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PRESSE/648: Buddhistisch leben - aber wie? (Buddhismus aktuell)


Buddhismus aktuell, Ausgabe 1/2008
Zeitschrift der Deutschen Buddhistischen Union

Buddhistisch leben - aber wie?
Alternative Lebensmodelle für die Zukunft
Visionen, Ansätze und Entwicklungen spiritueller Lebensformen

Von Michaela Doepke


Unter dem Motto "Buddhistisch leben - aber wie?" veranstaltete der Dachverband der Deutschen Buddhistischen Union (DBU) im Herbst 2007 einen Kongress in der Nähe von Fulda. Rund 150 engagierte Buddhisten aus allen Traditionen diskutierten ein ganzes Wochenende über dieses spannende Thema und stellten Visionen und alternative Lebensmodelle für die Zukunft vor.


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Selten wurde bei einem Kongress so viel gelacht, selten wurden auf einem Kongress so viele praktische Anregungen und alternative Modelle für ein sinnvolles und spirituelles Leben vorgestellt. Wie können wir besser leben? Immer mehr Menschen in Deutschland interessiert die Frage, wie wir ein heilsames Leben unabhängig vom Kommerz führen können. Rund 150 teilnehmende Buddhisten und Buddhistinnen diskutierten dazu sehr lebendig beeindruckende Lösungsansätze und Visionen. Die DBU bot in Oberbernhards bei Fulda eine ideale Plattform, um Kontakte zu knüpfen und Menschen zusammenführen, die an neuartigen buddhistischen Lebensformen und Zukunftsmodellen im Westen interessiert sind.

Um langfristig neue soziale Projekte anzuregen, stellten kompetente Referenten bereits existierende Modelle des Lebens in Gemeinschaft und oder als Ordinierte/r vor. Kurzreferate und Podiumsdiskussionen thematisierten u.a. folgende Fragen: Leben in einer Gemeinschaft - wie funktioniert das? Wie lebt man als Ordinierter in Deutschland? Wenn ich alt werde - was dann? Ein buddhistisches Dorf gründen - eine Utopie? Daneben erhielten die Teilnehmer zahlreiche Informationen wie man soziale Gemeinschaften gründet und organisiert. Workshops und interessante Podiumsdiskussionen boten die Möglichkeit, sich direkt mit Fragen an die Referenten zu wenden, sich untereinander auszutauschen, kennen zu lernen und Netzwerke ins Leben zu rufen.


Buddhismus in Deutschland angekommen

"Der Buddhismus ist in Deutschland angekommen", betonte Alfred Weil, Ehrenrat der DBU und anerkannter Dharma-Lehrer in seiner Einführungsrede. Er bedauerte jedoch, dass es im Westen, anders als in Asien nicht genügend Unterstützung für Ordinierte gäbe. Weil stellte in Europa eine Verschiebung fest: "Oft sind Laien in Europa Meditierende und Studierende, während viele Ordinierte in Deutschland Manageraufgaben erfüllen." So würden bei uns Ordinierte oft gehetzter durch das Leben laufen als Laien, die einem Beruf nachgehen müssten. Um die buddhistische Gemeinschaft am Leben zu erhalten, sei es daher notwendig, Ordinierte stärker zu unterstützen, Modelle des rechten Lebenserwerbes zu schaffen, die mit Ethik und Umwelt zu vereinbaren sind, Lösungsmodelle für Konflikte in menschlichen Beziehungen und Netzwerke des Erfahrungsaustausches zu entwickeln. Damit skizzierte er im Vorfeld die Themenblöcke der Vorträge. Kompetent und versiert führte Weil an diesem Wochenende noch öfter die Moderation und verblüffte und erheiterte die Zuhörer mit Kenntnisreichtum und Witz.


