Traumstädte
Drei Reportagen aus Buenos Aires, Stockholm und Marrakesch
ZDF - ab 12. August 2010, donnerstags, 22.15 Uhr
Inhalt:
- Vorwort von Paul Amberg
- Stabliste, Sendetermine und -titel
- Buenos Aires - Die Leidenschaftliche
- Buenos Aires - Liebe vor dem ersten Blick
- Stockholm - Die Entspannte
- Jantelag - Vom Gesetz, gleich sein zu müssen
- Marrakesch - Die Geheimnisvolle
- Marrakesch, der Atlas und andere Verführungen
- Biografien der Autoren
Die Stadt und der Spaß
In welcher Stadt macht es Spaß zu leben? Was können wir in Deutschland von Orten lernen, die ein ähnliches oder gar besseres Lebensniveau haben als wir? Was ist Mythos, was ist real bei den Vorstellungen über Städte mit klangvollen Namen? Gibt es eine perfekte Stadt mit möglichst wenig Risiken und Nebenwirkungen?
Dies sind die Fragen, die uns bei diesem außenpolitischen Sommerschwerpunkt "Traumstädte" beschäftigt haben. Aber ist die Bezeichnung Traumstadt nicht ein Widerspruch in sich? Das Wort "Traum" steht als ein Sinnbild für das Gute, Vollständige, Harmonische schlechthin. Wie kann man diese Eigenschaften mit einer Stadt verbinden, die ohne die bekannten Schattenseiten nicht denkbar ist: Kriminalität, Lärm, Schmutz und Chaos.
Das 21. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Stadt, heißt es allenthalben. Seit ein paar Jahren leben weltweit mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land. Das hat sicherlich vor allem ökonomische Gründe - aber nicht nur. Städte sind auch Magneten. Sie ziehen Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Interessen an. Fortschritt, Wandel, Kommunikation, Austausch von Wissen. In der Stadt findet all das statt. Städte bieten Chancen und Möglichkeiten. Es sind die Orte, wo Leben in geballter Form gelebt wird. Es gibt große, megagroße, kleine, schöne und hässliche Städte. Wo aber lebt man angenehm? Gibt es Städte, in denen das Positive überwiegt?
Die ZDF-Korrespondenten Carsten Thurau, Ines Trams und Stephan Merseburger haben sich auf drei Kontinenten auf die Suche gemacht: nach dem Traum einer Stadt. Und sie sind fündig geworden. Buenos Aires, Stockholm und Marrakesch sind Städte, die für deutsche Fernseh-Zuschauer nicht nur einen - vielleicht sogar sehnsuchtvollen - Klang haben, sondern von denen sich auch eine Menge abgucken lässt.
Buenos Aires, Hauptstadt von Argentinien, einem Land, das 2002 pleite ging. Wie haben Menschen diese Krise gemeistert? Eine Frage, die heute aktueller denn je sein dürfte. Stockholm, Hauptstadt des einstigen Wohlfahrtstaates Schweden, der noch heute über soziale Leistungen verfügt, die weit über denen anderer Länder liegen. Wie geht das mitten in einer globalen Wirtschaftskrise? Wie viel Sozialstaat ist heute eigentlich noch möglich? Marrakesch, das Scharnier zwischen Orient und Okzident. Die Stadt ist schon Afrika und noch Europa. Ein Vorbild, wie der Westen mit der muslimischen Welt friedlich zusammen leben kann?
Es gab und gibt viel Unterschiedliches zu entdecken in diesen drei Städten. Eines haben sie jedoch gemein: jede für sich ist einzigartig und ausgestattet mit einer Art Seele. Letztere kann man geradezu spüren, als ein besonderes Lebensgefühl.
Paul Amberg
ZDF-Hauptredaktion Außenpolitik
Redaktion Dokumentationen/Reportagen
Ab Donnerstag, 12. August 2010, 22.15 Uhr
Traumstädte
Drei Reportagen aus Buenos Aires, Stockholm und Marrakesch
Produktion: Rolf Erbelding-Lotz, Bernd Arens
Redaktion: Paul Amberg
Donnerstag, 12. August 2010, 22.15 Uhr
Traumstädte
Buenos Aires - Die Leidenschaftliche
Autor: Carsten Thurau
Kamera: Philippe Guinet
Ton: Hernan Gerard
Schnitt: Valeria Valenzuela
Redaktionelle Mitarbeit: Silvina Marquez
Donnerstag, 19. August 2010, 22.15 Uhr
Traumstädte
Stockholm - Die Entspannte
Autorin: Ines Trams
Kamera: Frank Hennecke, André Dolge
Schnitt: Manuel Breindl
Producer: Jürgen von Heymann, Hjördis Müller,
Ulrica Stenbeck
Donnerstag, 26. August 2010, 22.15 Uhr
Traumstädte
Marrakesch - Die Geheimnisvolle
Autor: Stephan Merseburger
Regie: Cornelia Laqua
Kamera: Zeljko Pehar
Ton: Said Ben Omar
Schnitt: Renate Kühn
Producer: Dominique Christian Mollard
Donnerstag, 12. August 2010, 22.15 Uhr
Traumstädte
Buenos Aires - Die Leidenschaftliche
Es ist jetzt zwei Jahre her, da wollte Susanne Lorenz weg. Sie hatte wenig Aufträge zu dieser Zeit, verdiente kaum Geld und überdies verlor sie ihre Wohnung. "Dann bin ich nachts durch mein Viertel spaziert, durch San Telmo", erzählt sie, "und ich habe die Häuser gesehen und das Licht und das Kopfsteinpflaster, mein geliebtes Ambiente hier, und dann ging das nicht. Da habe ich gesagt: Nein, ich kann hier nicht weg." Susanne Lorenz ist 36 Jahre alt und eine der wenigen deutschen professionellen Tangotänzerinnen in Buenos Aires. Der Markt ist schwierig, auch für so gute Tänzerinnen wie Susanne. Also kämpft sie sich durch, gibt Unterricht und Seminare und tritt so oft es geht auf den großen Tangobühnen auf. Buenos Aires kann man nicht einfach verlassen. Wer hier lebt, verfällt schnell dem Charme dieser Stadt. Es dauert nicht lange, dann spürt man diese leidenschaftliche Zuneigung, die auch Susanne davon abhielt, nach Hamburg zurückzukehren.
