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LÄNDER/130: Rheinland-Pfälzer "from coast to coast" (StZ)


StaatsZeitung, Nr. 35/2009 - Staatsanzeiger für Rheinland-Pfalz
Der Landtag - Nachrichten und Berichte, 21. September 2009

Rheinland-Pfälzer "from coast to coast"

Vor 300 Jahren begann die erste große deutsche Auswandererwelle nach Nordamerika


Ebenso gut hätte Deutsch die Landessprache in Amerika werden können, so zahlreich waren die deutschen Auswanderer im 18. und 19. Jahrhundert dort angesiedelt. Lange Zeit waren sie die größte Bevölkerungsgruppe in Nordamerika. Die Gründe dafür erläuterte der Historiker Dr. Helmut Schmahl, Privatdozent der Universität Mainz, im Rahmen der Vortragsveranstaltung des Landtags "Die Auswanderung aus Rheinland-Pfalz nach USA".

Warum beschäftige den Landtag dieses Thema, fragte Landtagspräsident Joachim Mertes in seiner Begrüßung die Zuhörer im voll besetzen Plenarsaal. Es ist ein Teil der Geschichte Rheinland-Pfalz, an den das Land gerne erinnern möchte. Durch die Bündelung aller Daten und Kontakte, die sich mit der Auswanderung unserer Vorfahren beschäftigen, wird ein Stück der Vergangenheit aufgearbeitet und erhalten, so Mertes. Aus diesem Grund widmet der Landtag dem Thema "Auswanderung" in diesem Jahr zwei Veranstaltungen.

In dieser Veranstaltung war es Amerika. Das Land, das wie kaum ein anderes im 18. und 19. Jahrhundert die Träume und Hoffnungen auf ein besseres Leben weckte, zog auch die Menschen aus der Kurpfalz, Teilen Rheinhessens, des Hunsrücks und den Gebieten um Heidelberg und Mannheim in die Neue Welt.

"Reisende aus Rheinland-Pfalz, die in den Vereinigten Staaten unterwegs sind, werden mitunter auf vertraute Ortsnamen treffen". Da gibt es zum Beispiel "New Trier" oder "Mentz", die an heutige rheinland-pfälzische Städte erinnern. "Bingen" gibt es in Amerika gleich dreimal: in Pennsylvania, Arkansas und dem Staat Washington am Pazifik. Die Rheinland-Pfälzer waren also "from coast to coast" anzutreffen, erläuterte Dr. Helmut Schmahl anhand einer Karte.

Aber auch in der Sprache sind noch heute die Spuren der deutschen Auswanderer zu finden. Das so genannte Pennsylvaniadeutsch ist eine Mischung aus pfälzischem Dialekt und Englisch. Bereits im frühen 17. Jahrhundert sind einzelne Deutsche in Nordamerika nachweisbar, ihre erste Siedlung, Germantown, entstand 1683. Dauerhaft rückte der nordamerikanische Kontinent jedoch erst eine Generation später in das Blickfeld der Auswanderer. Insgesamt machten sich nach der Erntekrise von 1708/09 rund 13 000 Menschen aus dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik auf den Weg nach England.

Ausgelöst wurde diese Auswanderungswelle durch eine Werbeschrift des Pfarrers Josua Harrsch aus Eschelbronn im Kraichgau. Im Auftrag von englischen Großgrundbesitzern, die sich eine rasche Erschließung ihrer Ländereien in Nordamerika erhofften, verfasste dieser eine Flugschrift in der er das milde Sommerklima, reiche Ernten, fruchtbares Land und vor allem eine kostenlose Überfahrt anpries. Dem Aufruf folgten rund 13.000 Deutsche. Die große Masse ließ sich in den Nordatlantikstaaten der heutigen USA, vor allem in Pennsylvanien, sowie in den westlich angrenzenden Gebieten nieder.

Die Pennsylvaniadeutschen waren in einem ländlichen Gebiet, das größer ist als die Schweiz, so zahlreich, dass sich eine eigenständige Kultur herausbildete. Sprache, Essen, Architektur, Volkskunst, Feste und andere Bereiche stellten eine Verschmelzung deutscher Traditionen mit englisch-amerikanischen Elementen dar. Gerade in den ländlichen Regionen kapselten die Gemeinschaften sich jedoch von der übrigen Bevölkerung weitestgehend ab, um zum Beispiel durch deutsche Schulen ihre Sprache zu erhalten. Daraus entwickelten sich immer noch bestehende Gemeinschaften, wie beispielsweise die christliche Religionsgemeinschaft der Amish, in der bis heute Pennsylvaniadeutsch gesprochen wird.

Das 18. Jahrhundert war jedoch nur der Beginn der Auswanderungswelle. Im 19. Jahrhundert entwickelten sich die Vereinigten Staaten, das "Land der Freiheit", zum beliebtesten Ziel deutscher Einwanderer. Nun standen aber häufiger politische Gründe im Vordergrund, die die Menschen zwangen ihr Heimatland zu verlassen. Das Hambacher Fest 1832 und die repressiven Folgen, sowie die gescheiterte Revolution von 1848, machten es für die politischen Hauptakteure unmöglich weiterhin in Deutschland zu leben. So erging es auch zwei der berühmtesten Flüchtlinge aus Mainz: Franz Heinrich Zitz und Germain Metternich.

Zwischen 1880 und 1893 gingen mehr als 1,8 Millionen Deutsche in die USA. Die große Zahl deutschstämmiger Einwohner hatte Einfluss auf die Kultur und Medienlandschaft Amerikas. Aber nicht nur die Sprache brachten die Auswanderer nach Amerika, auch die kulinarischen Reichtümer, wie deutsche Wurst und Brot, fanden ihren Weg über den Ozean und wurden dort allmählich übernommen. Hier darf, als eins der wichtigsten "Mitbringsel" aus Europa, natürlich das Bier nicht unerwähnt bleiben. Wein dagegen war in Amerika nicht sehr beliebt, sagte Schmahl zum Ende seines einstündigen Vortrags.

Der Direktor der Atlantischen Akademie Rheinland-Pfalz Dr. Werner Kremp würdigte in seinem Schlusswort den Referenten als langjährigen Freund und Experten auf dem Gebiet der Auswanderung der Deutschen nach Amerika. Er betonte noch einmal den Beitrag, den die historische Aufarbeitung der Vergangenheit zum Verständnis und den heutigen Beziehungen in die USA leistet. Die Ausstellung im Foyer des Landtags zeigte zahlreiche originale Stücke aus der Zeit der Auswanderung. Unter anderem deutsch-amerikanische Bücher und Zeitungen, Postkarten der Auswanderer an die Daheimgebliebenen, Illustrationen und Alltagsgegenstände, die die Vortragsveranstaltung anschaulich abrundeten.


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Quelle:
StaatsZeitung, Staatsanzeiger für Rheinland-Pfalz, Nr. 35/2009, Seite 4
Der Landtag - Nachrichten und Bericht
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veröffentlicht im Schattenblick zum 8. Oktober 2009