Dorfgemeinschaft Bordo in Norditalien

Als erster Referent berichtete Lama Tashi Andreas von der spirituellen Lebens- und Dorfgemeinschaft Bordo in Norditalien, die er von 1985 bis 1990 betreut hatte. "Wir wollten aus Samsara aussteigen und als Familie den Dharma praktizieren." Kalu Rinpoche segnete den Platz ebenso wie Gendün Rinpoche und der 17. Gyalwa Karmapa Thaye Dorje 2004. Diese Lehrer bestätigten die starke hohe Energie dieser unberührten Natur, es sei ein idealer Retreatplatz. Lama Tashi schilderte wie deutsche und Schweizer Buddhisten Natursteinhäuser und eine Seilbahn zu dem abgelegenen Bergdorf gebaut und einen Retreatort unter großen Kraftanstrengungen errichtet hatten. "Anfangs hat jeder mitentschieden." Wie alle folgenden Referenten berichtete auch er, wie sich nach anfänglichem Chaos Strukturen herausgebildet hätten. Finanziert wurde das Projekt über eine Genossenschaft, doch es fehlt an Kapital. Im Moment leben acht Erwachsene und vier Kinder in Bordo. Derzeit fragt sich die Gemeinschaft wie es weiter gehen soll. Lama Tashi praktizierte später von 1990 bis 2005 intensiv unter Gendün Rinpoche in der Klostergemeinschaft Dhagpo-Kündröl-Ling in Frankreich. Er sowie Lama Yeshe Sangmo leben heute im neu entstehenden Dharmazentrum Möhra in Thüringen (Bericht folgt in einer der nächsten Ausgaben), von wo aus sie Gruppen und Zentren vor allem im deutschsprachigen Raum unterstützen.


"Folge deinem Herzen und deine Bedürfnisse werden sich erfüllen."

Besonders zur Erheiterung der Atmosphäre trugen die Vorträge von Zen-Meister Christoph Rei Ho Hatlapa bei. Manche Zuhörer lachten Tränen bei seinen humorvollen und komödiantischen Einlagen. Hatlapa ist einer der Begründer der ökologisch und spirituell orientierten Gemeinschaft Lebensgarten. In dieser Dorfgemeinschaft haben ca. 100 Erwachsene und 50 Kinder ihre Vision eines harmonischen Umgangs miteinander und mit der Natur verwirklicht. Gegründet wurde das Friedensdorf 1985 auf einem ehemaligen Militärgelände in Steyerberg und später in Stand gesetzt. Trotz vieler Konflikte wuchs die Gemeinschaft an den Hindernissen innen und außen. Leitspruch war: "Folge deinem Herzen und deine Bedürfnisse werden sich erfüllen." Ziele der Gemeinschaft, einem Begegnungsort verschiedener spiritueller Richtungen: Leben in Einklang mit der Natur, Toleranz, Kreativität und wirtschaftliche Eigenverantwortlichkeit. "Anfangs waren wir euphorisch, doch dann kommt man auf den Boden der Tatsachen."

Hatlapa hatte aufgrund dieses Projektes seinen Beruf als Rechtsanwalt freiwillig aufgegeben und war zunächst arbeitslos. Er agierte nach dem Satz "Das Problem ist die Lösung" und bot dem ansässigen Arbeitsamt an: "Ich trainiere Arbeitslose." Mit ökologischem Know-how und dem Aufbau von Fortbildungsangeboten, kam die Gemeinschaft wirtschaftlich auf die Füße und stärkte ihre Praxis. Heute verfügt der Lebensgarten u.a. über einen Buchladen, ein Gewächshaus, Solaranlagen, Ökoauto, Ökowerkstatt, Goldschmiede und Kinderzirkus. Hatlapa setzt sich vor allem für die Tugend der "Rechten Rede" ein. Er ist Gründungsmitglied des Zentrums Gewaltfreie Kommunikation Steyerberg sowie der Schule für Verständigung und Mediation. Zur Freude der Zuhörer demonstrierte er mit Handpuppen Konfliktsituationen und deren konstruktive Auflösung (mehr in Buddhismus aktuell 1/06, S. 18).


Eine Vision wird Wirklichkeit

"Wir hatten das Vertrauen und die Vision, einen Ort zu bauen, wo viele Menschen im Dharma leben."