Buenos Aires ist eine überwältigende Metropole, ein Gigant inmitten der Ödnis der argentinischen Pampa. Über elf Millionen Menschen leben am Rio de la Plata, Arme und Reiche, Glückliche und Glücksuchende, es sind schöne und stolze Menschen, im übrigen Land bisweilen als arrogant verschrien. Sie alle leben in einer Stadt, deren beste Zeit und größter Glanz 100 Jahre zurückliegen. Vielleicht deswegen leben sie mit einer gewissen Traurigkeit und Melancholie, in der Hoffnung, dass die Belle Époque wiederkehren möge. Aber das Einzige, was immer wiederkehrt, sind die Krisen, die großen und kleinen, die persönlichen, die politischen und die wirtschaftlichen, ein Staatsbankrott sogar, das war im Jahr 2002. Es ist erstaunlich, wie Buenos Aires immer wieder auf die Beine kommt, dass diese Stadt nicht im Schmerz untergegangen ist, sondern eine pulsierende, kosmopolitische und mondäne Metropole blieb - für Millionen Menschen eine Traumstadt.
Die Einwohner heißen "Porteños", also "die Menschen am Hafen", und genau dort kamen sie an, mit großen überfüllten Schiffen aus Europa, die meisten Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Viele stammen aus Italien, wie die 68-jährige Florisé Garibaldi. Wenn sie spricht, hört sich ihr Spanisch so melodisch an wie Italienisch, der Sprache ihrer Kindheit. "Mein Herz ist zweigeteilt", sagt die Kalabrierin, "für immer und ewig". Sie besucht regelmäßig die Heimatabende der Kalabreser und ist zu Hause die liebevolle italienische Mama, die die Familie zusammenhält. "Ich glaube, uns fehlt es noch an eigener Identität, vielleicht werden wir alle erst in weiteren zwei Generationen zu wirklichen Argentiniern".
Damit beschreibt Florisé eine Besonderheit der Porteños, nämlich die schwierige und immerwährende Suche nach der eigenen Identität, das ständige Hinterfragen des eigenen Ichs. Es ist kein Zufall, dass es in Buenos Aires gemessen an der Einwohnerzahl weltweit die meisten Psychologen und Therapeuten gibt, neuen Statistiken zufolge exakt 789 pro 100.000 Einwohner, ein Rekord, sogar deutlich vor New York! Der Porteño liebt den wöchentlichen Gang zum Analytiker. Es ist, als liege eine ganze Stadt auf der Couch. Psychologe Alberto Wang erklärt das Phänomen mit der inneren Zerrissenheit der Menschen: "Es ist wie beim Tango. Da gibt es beim Tanz diese unglaubliche Strenge und Beherrschtheit, aber in diesem Körper stecken eine Fülle an Gefühlen und Zartheit. So sind die Porteños - diese äußere Strenge und die tiefe innere Sanftheit charakterisieren sie."
Eine Traumstadt ist Buenos Aires aber für viele Menschen aus der ganzen Welt bis heute geblieben. Der US-Amerikaner Martin Frankel zog vor vier Jahren von New York an den Rio de la Plata. Im schicken und bei jungen Leuten sehr beliebten Stadtteil Palermo Viejo eröffnete er seine Firma "Areatres", die Büroräume an die junge Internetgeneration vermietet. Außerdem betreibt er eine mittlerweile sehr angesagte Bar in der Stadt. "In Buenos Aires kann man mit viel weniger Geld als in den USA geschäftliche Risiken eingehen. Und wenn man das mit netten Leuten verbinden kann und einem tollen Lebensstil, dann macht das viel für mich aus", sagt der 33-Jährige. Denn auch das ist Buenos Aires: eine junge und sehr kreative Stadt. Die Künstlergruppe Mondongo beispielsweise verkauft ihre Werke erfolgreich auf dem internationalen Markt. Sammler und Galerien reißen sich um ihre großflächigen Bilder, für die sie unterschiedlichste Materialien verwenden wie Knete, Glas, Brot oder Wollfäden. Prominentester Kunde ist die spanische Königsfamilie. Auch Jazzschlagzeuger Daniel Piazzolla, Enkel des weltberühmten Tangomusikers Astor Piazzolla, schätzt die besondere Atmosphäre der Stadt. Alle Angebote, ganz in den USA oder in Europa zu spielen, hat der erfolgreiche Musiker abgelehnt: "Wenn man sonntags durch sein Viertel geht und von überall her den Geruch in der Nase hat, wenn die Leute Fleisch grillen und dabei das Fußballspiel im Radio hören, das tausche ich gegen nichts anderes ein, daran hänge ich."
Karina Segura hat eine ganz andere Meinung über Buenos Aires. Die 32-Jährige ist "cartonera", zusammen mit ihren sieben Kindern sammelt sie nachts auf den Straßen Papier und Karton. Schätzungsweise 20.000 Menschen verdienen in der Stadt so ihren kargen Lebensunterhalt. "Träume gibt es hier nicht", sagt sie, "nicht für mich, denn ich sehe, wie es mir und meinen Kindern geht, wohin das alles führen kann." Karina kommt mit ihren Kindern mit dem Vorortzug in die Stadt und sammelt bis nach Mitternacht. Sie muss schnell sein, sonst schnappen ihr andere Cartoneros die Müllsäcke weg. Manchmal, wenn sie zu müde sind, schlafen sie auf der Straße, statt nach der Arbeit nach Hause zu fahren. Kartonsammler gab es früher nicht, nicht damals, vor der großen Wirtschaftskrise von 2002. Diese Menschen haben es nicht geschafft, wieder Fuß zu fassen, sie sind die Vergessenen der Gesellschaft.
Der besseren Gesellschaft hingegen geht es wieder gut. Die Gegensätze zwischen Arm und Reich sind groß in Lateinamerika, da macht auch Buenos Aires keine Ausnahme. Miguel Reynal ist Geschäftsmann, Banker und Immobilienmakler, er ist 49 Jahre alt und hat aus der großen Krise Kapital geschlagen: "Für alle Argentinier war das wie ein 'Vorher und Nachher'. Ich habe diesen Moment genutzt und nach Investoren aus der ganzen Welt gesucht." Miguel studierte in Oxford und Yale, arbeitete für die größten Geldinstitute in Nordamerika und Europa und hat eine große Leidenschaft: Polo. Der Sport ist im Land sehr beliebt, gilt aber auch hier als elitär. Sein Großvater brachte ihm das Polospiel bei, draußen auf der Hazienda der Familie, wo es viel Platz gibt und die besten Pferde. Miguel verpasst kein wichtiges Turnier, und diese Leidenschaft hat er mit seinem Beruf verbunden. Vor den Toren von Buenos Aires baut er auf 250 Hektar einen Poloclub, in dem sich schon die besten Spieler des Landes und viele reiche Ausländer ein Grundstück sicherten. "Das ist ein Traum", schwärmt er, "Polo wird mit einem gewaltigen Tempo immer beliebter auf der Welt."
