Schattenblick →INFOPOOL →GEISTESWISSENSCHAFTEN → MEINUNGEN

DILJA/060: Auschwitz-Gedenken - Hanns-Martin Schleyer nicht vergessen (SB)


Selektives Gedenken an Auschwitz


Warum die NS-Vergangenheit Schleyers in der BRD tabuisiert wird

Vor zwei Jahren stellte der inzwischen komatöse israelische Ministerpräsident Ariel Scharon anläßlich des 60. Jahrestages der Befreiung der letzten Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 durch die sowjetische Rote Armee eine provokante Frage. In einer Rede vor der Knesset griff Scharon die Untätigkeit der damaligen Westmächte auf und fragte in Hinsicht auf die Massenmorde der Nazis, die mit der Deportation ungarischer Juden im Jahr 1944 in das Todeslager Auschwitz-Birkenau ihren Anfang genommen hätten, warum die Gleise nach Auschwitz nicht von den alliierten Bombern zerstört worden waren. Ungehindert konnten 600.000 Juden in Viehwaggons in das Vernichtungslager transportiert und dort vernichtet werden; insgesamt waren allein in Auschwitz zwischen 1,1 und 1,5 Millionen Menschen - 90 Prozent von ihnen waren Juden - umgebracht worden.

Mit welcher Absicht Ariel Scharon vor zwei Jahren diese aus seiner Sicht gewiß rhetorische Frage stellte, liegt auf der Hand. Die Tatsache, daß die alliierten Kriegsgegner Hitler-Deutschlands die Menschentransporte nach Auschwitz nicht unterbanden oder zumindest behinderten, obwohl ihnen dies zum einen ohne erheblichen Aufwand möglich gewesen wäre und obwohl sie zum anderen Kenntnisse über die grauenhaften Vorgänge im Vernichtungslager hatten, wird von israelischen Politikern vom Schlage Scharons gern bemüht um zu begründen, warum Israel im Grunde ganz allein dastehe und deshalb gehalten sei, sich unter Einsatz buchstäblich aller militärischen Mittel gegen seine Feinde zu "verteidigen".

Ohne derartiger Rechtfertigungsbemühungen Israels für die eigene Besatzungspolitik und Kriegführung im mindesten Vorschub leisten zu wollen, ist es um der Aufklärung scheinbarer Selbstverständlichkeiten in der Geschichtsschreibung zum Zweiten Weltkrieg willen gleichwohl nützlich, dieser Frage nachzugehen. Die Bereitschaft der Alliierten, die millionenfache Tötung der zumeist jüdischen Menschen geschehen zu lassen, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, sie beispielsweise durch eine kontinuierliche Zerstörung der nach Auschwitz führenden Gleise zu behindern, läßt sich auch ohne Rückgriff auf den von Scharon postulierten "Antisemitismus" nicht nur Nazideutschlands, sondern eben auch der übrigen Westmächte, plausibel machen.

Neben dem Lager II in Auschwitz-Birkenau, dem Vernichtungslager, dessen Bau SS-Reichsführer Heinrich Himmler bereits im März 1941 befohlen hatte, und dem schon in den ersten Monaten des Jahres 1940 für die Internierung des polnischen Widerstandes ("Intelligenz") errichteten Lagers I gab es das Lager III im nahegelegenen Monowitz mit 45 Nebenlagern. Hier mußten die Häftlinge, aber auch zur Zwangsarbeit verpflichtete polnische Bürger in den Produktionsstätten deutscher Rüstungsunternehmen unter unsäglichen Bedingungen schuften. Die IG-Farben beispielsweise, die auch nach Kriegsbeginn unvermindert mit ihren britischen und US-amerikanischen Partnerunternehmen ICI, Du Pont und Standard Oil weiter zusammenarbeiten konnte, hatte Produktionsstätten nach Auschwitz verlagert, für die sich der Name "IG Auschwitz" eingebürgert hatte.

Es versteht sich von selbst, daß die Rüstungsproduktion in Auschwitz - transporttechnisch ungleich günstiger gelegen als die Industrieanlagen "im Reich" - für den im Juni 1941 begonnenen Krieg gegen die Sowjetunion von hoher strategischer Bedeutung war. Mit anderen Worten: Hätten die Alliierten die Rüstungsproduktion in Auschwitz, bei der KZ-Häftlinge in hoher Zahl "verschlissen" wurden, unterbunden, hätten sie ihrem wenn auch inoffiziellen Kriegsziel - nämlich die Vernichtung oder zumindest schwerwiegende Zerstörung der Sowjetunion durch die deutsche Wehrmacht sowie die SS - entgegengehandelt. Dies könnte die westlichen Hitler-Gegner veranlaßt haben, den angeblich so verhaßten deutschen Diktator in seinem Feldzug gegen Rußland wüten zu lassen - und zwar unter Inkaufnahme von über einer Million allein in den Lagern von Auschwitz getöteten Menschen.