"Es ist jenseits des Denkens" wie der tibetische Name "Samye Ling" schon besagt, so Hanna Hündorf, die in diesem tibetisch-buddhistischen Kloster in Schottland seit 1982 rund 20 Jahre lang gelebt hat. Dort arbeitete und studierte sie und absolvierte zwei traditionelle Drei-Jahresretreats. Samye Ling war das erste tibetisch-buddhistische Kloster im Westen, 1967 gegründet ohne Geld, aber auf der Grundlage von Furchtlosigkeit und Vertrauen. Akong Rinpoche, der mit Trungpa Rinpoche gemeinsam aus Tibet geflohen war, leitet es seit 1971 und der 16. Karmapa gab seinen Segen für das ehemalige Jagdhaus in einer abgelegenen Gegend von Schottland. "Wir arbeiteten alle sehr hart und wenn kein Geld da war, wurde nicht mehr weiter gebaut", sagt Hanna Hündorf. Akong Rinpoche arbeitete selbst beim Aufbau intensiv mit. Jeder hatte einen Schlafplatz, Essen und von dem Erlös der Kurse kauften sie ein. "Wir hatten das Vertrauen und die Vision, einen Ort zu bauen, wo viele Menschen im Dharma leben und wo die tibetische Kultur weiter leben kann." Insgesamt sind aus vier Drei-Jahresretreats 120 Retreat-Absolventen hervorgegangen, wovon aber nur drei den Titel Lama erhalten haben. Neue Vision: Nachfolger Lama Yesche Rinpoche kaufte eine benachbarte Insel, Holy Island, auf der ein Zentrum für Weltfrieden und Gesundheit entstand. Neu geplant sind dann: Studium, Altersheim und Öko-Hütte mit Infos über erneuerbare Energien.


Nonnentrainingskloster: "Dana-Prinzip funktioniert"

"In Deutschland gibt es ganz großartige Menschen." Diese Erfahrung macht die Nonne Mudita Bhikkhuni immer wieder. Nach den Vinaya-Regeln darf sie kein Geld anfassen und so pilgerte sie mit der Almosenschale zu Fuß durch Deutschland. 2004 erhielt sie die Bhikkhuni-Ordination in LA. Vier Jahre lang lebte sie in der Metta Vihara im Allgäu und seit 2006 praktiziert sie im Anenja Vihara, einem Nonnentrainingskloster, das sie auch initiiert hat. Auch dort geht sie einmal pro Monat auf Almosengang. "Das ist die Übung. Es macht immer eine gute Atmosphäre mit den Nachbarn in Kontakt zu sein." Warum sie das Trainingskloster gegründet hat? Trotz der strengen Regeln möchte sie als Nonne in Deutschland leben. "Dazu brauchen die Nonnen einen Platz und einen geschützten Rahmen." Sie machte sich Gedanken, wie man als Nonne in Deutschland Erfahrung sammeln kann. "Mönche haben alte Lehrer, von denen sie lernen können, für Nonnen gibt es bisher nur Uni und Meditationszentren. Aber es gehört noch mehr dazu, als Nonne in Deutschland zu leben." Seit einem Jahr nehmen Mudita und die anderen Bewohnerinnen des Klosters Anenja Vihara, das sich unter dem Dach des Buddha-Haus-Vereins befindet, an dem Training teil. Der strikte Tagesablauf von Studium und Meditation wird dabei streng eingehalten. Alles was gebraucht wird wie Lebensmittel oder Hygieneartikel erhalten die Nonnen als Gaben von Menschen aus dem Umfeld und von Gästen, die sie besuchen. "Das Dana-Prinzip funktioniert", sagt sie und ihre Augen funkeln strahlend und voller Überzeugung.


"Schau in den eigenen Geist"

In den 70-er Jahren fragte sich S.H. der 16. Karmapa: "Wie kann der Dharma im Westen etabliert werden?" Daher schickte er Lama Gendün, der die meiste Zeit seines Lebens im Retreat verbracht hatte, als Linienhalter in den Westen. Dieser gründete in Frankreich die Klostergemeinschaft Dhagpo Kündröl Ling (der Ort, an dem alles befreit wird), in der 1984 das erste Drei-Jahresretreat stattfand. Heute gibt es dort acht Retreatzentren. Anders als in Tibet leben hier nur Ordinierte, die ein Drei-Jahresretreat gemacht haben. Lama Yeshe Sangmo lebte sieben Jahre dort und führte zwei Drei-Jahresretreats durch. Sie erlebte es als großes Glück mit so einem großen Lehrer leben zu dürfen. "Er war wie ein reiner Spiegel, in dem man erkannte, dass alle Schwierigkeiten im eigenen Geist liegen." Für sie ist der Dharma dort lebendig und wach. Als Gefahren sieht die heute in Möhra lebende charismatische Dharma-Lehrerin die Einsamkeit und dass die Regeln zu starr werden, wenn die Gemeinschaft zu groß wird.