Buenos Aires - eine Stadt, in der Menschen versuchen, ihren Traum zu verwirklichen, es bereits geschafft haben oder auch beklagen, dass das Leben hier ein Albtraum sein kann. Eine Stadt mit Menschen voller Heimweh nach einem Zuhause, das es für sie im fernen Italien oder Spanien nicht mehr gibt. Eine Stadt, die immer wie Europa sein wollte und deshalb nie so richtig angekommen ist in Lateinamerika. Melancholisch wie der Klang des Bandoneon, leidenschaftlich wie ein Tango und weit mehr als ein Ort zum Leben, nämlich Ausdruck eines ganz besonderen Gefühls, das man nur hier spürt, ein Gefühl stets irgendwo zwischen tiefer Traurigkeit und großem Glück.
Buenos Aires - Liebe vor dem ersten Blick
Von Carsten Thurau
Als ich die Taxitür öffne, kommt mir laute klassische Musik entgegen. Johannes Brahms, die 1. Sinfonie in c-Moll. Der Fahrer ist Einwandererkind aus Russland. Schnell sind wir in einer politischen Diskussion. Über Präsidentin Kirchner, Hugo Chávez in Venezuela, die Politik Angela Merkels in Deutschland. Sergej kennt sich aus. Auch in deutscher Innenpolitik. Sieben Jahre lebe ich jetzt in Südamerika, aber an keinem anderen Ort auf diesem Kontinent fühle ich mich Europa näher als in Buenos Aires. Wenn ich zu Hause in Rio de Janeiro in ein Taxi steige, werde ich nach meiner Lieblingssambaschule oder meinem Fußballfavoriten gefragt. Der Fahrer dort hört Samba. Es ist die schöne brasilianische Leichtigkeit. In den gelb-schwarzen Taxis von Buenos Aires hingegen wird es sofort politisch oder philosophisch, es sind ernste und zuweilen tiefgründige Gespräche für die zehn, fünfzehn Minuten von einem Ort der Stadt zu einem anderen. Da passt Johannes Brahms hervorragend.
Buenos Aires kommt mir vor wie eine Insel. Es ist, als hätten sich vor 100 Jahren Straßen, Häuser und ganze Stadtteile von Rom, Paris, Madrid und Berlin gelöst. Dieses Puzzle aus Ziegeln, Steinen und Beton fügte sich am Rio de la Plata wieder zusammen. Und fertig war Buenos Aires, die Stadt der guten Winde.
Für mich war es die sprichwörtliche Liebe auf den ersten Blick, damals, im Januar 2003, als ich das erste Mal nach Argentinien reiste. Es war die Erfüllung eines Traums aus Kindheitstagen. Ich hatte einen Globus geschenkt bekommen und verbrachte Stunden und Tage damit, die Länder und Städte der Welt zu betrachten. Schnell fiel mir Buenos Aires ins Auge. Einzig und allein, weil mir der Name der Stadt gefiel und mich als kleiner Junge verzauberte: Buenos Aires. Das klingt so wunderschön, dachte ich mir, diese Stadt muss etwas Besonderes sein.
Buenos Aires hat mich nicht enttäuscht. Bei meiner ersten Reise lag die argentinische Wirtschaftskrise gerade ein Jahr zurück. Es waren schwierige Zeiten für die Porteños, wie die Einwohner von Buenos Aires heißen. Viele hatten viel Geld verloren, Armuts- und Arbeitslosenrate waren in die Höhe geschnellt. Doch ihre Würde und ihren Stolz hatten die Menschen nicht verloren. Freundlich und sanftmütig kamen sie mir vor, weit weniger arrogant und hochnäsig, wofür sie viele im Land und in ganz Südamerika halten. Ich hatte den Eindruck, als ob die Krise, der Staatsbankrott, diese Stadt geerdet hatte, zurück geholt in die Realität, dass der tiefe Absturz auch eine Chance war für einen Neuanfang.
Seit dieser Zeit kam ich immer wieder nach Buenos Aires, viele Male im Jahr zu Dreharbeiten, manchmal nur für ein paar Tage, manchmal ein paar Wochen lang. Es ist immer etwas Besonderes, wenn die Maschine nach knapp drei Stunden Flug von Rio de Janeiro in den Landeanflug übergeht, zuerst den riesigen, braunen Rio de la Plata überquert und dann langsam über der Stadt eine Schleife dreht, wenn man die Straßen und Avenidas im Schachbrettmuster sieht, die Häuser und Palais, die Avenida 9 de Julio mit dem Obelisk, dieses riesiges Stück Zivilisation in der Ödnis der Pampa.
Für viele Einwanderer mag sich dieser Moment noch weit bedeutsamer angefühlt haben, nach Wochen auf See den Hafen von Buenos Aires im Blick, die neue Heimat, den Ort der Sehnsüchte und Träume. Die Mexikaner stammen von den Azteken, die Peruaner von den Inkas ab, und die Porteños kommen von den Schiffen, sagt das Sprichwort. Buenos Aires, eine Stadt im ewigen Dilemma zwischen den Kontinenten. So unendlich weit weg von der alten Heimat und doch ein wenig der Nabel der Welt.
Die Fahrt vom Flughafen führt auf einer Autobahn vorbei an schmucklosen Stadtvierteln, aber wenn der Fahrer die Abfahrt zum Zentrum nimmt und einbiegt in die Avenida 9 de Julio, dann ist das für mich jedes Mal ein bewegender Moment. Diese verschwenderisch große Prachtstraße, 140 Meter breit, 20 Fahrspuren, in der Mitte der Obelisk wie ein mahnender Zeigefinger, links und rechts abwechselnd Häuser aus der Jahrhundertwende oder moderne Glaspaläste. Hier im Zentrum vereint die Stadt das Schönste, was das elegante Paris oder das schicke Barcelona zu bieten haben. Es ist so schön, dass man gar nichts mehr sagen möchte, man schaut und staunt ehrfürchtig. Wie ist so viel europäische Belle Époque möglich - mitten in Südamerika?
