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FRAUEN/836: Frauen und Prekarisierte zahlen für die Krise (poonal)


poonal - Pressedienst lateinamerikanischer Nachrichtenagenturen

Frauen und Prekarisierte zahlen für die Krise

Von Raúl Zibechi



Drei Frauen mit Schutzmasken hinter einem Fenster - Foto: © desinformémonos

Foto: © desinformémonos

Der uruguayische Journalist und politische Theoretiker Raúl Zibechi analysiert die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf unsere Wohn- und Arbeitswelten.

(Montevideo, 16. März 2020, desinformémonos) - Welche Unternehmen können einer Schließung oder Tätigkeitsbeschränkung länger als einen Monat standhalten? Sicherlich nur die großen Unternehmen - die, die einen starken finanziellen Hintergrund haben, die zu einer multinationalen Kette gehören - wie die Supermärkte. Die Tage der kleinen Geschäfte, in denen die Arbeitskräfte oft Familienmitglieder sind, sind womöglich gezählt. Welche Folgen hat es, die Menschen in ihren Häusern einzusperren? Wer wird sich um die Familie kümmern? Ohne Zweifel die Frauen. Die Mütter, die Großmütter, die Mädchen und die weiblichen Jugendlichen werden gezwungen sein, Väter, Großväter, aggressive Brüder, Verfolger und sogar gewalttätige Männer zu ertragen, ohne auch nur die geringste Möglichkeit zu haben, das Blatt zu wenden.


Isolation statt Protest und Solidarität im öffentlichen Raum

An den Tagen um den 8. März hat die feministische Bewegung überall auf der Welt (außer in Asien) eine faszinierende emanzipatorische und anti-patriarchale Macht gezeigt. Und jetzt fällt auf, dass die Auswirkungen der Krise erneut auf den Rücken der Frauen ausgetragen werden, auf den Schultern von Millionen von Frauen, auf denjenigen, die den privaten Raum als einen Leidensweg erlebt haben. Im Laufe der anhaltenden Isolation wird klar werden, dass die Misshandlungen sich intensivieren. Im Gegenzug dazu werden die Möglichkeiten zu einer Anzeige aber geringer, und ebenso die, sich mit anderen Frauen zusammenzutun. Der Staat isoliert die Frauen in ihren Häusern, während die Möglichkeit, sich gegen Missbrauch und männliche Gewalt zu wehren, darin bestand, auf die Straße zu gehen, den öffentlichen Raum zu besetzen und sich mit vielen zusammenzutun. Von der Einsamkeit der Balkone und Fenster aus kann nur wenig getan werden, um die Übergriffe zu verhindern.


Die Krise des Kleinunternehmertums

Mit den Menschen in unsicheren Arbeitsverhältnissen (Arbeit auf Märkten, Flohmärkten, in Straßenverkäufen, informellen Beschäftigungsverhältnissen und die vielen verschiedenen Arten von Arbeit in der Gemeinschaft, um in ihr zu überleben) passiert etwas Ähnliches. Erstens sind es mit großer Mehrheit die Frauen, die die informelle Wirtschaft stützen. Und zweitens: Wenn man nur wenige Tage nicht in der Lage ist, zu verkaufen oder Dienstleistungen zu erbringen, verdammt das die gesamte Familie zu größter Armut - besonders die Jungen und Mädchen, die von der unsicheren Arbeit ihrer Mütter und Väter abhängig sind.

Die Krise der kleinen Unternehmen und die der Märkte führt dazu, dass es zu einer intensiveren Anhäufung und Konzentration des Kapitals in großen Unternehmen kommt, die in der Lage sind, der Krise standzuhalten, weil diese mit dem einen Prozent der reichsten Menschen der Bevölkerung verbunden sind, die sich - wie immer - an der Notlage der restlichen Bevölkerung bereichern.

Die informelle Wirtschaft in Lateinamerika wird neben den Frauen mehrheitlich von Angehörigen der Indigenen und Schwarzen Bevölkerung, bäuerlichen und städtischen Bevölkerungsgruppen, die am Rande der großen Städte wohnen, getragen.


Das Leid tragen immer die selben

Wenn man die Art und Weise beobachtet, wie die Staaten versuchen, die Krise zu lösen, die die Epidemie des Corona-Virus ausgelöst hat, so werden genau wieder die sozialen Bereiche die Leidtragenden der Vorgehensweise sein, mit der man den Virus "zerstören" will, die immer schon die Leidtragenden waren: Diejenigen, die schon in den "Kriegen gegen den Drogenhandel" ermordet wurden, die Opfer der Ausbeutung von Ressourcen und Opfer von Frauenmorden wurden.

So verstärkt man mit dem Einsperren in die Wohnungen (insbesondere, wenn schlechte Wohnverhältnisse vorherrschen) und der Schließung des informellen Handels die Armut und die Unsicherheit der Lebensumstände von denjenigen, die ohnehin schon jeder Art von Gewalt und Unterdrückung ausgeliefert sind. Die Statistik sagt, dass die Mehrzahl der Feminizide von bewaffneten Männern (Angehörigen des Militärs, der Polizei und von privaten Sicherheitsdiensten) begangen wird. Die Regierungen haben entschieden, diese Männer mit der Überwachung zu beauftragen, dass die Regeln zur Eindämmung der Epidemie eingehalten werden. Entscheidungen, die ohne Rück- und Absprache getroffen wurden.

Es schmerzt zu sehen, dass Regierungen, die sich "demokratisch" nennen (auch in Europa), die Militärs auf die Straße holen, damit diese sich angeblich um die Bevölkerung kümmern, während tatsächlich eine ungerechte Ordnung eingeführt wird, die sich auf Gewalt stützt. Der größte Vorteil dieser Krise ist, dass sie das Geflecht, aus dem unsere Unterdrückung gestrickt ist, enttarnt: Die Gewalt und die Androhung von Gewalt. Aber: Wenn wir den Staaten freie Hand geben, um ihre "Lösungen" durchzusetzen, wird die Krise mit noch mehr Patriarchat und internem Kolonialismus gelöst werden.


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veröffentlicht im Schattenblick zum 26. März 2020

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