"Westliche Menschen brauchen mehr Erklärungen"

Sabine ShoE (Wahre Weisheit) Huskamp übte 20 Jahre lang in dem Rinzai Zen-Kloster Sogenji in Okayama. 2006 beauftragte sie ihr Zen-Meister Shodo Harada Roshi, Nachfolger von Yamada Mumon Roshi in der Myoshinji-Linie, das Kloster Hokuozan Sogenji in Liebenau (Weser) zu leiten. Es ist das Zentrum der schon bestehenden One Drop Zendo Gruppen in ganz Europa. Huskamp über Meister Harada Roshi: "Unser Meister ist von traditioneller Lehrrichtung. Früher waren die Hälfte Japaner im Sogenji, heute ist es ein Kloster für Ausländer." Der Meister sei zwar heute auch noch streng, "aber er erklärt jetzt auch mal was" (Lacher im Publikum). Und sie vergleicht: "Westliche Menschen brauchen mehr Erklärung und psychologische Unterstützung, Japaner sind mehr Gruppenmenschen." In Japan sei der Buddhismus sehr lebendig, hier müsse man ihn noch integrieren. Die Rückkehr ins materialistische Deutschland war für sie ein Kulturschock. Das traditionelle System Japans passe hier nicht. Daher wolle sie im neuen Kloster in Norddeutschland, das auf Spendenbasis existiere, ein Übungskloster aufbauen, das die Menschen mit Sesshins für den Alltag mit Familie und Beruf stärke. Ende Januar erwarte sie zum traditionellen Rohatsu-Sesshin Meister Harada und 50 Teilnehmer aus ganz Europa.


Spirituelles Wohnheim: Mandala-Hof in Wien

Viele DBU-Buddhisten aus Deutschland freuten sich über den neuen unkomplizierten Kontakt mit Peter Riedl aus Österreich, Universitätsprofessor für Radiologie und Herausgeber der Zeitschrift "Ursache&Wirkung". Er stellte den Mandala-Hof, ein neuartiges spirituelles Wohnheim mitten im Herzen von Wien gelegen, vor. Vorrangig sei für ihn vor allem der Wunsch gewesen, ein westliches buddhistisches Zentrum zu gründen. Schon ab Herbst 2007 können die Bewerber das Wohnheim mit insgesamt 22 Wohneinheiten beziehen. Das Konzept beschrieb er mit folgenden Stichpunkten: buddhistisch, offen, selbstverantwortlich, ohne Zwang zu einer bestimmten Religionszugehörigkeit, mehrere Generationen, in Würde alt werden, Rückzug auf Zeit, Arbeit am Geist. Durch die vormalige Arbeit im Vorstand der Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft (ÖBR), die im selben Haus beheimatet sei, hätte er oft beobachtet "wie fundamentalistisch wir sein können". Daher solle das Wohnheim mit Blick auf den Stephansdom die "offene Weite des Buddhismus" repräsentieren. Begünstigt wird dieses Konzept durch die offene und moderne Bauweise, konzipiert durch einen Stararchitekten. "Die Bauweise soll das Miteinander ermöglichen, die Menschen können sich in den Gängen begegnen, Zugangsbarrieren werden abgebaut." Unterstützt wird das Wohlfühl-Konzept durch einen gemeinsamen Essraum und vier Therapieräume. Riedl: "Ich stelle mir vor, dass auch mal Manager kommen."


Wenn die Glocke schlägt

"Ich hoffe, ich kann sie alle inspirieren. Es braucht Mut. Bauen Sie viele von diesen Zentren. Sie werden gebraucht!"

Die Begegnung mit Thich Nhat Hanh 1992 veränderte sein Leben. Sechs Jahre haben der Dharma-Lehrer Karl Riedl und seine Frau Helga im Praxiszentrum Plum Village in Südfrankreich mit Thich Nhat Hanh zusammen gelebt. In dieser Zeit haben sie in der überwiegend asiatischen Sangha eine Ausbildung mit strengem monastischen Tagesablauf genossen. Eines Tages kam Karl Schmied (ehem. Ehrenrat und Präsident der DBU, verstorben) mit Begeisterung zu ihnen: "So etwas wie in Plum Village müssen wir auch in Deutschland haben." Gesagt, getan. Gemeinsam gründeten sie 1999 das Intersein-Zentrum in Hohenau bei Passau und leben und lehren seither dort. "So sind wir in Niederbayern gelandet. Unser Bodhisattva-Ideal wurde beim Aufbau durch viele Hindernisse stark abgeprüft."