Sicher, die Belle Époque ist längst vorbei in Buenos Aires, dazu hat die Stadt zu viele Tragödien erlebt und Krisen durchlitten, die blutige Zeit der Militärdiktatur oder die Wirtschaftskrise von 2002. Argentinien gehörte zu den reichsten Ländern der Erde, doch die goldenen Zeiten sind längst Geschichte. Das macht die Porteños melancholisch und sehnsuchtsvoll, aber sie ertragen diesen häufigen Wechsel der Gefühle und Stimmungen mit einer angenehmen Leichtigkeit, niemals würde ich sie als schwermütig bezeichnen. Mir gefallen die Einwohner sehr mit ihrer Ernsthaftigkeit, Offenheit und Verbindlichkeit, mit ihrer Eleganz und Schönheit. Man muss ihre Leidenschaften kennen - sie diskutieren so hitzköpfig wie sie Auto fahren - und stets sollte man auf ihre Gefühle achten, denn sie sind nach Außen stolz, aber Innen sehr sensibel. Das Selbstbewusstsein der Porteños hat gelitten in der Vergangenheit. Wenn man außerdem achtgibt, niemals ein schlechtes Wort über Fußballgott Maradona zu verlieren, dann hat man ihre Sympathie gewonnen und sogar gute Freunde gefunden.
Buenos Aires hat eine Seele und ein großes Herz. Das kann man nicht von jeder Metropole behaupten. Wer Sinn hat für Nostalgie und wer vor großen Gefühlen nicht zurückschreckt, wird Buenos Aires lieben. Die Stadt hat weit mehr als nur einen wunderschön klingenden Namen.
Donnerstag, 19. August 2010, 22.15 Uhr
Traumstädte
Stockholm - Die Entspannte
Veerle Schrovens ist Stockholm verfallen. Täglich klettert sie in Bergsteigermontur auf die Dächer der Stockholmer Altstadt und kann sich kein anderes Leben vorstellen. Die 41-Jährige braucht das. Den Blick auf die pastellfarbenen Häuser und auf das glitzernde Wasser von Ostsee und Mälarsee, die im Zentrum Stockholms zusammenfließen. Vor 15 Jahren kam die Belgierin als Groß- und Außenhandelskauffrau das erste Mal im Rahmen einer Dienstreise nach Stockholm. Im dunklen, kalten Winter. Doch zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sich die rastlose Veerle zu Hause. "Ich komme von hier", fühlte sie damals. Obwohl sie nie zuvor in Stockholm gewesen war. Die Natur in und um die Stadt, die alten Prachtbauten, die entspannte Atmosphäre, nicht zuletzt die sanfte schwedische Sprache, die sich anfühlt wie ein Kuscheldecke - all dies ließ Veerle nicht mehr los. Sie gab ihre Arbeit auf und zog nach Stockholm. Und als wäre es Schicksal, fand sie den Traumjob, der ihr nun mehrmals täglich eine einmalige Perspektive auf die Stadt erlaubt: Sie organisiert Klettertouren über die Dächer der Altstadt.
Stockholm ist eine schwimmende Metropole, mit einzigartiger Stadtgeografie: Jeweils ein Drittel der Stadtfläche besteht aus Grünflächen, Wasser und bebautem Gebiet. Man kann mitten in der City Schwimmen, Angeln oder im Winter Schlittschuhlaufen. Ostsee und Mälarsee umarmen Stockholm an allen Ecken und Enden, das glitzernde Spiel des Wassers ist in der Stadt überall sichtbar. Stockholm liegt auf 14 Inseln, die durch 57 Brücken verbunden sind. Alles in Stockholm ist auf Inseln erbaut.
Auch für viele Schweden ist Stockholm ihre Traumstadt. Sie kommen aus der schwedischen Provinz in die Hauptstadt, um sich hier zu verwirklichen, in Design, Musik, Literatur und Business.
Deutsche Besucher mögen Stockholm aus ganz anderen Gründen. Sie träumen von Astrid Lindgrens "Bullerbü"-Paradies, in dem sich die Menschen immerfort ein freundliches "Hej, hej" zurufen. Oder von der lässigen Coolness, von viel Design und blonden, langbeinigen Schönheiten. Oder von der richtigen Work-life-balance, bei der die Schweden den Dreh 'raus haben. Warum nur sind sie so effizient und schaffen es doch, täglich eine 90-Minuten Mittagspause hinzubekommen und sich bereits am Freitagmittag in die Schären zu verabschieden?
Eine, die es in Stockholm und in der Welt geschafft hat, ist Filippa Knutsson, Chefdesignerin des Labels Filippa K. Überall könnte sie arbeiten, in New York, Paris, Mailand. Doch für sie kommt als Arbeitsplatz nur Stockholm in Frage. Nur hier könne man so entspannt das Design-Business angehen, sagt sie. So kollegial, so kleinstädtisch gemütlich.
Dennoch: Schweden hat sich seit Mitte der 90er Jahre so schnell verändert wie nie zuvor, und nirgendwo sonst als in Stockholm ist dieser Wandel so präsent. "Das öffentliche Leben schillert plötzlich so", reiben sich einige verwundert die Augen. Junge Unternehmer streben vermehrt in die riskante Selbständigkeit, bauen Startup-Firmen auf in fast jeder denkbaren Branche, überwiegend jedoch - typisch skandinavisch - im Internet- und Telekom-Bereich. Die "Volksheim"-Idee aus den 30er Jahren, eine skandinavische Form des Sozialismus, ist auch heute noch immer das Fundament, auf dem die Gesellschaft ruht. Dennoch schlägt die Gesellschaft - am deutlichsten erkennbar in der Hauptstadt - einen Weg ein fort vom "Volksheim"-Gedanken hin zu Individualismus, hin zur "Ich-Gesellschaft", in der Werbung für sich selbst und Marketing für die eigene Idee immer wichtiger werden. Die Tradition dieser Gesellschaft und die Wünsche der Nachgeborenen passen nicht mehr recht zueinander. Sie können mit der Gleichmacherei und dem Wohlbehagen des "Volksheims" nichts mehr anfangen, wollen sich mit "Durchschnitt" nicht mehr zufrieden geben.