Über diesen Sachverhalt hätte womöglich ein in der späteren Bundesrepublik Deutschland hoch angesehenes ehemaliges SS- und NSDAP-Mitglied Auskunft geben können. Hanns-Martin Schleyer, ehemaliges Vorstandsmitglied von Daimler-Benz sowie in den 70er Jahren Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände sowie des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, war als hoher NS-Funktionär lange Zeit in der von Deutschland im März 1939 besetzten Tschechei tätig gewesen. In Prag, wo Reinhard Heydrich, die rechte Hand Himmlers, im März 1942 als "Stellvertretender Reichsprotektor" des "Protektorats Böhmen und Mähren" ein grausame Regime führte, trat der noch recht junge Schleyer (Geburtsjahr: 1915) nach anfänglicher Tätigkeit für das NS-Studentenwerk als Funktionär des "Centralverbands der Industrie" in Erscheinung.

Er selbst sollte später freimütig bekennen, daß er in seiner Prager Zeit die Basis für seine steile Karriere im Nachkriegsdeutschland gelegt hatte. Schleyer, der in den 30er Jahren in Heidelberg studiert hatte und dort Mitglied einer schlagenden Verbindung sowie NS-Studentenführer gewesen war, wurde in Prag zur rechten Hand des Rüstungsobmannes in der besetzten Tschechei. An der "Eindeutschung der tschechischen Wirtschaft", wie die 1939 begonnene Plünderung tschechischer Betriebe damals offiziell genannt wurde, war Schleyer beteiligt gewesen. Im Alter von nicht einmal 30 Jahren hatte er in einem Brief aus Prag geschrieben: "Ich bin alter Nationalsozialist."

All dies stand seiner späteren Karriere nicht nur nicht im Wege, sondern schien sie geradezu befördert zu haben. Die westlichen Siegermächte stellten ihm nichts in den Weg. In den sogenannten Entnazifizierungsverfahren wurde er als "Mitläufer ohne Sühnemaßnahmen" eingestuft. Im besetzten Prag hatte er eine der vielen "leerstehenden" Villen beziehen können, wobei "leerstehend" in seinem wie in vielen anderen Fällen bedeutete, daß die tatsächlichen Eigentümer dem NS-Massenmorden zum Opfer gefallen waren. Die jüdische Besitzerin der von Schleyer bewohnten Villa war nach Auschwitz gebracht und dort ermordet worden. Dies könnte Anlaß genug sein, um Hanns-Martin Schleyer in das Gedenken an Auschwitz, das anläßlich des nun 62. Jahrestages der Befreiung in der Bundesrepublik begangen wurde, miteinzubeziehen.

Schließlich wirft gerade seine Lebensgeschichte und spätere Karriere zu einem der höchsten Wirtschaftsfunktionäre der Bundesrepublik ein Schlaglicht auf den angeblich so grundlegend vollzogenen Bruch zwischen dem NS-Regime und seinem westlichen Nachfolgestaat Bundesrepublik Deutschland. Die Frage allerdings, ob und inwiefern der SS-Funktionär Schleyer aufgrund seiner NS-Tätigkeit im besetzten Prag über Kenntnisse über die kriegsrelevante Industrieproduktion im KZ Auschwitz verfügte - was wohl anzunehmen wäre -, wird unbeantwortet bleiben, da Schleyer es bis zu seinem Tode im Oktober 1977 unterlassen hat, über seine NS-Vergangenheit öffentlich Auskunft zu geben.

Um sein Ansehen zu ehren - er war im "Deutschen Herbst" von einem Kommando der Roten Armee Fraktion (RAF) getötet worden - hatte 1978 der Hamburger Schulsenator den Lehrern der Stadt offiziell untersagt, die "dunklen Punkte" in Schleyers Leben zu beleuchten. Die große Rolle, die Schleyer in jener Zeit in der Bundesrepublik gespielt hatte, läßt sich allerdings schwerlich plausibel machen, ohne die sich gerade auch an seiner Person leicht zu veranschaulichende inoffizielle Kontinuität zwischen dem NS-Regime und der Bundesrepublik nachzuzeichnen, und so erscheint es allemal geboten, anläßlich des gegenwärtigen Auschwitz-Gedenkens auch an Hanns-Martin Schleyer zu erinnern.


Erstveröffentlichung am 2. Februar 2007

18. April 2007