Für Karl Riedl hat der spirituelle Weg viel mit Struktur zu tun. "Es gibt nicht eine Aktion, wo wir vom strengen Tagesablauf abweichen. Wenn die Glocke schlägt, schalte ich den Computer aus und gehe zur Praxis." Für viele Menschen bringe die Struktur Ordnung und Klarheit in ihr Leben. Sogar der Pfarrer des Ortes mache heute für sie Reklame und viele Menschen seien tief berührt, dass man schweigend essen könne oder still durch den Wald gehen. Die Einübung der Silas trage Früchte. Ein weiteres wichtiges Training sei die Einübung von Bewusstsein in einer unbewussten Welt. "Wir schwimmen gegen den Strom." Von morgens bis abends bewusst zu sein, gebe dem Leben eine unheimliche Qualität. Für viele Menschen seien sie heute Vorbild und Stütze. Riedl: "Ich hoffe, ich kann sie alle inspirieren. Es braucht Mut. Bauen Sie viele von diesen Zentren. Sie werden gebraucht!"


Wenn ich alt werde - was dann?

Shunruy Suzuki: "Wir können nicht die ganze Welt erhellen, aber die Ecke, in der wir leben."

Gleich im Anschluss stellte Michael Ho-Kai Österle seine Idealvorstellung eines buddhistischen Projekts für alte und pflegedürftige Menschen vor. Ho-Kai Österle, selbst Pflegedienst- und Heimleiter privater Altenheime mit vorwiegend dementen Menschen, bestätigte die dramatischen Presseberichte über die katastrophalen Zustände in deutschen Altenheimen. Danach leben in Deutschland derzeit 2,1 Mio. alte Menschen, die schwerst pflegebedürftig sind, davon 30 Prozent in Heimen. Neben der Grundpflege sei vom Gesetzgeber her keine Zeit für einen persönlichen Kontakt vorgesehen. Vereinsamung und Unterversorgung seien die Folge. Ho-Kai Österle, Zen-Priester und Schüler von Vanja Palmers, ging daher mit seinem Lehrer auf spirituelle Spurensuche nach einem Ort der Begegnung und sozialer Interaktion. In Hamburg nahe dem Bahnhof fand er endlich ein Objekt seiner Wahl, das er nun realisieren möchte. Geplant sei ein Haus der Generationen für alte Menschen, Pflegebedürftige, Kinder und Mitarbeiter mit Räumen für Wohngemeinschaften von dementen Menschen, Hospiz, betreutem Wohnen, ambulantem Pflegedienst, Restaurant und Meditationsräumen. Es soll offen sein für alle spirituell Suchenden. Das Gelände soll über 160 Plätze auf fünf Etagen verfügen. Die Baupläne wurden den Behörden schon vorgelegt, das zuständige Ministerium äußerte sich begeistert. Einziges Problem: Das Wunschobjekt soll 35 Mio. Euro kosten, sei für Investoren laut Österle aber nicht uninteressant. "Mein Projekt ist bisher noch eine Idealvorstellung. Ich lade euch ein, daran teilzunehmen."


Unterricht auf Dana-Basis ohne Honorar

Renate Seifarth ist Laien-Dharmalehrerin in der Theravada-Tradition und unterrichtet rein auf Dana-Basis. "Ich bin nicht Nonne, möchte aber Mut machen, diesen unkonventionellen Weg zu gehen." Zehn Jahre lang praktizierte sie in aller Welt, am Ende eines Retreats wusste sie oft nicht, wo sie schlafen konnte, verfügte über wenig Geld. Fünf Jahre verbrachte sie im Retreat, davon über zwei Jahre in den Waldklöstern Thailands und Burma. "Ich begann als Dharma-Lehrerin mit nichts in der Hand." Warum sie so lehre? Dana ist für sie eine Gegenkraft zu Habgier und Täuschung über die Illusion des Getrenntseins. "Wenn ich Kurse gebe, teile, Hilfestellungen gebe, habe ich Vorbildfunktion und das Geben untereinander wird gefördert." Sie lebt von Kursen auf freiwilliger Spendenbasis und Unterstützung durch die Sangha und Privatpersonen. Auch sie berichtete von guten Erfahrungen in Deutschland: "Ich glaube nicht, dass unsere Kultur nicht gebefreudig ist." Leichter sei es allerdings für Menschen, Hilfsprojekte zu unterstützen. Sie bedauerte auch das alte Denkmuster und die Gewohnheit, Dana als kostenlos im Sinne von "dann ist es nicht so viel Wert" zu sehen. Sie ermunterte zum Umdenken die östliche Lehre im westlichen Alltag zu integrieren und das Dana-Prinzip stärker zu würdigen. Ihrer Ansicht nach trägt Dana weiter als das Honorarsystem.