Am Stureplan, dem schicken Einkaufsviertel Stockholms treffen sie sich zum Mittagessen, zum Hummer und eisgekühlten Chardonnay. So auch Martin, junger Unternehmer. Gerade mal 30 ist er und schmeißt eine PR-Firma mit über 30 Mitarbeitern. Er arbeitet wie verrückt, und hat in einem Land - in dem Verkauf und Marketing bislang als "schmutzig" galten - den Schwerpunkt seiner Firma genau darauf gelegt, auf eine engagierte Verkaufsstrategie. In einem Land, in dem es verpönt ist, besondere Qualifikationen hervorzuheben, wird in Martins Firma alle vier Wochen der erfolgreichste Mitarbeiter des Monats gekürt. Start-Upper Martin will nicht mehr den so typischen Neid der Schweden fürchten. Er will das Recht haben, erfolgreich zu sein und das Geld, das er verdient, in ein anderes Auto als einen Volvo zu investieren. Für ihn soll Luxus kein Tabu mehr sein.
Zerfällt das schwedische Volksheim? Zerreißt das starke soziale Netz, das die Schweden über Jahrzehnte aufgefangen hat? Krimi-Autor Arne Dahl schreibt das - wie so viele andere seiner Kollegen - in seinen Büchern und sieht es auch in der Realität mit Blick auf Stockholm genau so. Bullerbü gibt es nicht mehr, sagt er. Die Tatsache, dass die schwedische Gesellschaft - hauptsächlich in der Hauptstadt - zusehends zu einer verkommt, in der man seinen "Nachbarn frisst", macht ihm zu schaffen. Hinter der soliden, friedlichen Front der Stockholmer gäbe es viel mehr Abgründe als wir Deutschen "Bullerbü"-Fans uns das vorstellen wollten.
Andere Stockholmer entdecken das Volksheim in der heutigen Zeit für sich neu. Zum Beispiel Peter Dobers. Er ist sogenannter "Latte Papa", also einer der vielen Väter in Stockholm, die sich für die Erziehung ihrer Kinder monatelang vom Job freinehmen (und angeblich den ganzen Tag lang nur Latte macchiato trinken). Peter ist für vier Kinder im Rahmen der Elternzeit fast drei Jahre zu Haus geblieben. Dass das möglich war bei 90 Prozent seines Gehalts - für ihn ein moderner Aspekt des traditionellen Volksheims, in dem er gerne wohnt.
Stockholm hat sich zu einer weltoffenen und eleganten Weltstadt entwickelt, Dennoch ist Stockholm eine bunte, entspannte Metropole geblieben, die Stockholmer selbst erweisen sich als ein - für eine Millionenstadt - unerwartet lässiger und heiterer Menschenschlag. Die schwedische Vokabel lagom umschreibt die Stadt wohl am besten: "in Ordnung", "genügend", "passend", "gerade richtig".
Jantelag - Vom Gesetz, gleich sein zu müssen
Von Ines Trams
Wie oft schauen wir Deutschen doch gen Norden, voll Ehrfurcht, auch voll Neid auf die schwedische Gesellschaft, die so viel mehr zu sein scheint - nämlich eine Gemeinschaft. In unseren Augen kommt Schweden einer wirklich egalitären Gesellschaft schon recht nahe. Jeder ist gleich. Doch an dieser Gleichheit wird heute gerüttelt - und zwar von den Hauptstädtern, den Stockholmern. Sie wollen raus aus dieser "Zwangsjacke" und sich befreien vom "Muff der Gleichheit".
Das Fundament dieser Gleichheit ist das Gesetz des Jante. Nicht wirklich rechtswirksam ist es, dieses Jantelag, dennoch sitzt es von jeher in den Köpfen der Schweden und bestimmt ihr Handeln und Tun, ihren Nationalcharakter. Das Gesetz besteht aus zehn Geboten, die vereinfacht alle besagen: "Du bist nicht besser als alle anderen!" Die einzelnen Unterkategorien gehen auf depressiv-stimmende Details ein: "Du bist nicht schlauer", "Du sollst nicht glauben, dass sich jemand für dich interessiert", "Du sollst nicht glauben, dass du etwas bist".
Nach Jante ist es verpönt, sich hervorzutun, besser sein zu wollen als alle anderen. Das Mittelmaß wird zum Ideal erhoben, und das Wort Elite bekommt einen unangenehmen Klang. So entsteht eine Form von Konformität, die das Leben in Schweden nach strikten und engen Regeln organisiert.
Im Alltag Stockholms wird man mit der unsichtbaren Macht des Jantelag überall konfrontiert. Zum Beispiel in der Gastronomie. Service ist ein Fremdwort in Schweden. Niemand soll besser sein als der andere, niemand soll einem anderen dienen müssen. Selbst gute Restaurants funktionieren oft als Selbstbedienungsrestaurants, die berühmten Cafés der Stadt sowieso. Und so verbringt der sich selbst bedienende Gast dann oftmals bis zu einer Stunde in der Schlange am Tresen. Ein gemütlicher Kaffeeplausch sieht anders aus.
Am besten tritt der Einfluss des Jantelag in Diskussionen zutage. Es ist generell unangemessen, laut zu reden, das Gespräch an sich zu reißen oder eine Meinung zu vertreten. Es wird diskutiert bis zum Konsens und man merkt oft, dass Leute mit ihrer wirklichen Meinung nicht herausrücken. Denn wenn man auf seiner eigenen Meinung beharrt und sie vehement verteidigt, wirkt man nicht nur äußerst unhöflich, sondern bringt seine Gesprächspartner in Bedrängnis, weil ihnen diese Situation fremd ist. Pointierte, meinungsfreudige Aussagen, über die sich Journalisten so sehr freuen, sind den Schweden schwer zu abzuringen. Genau wie positive Statements. Denn Komplimente, Lob, erst recht Eigenlob kann der Schwede nur schwer ertragen. Auch die Aussagen über die Traumstadt Stockholm, die wir so gerne hören wollten, kamen nur zögerlich. Ein Stockholmer preist doch nicht seine eigene Stadt an.
Stockholm ist eine der Städte mit dem größten Trendbewusstsein der Welt. Die Stockholmer sind besessen von allem Neuen. Ist ein Handygerät, eine Jeansform oder ein Look älter als ein paar Monate, ist es für die Stockholmer bereits antik. Nicht umsonst nutzen internationale Mode- und Elektronikfirmen Stockholm als Test-Stadt. Funktioniert es hier nicht, hat es nirgends eine Chance.
