ist endlich aufgestiegen
von trägen, dunklen Orten,
die Stille zu besiegen
in gut gewählten Worten.

Nun, es läßt sich gut leben
in diesem Reich dazwischen,
kein Quentchen ist zu heben
und nichts ist zu erwischen.

Gut angepaßt und reagiert,
derweil die Kräfte walten,
ist mein Gewinn, die Welt verliert,
das nenn' ich richtig schalten.

So bleibe ich in Sicherheit
und frei und friedlich oben,
wenn unten sonst die ganze Zeit
Vernichtungskräfte toben.

Und das nur, weil ich stetig warte,
im Mittelpunkte wohl plaziert,
bevor ich weiche oder starte,
damit mein Ich sich nicht verliert.

Doch eine kleine Lücke
im Flucht- und Wartewahn
enttarnt die Himmelsbrücke
als Rutsch- und Geisterbahn.

(Helmut Barthel, 24. Mai 2005
Copyright by MA-Verlag)


Anmerkungen:

[1] DWDS online (Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache):
http://www.dwds.de/?qu=warten
herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, ein Wortauskunftssystem zur deutschen Sprache in Geschichte und Gegenwart

[2] http://www.duden.de/rechtschreibung/warten

[3] Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Band 27, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1984, Spalte 2125-2167, Stichwort: "warten"
Das "Deutsche Wörterbuch" der Brüder Grimm (erster Band 1854) ist in Kleinschreibung verfaßt (mit Ausnahme von Satzanfang und Eigennamen); Jakob lehnte die "höchst philisterhafte erfindung der großen buchstaben" als Relikt der absolutistischen Feudalzeit kategorisch ab.

[4] Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, s.o., Sp. 2126

[5] Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, s.o., Sp. 2126-2127

[6] Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, s.o., Sp. 2132

[7] Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, s.o., Sp. 2136

[8] "die dem altgerm. eigene und in den subst. wart, warte, wärter usw. noch hervortretende bedeutung 'bewachen' ist sonst im hd. wenig üblich", Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, s.o., Sp. 2136

[9] http://www.wissen.de/wortherkunft/warten

[10] http://www.duden.de/rechtschreibung/warten

[11] Adelung, Johann Christoph: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart (1811), Suchbegriff "warten", Bd. 4, Sp. 1390-1393
http://woerterbuchnetz.de/Adelung/?sigle=Adelung&mode=Vernetzung&lemid=DM00290

[12] Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, s.o., Sp. 2128

[13] Kurze Zusammenfassung von "Warten auf Godot": Die beiden Clowns Wladimir und Estragon sind irgendwo und irgendwann an einer Landstraße mit einem kahlen Baum und warten auf Godot, über den sie nichts wissen, auch nicht, wann und ob er überhaupt kommt. Sie verbringen dort ihre Zeit mit Gesprächen, die von nichts handeln, nichts mitteilen und gar nichts bewirken. Am Abend erscheint ein ängstlicher Junge und richtet ihnen aus, daß Godot "heute abend nicht kommt, aber sicher morgen". Während des Tages begegnet ihnen der reiche Tyrann Pozzo, der sich die Zeit durch eine Konversation mit ihnen vertreibt.

30. Oktober 2014


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