Trade2aid

Padmaketu (Antje Müller), praktiziert seit 1992 im Rahmen der Freunde des Westlichen Buddhistischen Ordens (FWBO) in Essen und wurde 2000 als Padmaketu in den Westlichen Buddhistischen Orden aufgenommen. 2004 zog sie nach Cambridge, England, um bei Windhorse Evolution mitzuarbeiten, einem langjährig wirtschaftlich erfolgreichen und innovativen Unternehmen "Rechten Lebenserwerbs" der FWBO, das seine Überschüsse an buddhistische und andere soziale Projekte weitergibt. Als Leiterin der Lohn- und Gehaltsabteilung für ca. 250 Mitarbeiter wird hier nach dem Motto "gib was du kannst, nimm was du brauchst" gearbeitet. In diesem Zusammenhang ist sie auch für das 'support package' zuständig, das allen Mitarbeitern ein einfaches Leben ermöglicht, das ihre Grundbedürfnisse abdeckt. Diese Unterstützung ermöglicht es ihnen, sich weitgehend ihrer persönlichen und kollektiven spirituellen Praxis im Rahmen ihrer Tätigkeit bei Windhorse Evolution zu widmen. Der allgemeine Slogan lautet hier "trade2aid". Die Tätigkeit bei Windhorse unterliege den Prinzipien: fairer, umweltfreundlicher Handel, ethischer Handel mit Respekt im Umgang mit Menschen. 30 verschiedene Nationen arbeiten laut Padmaketu bei Windhorse Evolution. Um während der Arbeit den Dharma nicht zu vergessen, stehe in der Mitte des Warenlagers als bewusstes "Hindernis" ein Stupa. Heute gebe es zunehmend Anstöße auch für nichtbuddhistische Projekte. Ihre Erfahrung: "Es geht immer wieder um Achtsamkeit und immer wieder müssen wir überlegen, warum mache ich das alles."


Von der Bodybuilderin zur buddhistischen Nonne

"Die Ordinierten stellen sich hier die große
Frage, wie sie die Regeln einhalten sollen."

Mit den Worten "Ich bin das Kontrastprogramm!" stellte sich Bhikshuni Tenzin Wangmo vor und erntete viele Lacher aus dem Publikum. Sie lebe nicht wie die anderen Nonnen in einer Gemeinschaft, sondern betrachte ihr Einzelzimmer in München als Klausur. Für sie befänden wir uns in Europa erst am Beginn der buddhistischen Entwicklung. "Die Ordinierten stellen sich hier die große Frage, wie sie die Regeln einhalten sollen." Daher sei die Hilfe eines spirituellen Beraters sehr wichtig. Sie selbst hält die Ordiniertenregeln streng ein. Seit 1985 ist sie dem tibetischen Buddhismus und ihrem Lehrer S.E. Dagyab Kyabgön Rinpoche verbunden. 1990 wurde sie in Dharamsala von S.H. dem Dalai Lama ordiniert und 1995 erhielt sie die Vollordination in Taiwan. Wegen ihres Entschlusses Nonne zu werden, verkaufte sie ihr Fitnessstudio sowie ihren Sportwagen und schnitt sich die Haare ab. Widerstrebend, aber auf Wunsch ihres Lehrers Dagyab Rinpoche, hat Bhikshuni Tenzin Wangmo ihr bewegtes Leben und ihren spirituellen Werdegang in der Autobiografie "Von der Bodybuilderin zur buddhistischen Nonne" niedergeschrieben. Allerdings riet ihr der Lehrer den Beruf der technischen Zeichnerin bei der Telecom weiter auszuüben, da er nicht unheilsam sei. Außerdem sollte sie die Robe nicht im Alltag, sondern nur zu religiösen Festen tragen. "Meine Arbeit bei der Post war kein Hindernis und ermöglichte mir, den Dharma zu leben und nebenbei Projekte zu unterstützen." Wegen Krankheit wurde sie vorzeitig in Rente geschickt und ist heute in der "überglücklichen" Situation den Dharma ganz zu leben. Der Traum ihrer Kindheit sei so wahr geworden. Heute ist sie Dharma-Tutor des Tibethauses, im interreligiösen Dialog tätig und gibt auf Wunsch Einführungen in den Buddhismus.