Und dennoch sehen alle in der Stadt gleich aus. Na klar, das Gesetz des Jante! Denn man stürzt sich kollektiv auf das Neue. Springt einer auf einen Trend, tun es alle. Bloß nicht auffallen. Sind kurze Röhrenjeans, Oma-Pumps und die Farbe Türkis angesagt, stellen die Stockholmer stillschweigend sicher, dass jeder, aber auch wirklich jeder, mit exakt den selben Hosenbeinen, Retro-Schuhen und in Türkis herumläuft. Es scheint, als ob man sich hier sicherer fühlt, wenn man wie alle anderen aussieht.
Und der seit einigen Jahrzehnten weltweit so bestimmende puristische, minimalistische Stil der Schweden in Mode und Design? Die Theorie liegt nicht fern, dass gerade das Gesetz des Jante, die mangelnde Konfliktfähigkeit der Schweden und ihre ständige Suche nach dem Konsens Ursachen sind für genau diesen Stil.
Bloß nicht anecken. Nicht mit Rüschen, Schnörkeln, Prunk und Protz, Farbe, Glanz oder Glamour. Immer schön schlicht und damit unauffällig bleiben.
Jantelagen funktioniert bis heute als Kitt der schwedischen Gemeinschaft, die wir von Außen so oft beneiden. Man könnte meinen: sympathisches Jantelag, eine Ermahnung zur Bescheidenheit. Doch Jante bedeutet eben auch eine strikte Norm, gegen die man nicht verstoßen darf. Wer zu sehr herausragt und Jante herausfordert, wird von Familie, Nachbarn und Kollegen wieder aufs Mainstream-Niveau zurechtgestutzt. Demütig sein, Selbstbeherrschung üben, sozialer Gehorsam, all das forderten die Gebote des Jantelag bislang. Doch diese Unterdrückung von Individualität und Leistung, welche über das Mittelmaß hinausgehen, wollen immer mehr junge Stockholmer nicht mehr akzeptieren.
Ein langsamer Abschied vom Gesetz des Jante hat begonnen. Fortschreitende Internationalisierung und Einwanderung sind die größten Feinde des Jantegesetzes, aber auch gleichzeitig die besten Möglichkeiten, es zu überwinden.
Und Schweden ist anders geworden. Man ist stärker in internationale Zusammenhänge eingebunden, die Leute reisen mehr. Man muss sich behaupten und dabei auch mal lauter werden oder jemand anderen in der Diskussion unterbrechen. Die 18- bis 25-Jährigen von heute sind weltgewandter, aufgeschlossener und sozialer, härter im Geben und im Nehmen als ihre Altersgenossen früherer Generationen. Dass die hiesige Version von "Deutschland sucht den Superstar" zu den beliebtesten Programmen zählt, und dass weder Publikum noch Darsteller des Mobbing-TVs müde werden, ist dafür wohl deutlicher Beleg.
Donnerstag, 26. August 2010, 22.15 Uhr
Traumstädte
Marrakesch - Die Geheimnisvolle
Sophie Raynal zeigt uns stolz ihr Gästehaus in der Medina von Marrakesch. 400.000 Euro hat sie investiert und aus einem heruntergekommenen Riad - so nennt man in Marokko Stadthäuser mit Garten, ein stilvolles Hotel gemacht. "In Marrakesch kannst du deine Träume noch verwirklichen", sagt die Architektin aus der Gegend von Toulouse. "Frankreich ist so fest gefahren, da bekommst du so etwas nicht auf die Beine. Es sei denn, du erbst Millionen". Sie hat sich in Marrakesch verliebt, die Farben, die Gerüche, die Freundlichkeit der Menschen. Marrakesch ist ihre Traumstadt.
El Manouni el Kebir ist Schlangenbeschwörer, seit Generationen sind sie das in seiner Familie. Sein Arbeitsplatz ist der sagenumwobene Jemma el Fna, der Platz, der einen Großteil der Magie Marrakeschs ausmacht. Jeden Tag lässt er seine Vipern und Kobras tanzen. Sind die wirklich gefährlich, wollen wir wissen? "Natürlich, sie sind giftig, es ist ein gefährlicher Job" antwortet er. "Ich wurde schon mehrfach gebissen, und jedes Mal hat mich Gott gerettet. Allah ist groß".
Wie auch immer. In der Apotheke um die Ecke jedenfalls behauptet man, kein wirksames Gegengift für Schlangenbisse zu haben. Was ist Wahrheit, was Märchen? Schwer zu sagen in Marrakesch, der Stadt, die wohl wie keine andere den Traum von Tausend und einer Nacht verkörpert.
Es ist dieser Traum, der den internationalen Jetset nach Marrakesch treibt. Modegott Yves Saint Laurent war einer der ersten, der kam. Hetti von Bohlen Halbach, die Witwe des Krupp-Erben Arndt Krupp von Bohlen Halbach, hat sie alle empfangen: Mick Jagger, Andy Warhol und all die anderen - und legendäre Feste gegeben. Sie empfängt uns exklusiv in ihren Anwesen, das König Hassan II. den Krupps geschenkt hat. Die besseren Kreise ...
Seit König Mohammed VI. Marokko behutsam modernisiert und den Tourismus fördert, boomt Marrakesch wie nie zuvor. Luxushotels und Golfplätze schießen wie Pilze aus dem kargen Wüstenboden. Und die Stars kommen. Sting, Madonna, Kate Moss und Richard Branson haben sich prächtig eingekauft. Tom Cruise und Katie Holmes suchen angeblich. Trotz Finanzkrise - die Preise für die Traumimmobilien sind stabil und hoch.
Es war des Königs Vater Hassan II., der in den 60er Jahren Marrakesch für die große weite Welt geöffnet hat. Als erste kamen die Gettys, dann schenkte Hassan II. Alfried Krupp ein Grundstück, das zuvor Franzosen gehört hatte, die nach Ende des französischen Protektorats 1956 enteignet wurden. Hassan II. wollte internationalen Glanz, Stars und Reichtum für Marrakesch. Das Kalkül ging auf. Die Agnellis kauften sich ein, die Stones und Andy Warhol besuchten die Gettys, die Krupps, Yves Saint Laurent und Givenchy. Man feierte in den 60er und 70er Jahren rauschende Feste.