Wohnprojekt für Jung und Alt

Ebenfalls von einem großen Wohnprojekt berichtete der Ehrwürdige Thich Hanh Tan, Abt der Vietnamesischen Pagode Vien Giac in Hannover. Das Gemeinschaftsprojekt sei bereits konkret in Planung und solle in rund fünf Jahren fertig sein. "Für uns war es ein inniger Wunsch, einen Platz zu bauen, wo weitere Praktizierende eine geeignete Umgebung haben, Ordinierte mit älteren Praktizierenden leben und Jüngere von Älteren lernen." Das Projekt sei jedoch kein Altenheim, sondern eine Wohngemeinschaft, die jedoch nicht nur für ältere vietnamesische Menschen gedacht sei, sondern offen sei für alle. "In unserer Tradition der Reinen-Land-Schule sollen wir gut auf den Tod vorbereitet sein und daher beste Praxisbedingungen schaffen." Sterbebegleitung sei hier obligatorisch. Heißen soll das Projekt "Institut für Studium und Praxis des Buddhismus". In einer Computeranimation stellte Thich Hanh Tan das Objekt virtuell vor. So konnten die Zuschauer einen Wohnkomplex in schlichter Bauweise mit über 3000 qm und 63 Wohnräumen von allen Seiten virtuell betrachten sowie einen Dachgarten mit Teepavillon und asiatischem Garten ("ein Platz an der Sonne"). Der Abt bat um weitere Anregungen, fix sei jedoch die Manjushri-Halle, "denn wenn man dabei ist, muss man Praxis machen."


Arbeit für alle

"Ich mische mich überall ein", sagt Rainer Kippe selbstbewusst. Er ist als gesellschaftlich engagierter Sozialarbeiter und Mitbegründer der Sozialistischen Selbsthilfe Köln-Mühlheim (SSM: www.ssm-koeln.org) sowie des Instituts für Neue Arbeit INA tätig. Begonnen hatte alles mit der alternativen Bewegung der 70erJahre. Damals wurden Häuser besetzt, WG's gegründet und es entstand ein Zentrum für obdachlose Jugendliche in Köln. Sein heutiges Sozialprojekt SSM erhält kein Geld vom Staat und finanziert sich durch Wohnungsumzüge. Rainer Kippe und seine Mitarbeiter gehen den umgekehrten Weg. Kippe: "Arbeit ist für alle da, jeder kann bei uns mitmachen." Nach diesem neugefassten Begriff von Arbeit sei jeder nützlich. Arbeit bedeute demnach nicht nur Geld, sondern sei für die Gemeinschaft wichtig. So würden in seinem Projekt Menschen mitarbeiten, die von der Gesellschaft schon längst aufgegeben wurden wie halbtrockene Alkoholiker oder Drogenabhängige. Sein Ausspruch "Wenn das Prinzip bei uns funktioniert, dann kann man das auch mit ausgebildeten Menschen machen", erntete viele Lacher im Publikum. Diese neue Arbeit beinhalte: Selbstversorgung (Kleidung bekommen wir geschenkt), Gelderwerb, soziale Versicherung, Berufung. "Wir leben im Austausch: Je nachdem, was wir bekommen, so leben wir auch." So könne man die Miete in der selbst umgebauten alten Schnapsbrennerei selbst bezahlen und noch andere soziale Projekte unterstützen. Nun wolle man das Projekt durch eine Halle in der Nähe des Rheins erweitern, die zunächst besetzt und jetzt modernisiert werden soll. Kippe: "Wir nehmen kein Geld, jeder von uns muss von Arbeit leben, nicht der Einzelne bekommt Geld, sondern das Projekt."


Ökodorf 7 Linden

"Wir wollen im Einklang leben mit der Erde, die uns erhält."