Seit 20 Jahren bietet der Franzose Maurice Otin Heissluftballontouren an. Zu den Gästen, die den Ausflug mit Champagner und Erdbeeren buchen, gehörten auch Naomi Campbell und Boris Jelzin. Über die als zickig verschriene schwarze Schöne weiß Maurice Otin nur Bestes zu berichten. "Sie war unglaublich freundlich, und über ihr Äußeres muss man wahrlich kein Wort verlieren. Sie trank in Maßen. Boris Jelzin dagegen schüttete Wodka in seinen Champagner".
Mohammed VI., seit 1999 König von Marokko, hat ehrgeizige Ziele im Bereich Tourismus. Sein sogenannter Plan Azur umfasst Milliarden-Investitionen und soll dieses Jahr zehn Millionen Touristen ins Land holen. 2000 kamen gerade einmal vier Millionen. Marrakesch ist dabei von zentraler Bedeutung, sowohl für den Massentourismus als auch für Luxusurlauber. In den 70er Jahren war die Perle des Südens ein Städtchen, heute ist sie eine Millionenstadt. So mancher Marrakschi findet, das explosive Wachstum gefährde den Charme der Stadt.
Das legendäre Hotel Mamounia, von dem Winston Churchill einst sagte, es sei der schönste Ort der Welt, hat sich neu in Schale geworfen. Der französische Star-Architekt Jacques Garcia hat es durchdesignt. Das Personal verfügt über 60 verschiedene Uniformen. Es gibt ein Duftkonzept in den Räumen, am Empfang riecht es süßlich nach Datteln. Und der Wellness-Bereich ist der größte und feinste von ganz Marokko. Unter 600 Euro die Nacht geht gar nichts. Der Laden ist trotzdem voll. Vor allem aber gibt es zu wenige Suiten, die ab 1300 Euro zu haben sind. Der Traum von Tausend und einer Nacht ist hier nur mit prall gefüllter Börse zu verwirklichen. Dafür darf der geneigte Gast dann aber durch den herrlichen Garten spazieren. Ein Park, eine Oase mitten in Marrakesch. Von Mauern umgeben, wie alles in der Stadt. Marrakesch versteht nur, wer hinter die Mauern guckt.
Mohammed Benmma dagegen klagt, die Zeiten seien schon mal besser gewesen. Vier Färber gibt es noch in der Medina, füher waren es mehr als 40.
Marrakesch, der Atlas und andere Verführungen
Von Stephan Merseburger
Wir sind mit einem ganz bestimmten Bild nach Marrakesch gekommen: Es ist traumhaft schön, ziert Kataloge, Hotel- und Immobilienwerbungen. Man sieht das Minarett der Koutoubia-Moschee und dahinter den von Schnee bedeckten Atlas. Eine Postkarte - aber so bezaubernd, dass auch wir sie drehen wollten. Wir sind sehr früh aufgestanden, mehrere Male, und haben es versucht. Nichts zu sehen. Auch abends nicht. Es war so dunstig, dass das Gebirge bestenfalls zu erahnen war. Wir sind in einen Heißluftballon gestiegen, in der Hoffnung, ihn endlich zu sehen. Doch außer heißer Luft war gar nichts. Irgendwann haben wir uns dann gesagt: "Dieser blöde Atlas, der existiert doch gar nicht. Alles Illusion, Lüge, Fälschung, orientalisches Märchen". Und dann sind wir einfach hinein gefahren in den Atlas. Eine wunderschöne Berglandschaft vor den Toren von Marrakesch. Die Nähe zum Atlas ist einer der Faktoren, der Marrakesch zu einer Traumstadt macht.
Die Franzosen lieben Marrakesch. Es gibt acht Direktflüge pro Tag von Paris nach Marrakesch, der Flug dauert drei Stunden. Scherzhaft nennen die Franzosen Marrakesch schon das 21. Arrondissement von Paris. Franzosen leiten große Hotels, französische Stararchitekten designen sie, und die Franzosen kaufen die Altstadt, die Medina. Prächtige Riads, Stadthäuser mit Gärten, die sie renovieren und dann als Hotels betreiben. Für gehobene Ansprüche. Marrakesch wird mehr und mehr zum Tummelplatz betuchter Europäer. Auch der Jetset erliegt der Magie der Stadt. Madonna, Sting und Kate Moss haben sich längst eingekauft.
Die Franzosen bevorzugen bekanntlich ihre Küche und bleiben gerne unter sich. Die Auslandsfranzosen haben eine Kantine, ein Restaurant in der Neustadt Guéliz, das in einem Garten liegt. Les Jardins de Guéliz. Der Besitzer ist ein Hüne aus dem Südwesten Frankreichs, der Region, die für Foie Gras und üppiges Essen berühmt ist. Jean Baptiste sieht aus, als würde er jeden Tag ein ganzes Lamm und diverse Entenstopflebern verdrücken. Foie Gras, Ente und Lamm zieren auch seine Karte. Und die Franzosen schlagen zu, bei 40 Grad im Schatten. Vaterlandsliebe geht durch den Magen. Aber es gibt auch leichte Köstlichkeiten.
Ein marrokanisches Festmahl ist die reinste Völlerei. Wir haben das in dem traumhaft schönen Palast Dar Yacout über uns ergehen lassen. 16 verschiedene Mezze wurden als Vorspeise gereicht. Als ich versehentlich in die Lammleber biss, dachte ich, der Abend ist gelaufen. Mir wird schlecht. Ein großer Schluck Rosé aus einer magischen Karaffe, die nie leer wurde, konnte Abhilfe schaffen. Dann gab es Huhn mit Oliven und eingelegter Zitrone, was köstlich war und sättigte. Es folgte der Höhepunkt: Lamm, Unmengen von Lamm. Dazu Couscous und Gemüse. Wir waren längst bewegungsunfähig, allein die magische Karaffe verlieh uns Kraft. Dann kam noch eine Pastilla, Blätterteiggebäck mit Vanillecrème. Der nächste Tag war mühsam, sehr mühsam.
Tagine, Couscous, Fleischspieße, Fleischspieße, Couscous, Tagine. Irgendwann waren auch wir ständig bei Jean Baptiste, denn dort kann man auch Fisch und Salat speisen, die Portionen sind überschaubar, und der Wein ist endlich, was einfach gesünder und den Temperaturen angemessener ist.