Gabi Bott hat sich auf Tiefenökologie spezialisiert, eine Methode, die Spiritualität und Politik verbindet und zum Bewusstseinswandel beiträgt. Ihre Lehrerin ist Joana Macy aus den USA. Seit Anfang 2001 lebt sie im Ökodorf 7 Linden. In diesem tiefenökologischen Projekt im Norden von Sachsen-Anhalt wohnen derzeit 80 Erwachsene und 30 Kinder. Zentrale Werte sind hier: Nachhaltigkeit in Bezug auf Lebensmittel, Baustoffe sowie soziales Miteinander. Das Ökodorf mit 77 ha Fläche ist ein Bildungsbetrieb und entwickelt sich immer mehr zu einem Kompetenzzentrum für Strohballenbau. Wichtig sei die Vernetzung in die Region ebenso wie der Kontakt mit anderen Gemeinschaften weltweit. Hier werde ein kollektiver Traum verwirklicht. Bott: "Wir wollen im Einklang leben mit der Erde, die uns erhält." Dementsprechend wird die "Mitwelt" geschont mit Solarkollektoren, Pflanzenkläranlagen, eigenem Brunnen und Komposttoiletten. Im Ökodorf gibt es einen Waldkindergarten, Holz- und Schmuckwerkstatt, Theatergruppe, eine vegane Gemeinschaftsküche u.v.m.. In der Gemeinschaft leben alle Altersgruppen, es sei ein stabiles Netz. "Wir wollen keine Insel sein", sagt Bott. Jeden ersten Sonntag im Monat kämen zum Tag der offenen Tür zwischen 40 und 140 Leuten. Seit 2002 engagiert sie sich außerdem bei der Aufbruch-Initiative (www.anders-besser-leben.de). Das Ökodorf 7 Linden, ein visionäres Zukunftsprojekt? Wenn Sie neugierig sind, schauen Sie doch einfach mal vorbei.


Ausblick: Kongress 2008, Dalai Lama 2009

Bei den vorgestellten Modellprojekten gemeinschaftlichen Zusammenlebens äußerten sich viele Teilnehmende fasziniert, wie anfängliche Träume und Visionen mit viel Mut, Zuversicht, Vertrauen und Beharrlichkeit tatsächlich in realistische Projekte umgesetzt wurden.

Am Ende bedankte sich die Vorsitzende Vajramala herzlich für "den heitersten Kongress, den ich jemals erlebt habe." Sie bedankte sich bei den Referenten und deren Offenheit und wies auf die Notwendigkeit hin, in Deutschland vieler dieser vorgestellten Projekte und Modelle für unsere Zukunft zu schaffen. Wichtig sei es, "dass wir der Jugend die Fackel weiter reichen, damit sie sehen, der Buddhismus lebt" und dass der Dharma ein Lebensstil sein könne. Ebenfalls bedankte sie sich bei den Helfern und besonders bei der engagierten Organisatorin des Kongresses, Bettina Hilpert von der Geschäftsstelle in München. Weiter wies sie auf den Kongress der DBU 2008 in Augsburg unter der Leitung von DBU-Rat Genpo Döring hin, der das wichtige Thema Familie, Kinder und Jugendliche behandle. Im Anschluss wies der stellvertretende Vorsitzende der DBU, Hans-Erich Frey, noch auf ein großes Ereignis hin: S.H. der Dalai Lama kommt auf Einladung der DBU, des Tibethauses Frankfurt und der Pagode Phat Hue Frankfurt, Ende Juli bis Anfang August 2009 zu Vorträgen nach Frankfurt (mehr S. 73). Frey: "Wir stecken sehr viel Energie in dieses Ereignis und würden uns freuen, viele von euch in Frankfurt begrüßen zu dürfen."


Weitere Infos unter:

www.buddhismus-deutschland.de
www.dalailama-frankfurt.de

Kongressvorträge: Audio-Aufzeichnungen des Kongresses im Mp3-Format können Sie über den DBU-Webshop oder direkt bei der DBU-Geschäftstelle bestellen, Tel. 089 -28 01 04.

Hinweis: Bitte haben Sie Verständnis, dass wir in diesem Bericht nicht alle Beiträge und Referenten ausführlich vorstellen konnten. Anbei weitere Namen und Internetadressen der Referenten:

Ayya Agganyani (www.abhidhamma.com; www.theravadanetz.de)
Sucimanasa (www.taraloka.org.uk)
Thomas Wiert (www.buddhismus-im-westen.de)
Wolfgang Presser (www.seminarhaus-engl.de)
Yesche Udo Regel (www.yesche.de; www.paramita-projekt.de)


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Quelle:
Buddhismus aktuell, Ausgabe 1/2008, S. 6-14
Herausgeberin: Deutsche Buddhistische Union (DBU)
Buddhistische Religionsgemeinschaft e.V.
www.dharma.de
www.buddhismus-deutschland.de

Chefredaktion Buddhismus aktuell:
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www.buddhismus-aktuell.de

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Tel.: 0700/28 33 42 33 oder 089/28 01 04
Fax: 089/28 10 53
E-Mail: dbu@dharma.de

"Buddhismus aktuell" erscheint vierteljährlich.
Einzelheft 8,00 Euro, Probeexemplar 4,00 Euro
Jahresabonnement: 32,00 Euro


veröffentlicht im Schattenblick zum 8. Januar 2008