In den Souks, also auf dem Bazar, gibt es mittags Schatten, was die Hitze erträglicher macht. Touristenhorden schleichen unentschlossen an Gewürz- und Parfummischungen vorbei, bestaunen Gucci- und Louis Vuitton-Fälschungen aus China oder marrokanische Keramik. Man sollte nicht allzu sehr ins Träumen geraten, denn Mopeds rasen durch die engen Gassen und Karren, die von Eseln gezogen werden. Wer planlos in der Gegend steht und Stau verursacht, ist nicht gern gesehen.
Wir waren, getrieben von unserem journalistischen Ehrgeiz, natürlich bemüht, etwas Originelles zu finden, etwas für Marrokaner. In einer Seitengasse stießen wir auf den Laden von Nourdine Ahrmih. Ein hochgewachsener, hagerer, junger Mann mit riesigen, hervorstehenden Augen, der bedeutungsschwer flüstert. Sein Geschäft: eigenartig. Zu kaufen: Schlangenhaut, Tieraugen, lebende und ausgestopfte Tiere, allerhand befremdliches Zeugs. Wozu das Ganze gut ist, fragte ich ihn. Er sagte "Gri Gri". Gri Gri ist eine Art Wunderheilung, schwarze Magie, mit der Leiden angeblich verschwinden und durch die schlecht gesonnene Zeitgenossen wohlgestimmt werden könne. Eine Entdeckung dachten wir und fragten Nourdine Ahrmih, ob schon einmal jemand vom Fernsehen oder vom Film da war. Seine Antwort war entwaffnend: Ja, Steven Spielberg.
Biografien der Autoren
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Carsten Thurau Leiter des ZDF-Studios in Rio de Janeiro |
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18. April 1967
1987
1988
1989/1990
1992-1998
1992-1994
seit 1995 Sept. 1999 bis Sept. 2001 Okt. 2001 bis Sept. 2003 seit Okt. 2003 |
in München geboren Abitur in Trier Wehrdienst Volontariat bei der Tageszeitung "Trierischer Volksfreund" Studium der Volkswirtschaftslehre an der Universität Trier, Abschluss: Diplom Mitarbeiter des Südwestfunks (Hörfunk) Redakteur des ZDF Reporter in der HR Aktuelles ("heute", "heute Nacht") Moderation der Sendung "diese Woche", Aktuelle Berichterstattungen und Auslandseinsätze in der HR Außenpolitik, Redakteur, Reporter und Moderator der Sendung "heute in Europa" Reporter in der HR Aktuelles; Einsätze im Nahen Osten, in Krisen- und Kriegsgebieten, Washington, Tel Aviv Leiter des ZDF-Studios Rio de Janeiro |
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Ines Trams Leiterin des ZDF-Landesstudios Schleswig-Holstein und Korrespondentin für Nordeuropa |
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4. Okt. 1967
1988 bis 1991
1991 bis 1992
Februar 1993 Mai 1993 seit Juli 2005 |
in Hamburg geboren Magister-Studium an der Ludwig-Maximilians-Universität in München (Hauptfach: Amerikanistik, Nebenfächer: Neuere Geschichte, Politikwissenschaften) für drei Semester Graduate-Studentin am History Department der New York University (NYU)/New York City als Stipendiatin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) Abschluss der Master Thesis/Magisterarbeit an der New York University (NYU) mit dem Thema "Die Rhetorik der Präsidenten Truman, Eisenhower und Reagan im Kalten Krieg" Offizielle Verleihung des Master of Arts der Graduate School of Arts and Science der New York University Leiterin des ZDF-Landesstudios Schleswig-Holstein und Korrespondentin für Nordeuropa |
| Journalistische Ausbildung/Praxis: | |
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Juni/Juli 1988 1989
April 1990 März/April 1993 Dez. 1994 bis Feb. 1995 Juli bis August 1995 Sept. 1995 bis Feb. 1997 Okt. bis Dez. 1996 Juni 1997 bis Aug. 1997 Sept. 2000 bis Mai 2003 Mai 2003 bis Juni 2005 seit Juli 2005 |
Praktikum beim Weser Kurier, Bremen Freie Mitarbeit beim Weser Kurier, Bremen Praktikum bei Radio ffn, Hannover Hospitanz beim Norddeutschen Rundfunk im Landesfunkhaus Niedersachsen, Hannover Praktikum bei Antenne Bayern, München Hospitanz beim Fernsehen der Deutschen Welle in Berlin Redaktionsvolontariat bei der Deutschen Welle in Köln und Berlin sowie in den Deutsche Welle-Studios Bonn und Brüssel (Hörfunk und Fernsehen) Austauschvolontärin im Studio Washington des ZDF festangestellte Redakteurin im ZDF-Morgenmagazin; in dieser Zeit auch zahlreiche Einsätze für die Aktualität, z.B. im Kosovo (Juli und Oktober 1999), in Enschede/Niederlande (Mai 2000), beim Hochwasser in Polen im Juli/August 1997 Leiterin des ZDF-Landesstudios Saarland in Saarbrücken Leiterin des ZDF-Magazins "drehscheibe Deutschland" Leiterin des ZDF-Landesstudios Schleswig-Holstein |
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Stephan Merseburger Korrespondent im ZDF-Studio Paris |
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1964
seit Okt.1988 seit April 1992 seit April 1994 1997 bis 1998
Okt. 1998 bis Feb. 2003 seit März 2003 |
geboren in Brüssel Studium der Politikwissenschaft in Hamburg, Paris und Berlin Abschluss: Diplom Mitarbeiter im ZDF-Landesstudio Berlin; aktuelle und kulturelle Themen, Beiträge für das 3sat-Magazin "Inter-City" Redakteur und Reporter für das "ZDF-Morgenmagazin" Wechsel ins Kulturressort des "ZDF-Morgenmagazins", regelmäßige Präsentation des Filmtipps,-Berichterstattung von den Filmfestspielen in Berlin, Venedig, Cannes Moderator der Frühausgabe des ZDF-Morgenmagazins Redakteur in der ZDF-Hauptredaktion Außenpolitik Korrespondent im ZDF-Studio Paris |
Quelle:
ZDF - Zweites Deutsches Fernsehen
ZDF Presse - August 2010
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veröffentlicht im Schattenblick zum 30. Juli 2010