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PRESSE/722: Einteilung und Ordnung der Gedanken (DMW)


Der Mittlere Weg - Nr. 3, September - Dezember 2008
Zeitschrift des Buddhistischen Bundes Hannover e.V.

Einteilung und Ordnung der Gedanken
Die Lehrreden 19 und 20 der Mittleren Sammlung*

Von Axel Rodeck


Eine schwierige Lehre

Der Buddha hatte in den "Vier Edlen Wahrheiten" die Grundzüge seiner Lehre (dhamma) dargelegt - in einem recht kurzen Text, der sich in wenigen Minuten hören oder lesen lässt. Natürlich war ihm klar, dass dies für die meisten Mönche und Laien zum Verständnis der Lehre nicht ausreichend war, denn seine Lehre ist, wie er selber sagte, "tief, schwer durchschaubar, schwer zu begreifen, sachgerecht, bloßer Logik unzugänglich, feinsinnig und nur Gebildeten verständlich" (M 26). So zog er 45 Jahre durch die indischen Lande und vertiefte das Verständnis seiner Zuhörer - ihrem Verständnisvermögen angepasst - durch eine Vielzahl von Lehrreden (Sutras).

Stellen wir uns doch mal einen Buddhaschüler vor, der die "Vier Wahrheiten" studiert und in der vierten Wahrheit, dem achtfachen Pfad, auf das 7. Glied "Rechte Achtsamkeit" (samma-sati), gestoßen ist. Was soll er darunter verstehen? Es reicht ganz offensichtlich nicht aus nur akademisch zu definieren, dass es sich hierbei um eine Vollbewusstheit des Geistes handelt, die die ständige Bewusstmachung sämtlicher physischen, emotionalen und intellektuellen Prozesse zum Gegenstand hat. Wer kann das schon nachvollziehen, hier sind weitere Erläuterungen erforderlich.

Der Buddha hatte das Problem erkannt und deshalb im "Satipatthana Sutta" ("Lehrrede über die Erweckung der Achtsamkeit") in einer Art "Ausführungsregel" eine Konkretisierung des Samma-Sati vorgenommen und damit eine genuin buddhistische Meditationsform beschrieben. Genau wird in dem Sutra geschildert, wie der Mönch (aber auch der Laie) sich setzen und seine Achtsamkeit der Reihe nach auf den Körper, die Empfindungen, den Geist und die Geistobjekte richten soll.

Freilich war auch dies noch kein Fahrschein in die Erleuchtung. Es bedurfte vielmehr für die große Anhängerschar unterschiedlicher Begabung und verschiedener spiritueller Reife noch einer Vielzahl weiterer Hinweise und Darlegungen, die, wie gesagt, in den Sutras (Lehrreden) erfolgten, wie sie nach Buddhas Tod zunächst mündlich memoriert und später im "Pali-Kanon" schriftlich festgehalten wurden. Mit zweien aus der "Mittleren Sammlung" wollen wir uns nun befassen: Die Lehrrede 19 der "Mittleren Sammlung" geht mit pädagogischem Geschick auf die für jeden Heilssucher nützlichen Vorüberlegungen ein und die Lehrrede 20 gibt Hilfestellung für die Meditationswilligen. Sie sind Teil von vielen Bausteinen, aus denen das Gebäude "Dhamma" besteht und tragen damit letztlich zum Verständnis der "Vier Edlen Wahrheiten" bei.


Einteilung der Gedanken (M 19)

Der Buddha berichtet zunächst von einer Überlegung aus seiner Zeit als "Bodhisattva" (wörtlich "Erleuchtungswesen"). Hierunter versteht man im Theravada (Hinayana) jemanden, der nicht auf dem Weg zur Erleuchtung ist (während es nach mahayanischem Sprachgebrauch jemand ist, der auf das eigentlich schon mögliche Eingehen ins Nirvana verzichtet, um sich der Erlösung der Mitmenschen zu widmen). Als solch ein Suchender kam der künftige Buddha auf die nützliche Idee, den Fluß seiner Gedanken zu kategorisieren, nämlich in die drei Gruppen Sinnenlust, Missgunst und Gewalttat einerseits und ihre Gegenpositionen Entsagung, Freundlichkeit und Friedfertigkeit andererseits. Damit hatte er die Grundstruktur menschlicher Denkweise umrissen, wie sie durch die Bipolarität "Gier" (auf Gewolltes) und "Haß" (auf Abgelehntes) vorgegeben sind.

Der Buddha machte sich nun die Schädlichkeit negativer Gedanken für ihn, für andere oder gar für beide klar und brachte sie damit zum Verschwinden. Ausgehend von der Erkenntnis, dass sich das Gemüt dahin neigt, woran man viel denkt, kam er zu der Überzeugung, es sei besser, seine Gedanken an Entsagung, Freundlichkeit und Friedfertigkeit auszurichten als an Sinnenlust, Missgunst und Gewalttat. Freilich erkannte er auch, dass zu langes Nachdenken hierüber ermüden und das Denken trüben würde. Jedenfalls war der Buddha nun willensstark geworden, seine Achtsamkeit gefestigt und er konnte sein Denken auf einen einzigen Gegenstand konzentrieren.

Damit war die Basis für weiteren spirituellen Fortschritt vorhanden. Frei von unheilsamen Regungen erreichte er die vier Stufen der Versenkung (jhana), die dann zu seiner Erleuchtung rührten. Der Text des 19. Sutras greift hier das Sutra 4 der Mittleren Sammlung noch einmal auf, wo die den Durchbruch bringenden Vorgänge in den drei als "Nachtwachen" bezeichneten Zeitabschnitten genau beschrieben sind: Erkenntnis der Wiedergeburten, des Karma-Gesetzes und des in den Vier Wahrheiten verkündeten Heilsweges.

Doch der Buddha (oder wohl eher spätere Mönche) hält es für opportun, der Lehrrede noch ein Gleichnis zum besseren Verständnis anzufügen.

Er vergleicht sich mit einem wohlwollenden Menschen, der einer Gazellenherde aus gefährlichem Sumpfgelände verhilft, der sichere Weg ist Metapher für den von Buddha gelehrten achtfältige Pfad.


Gedankenordnung (M 20)

Offenbar bestehen auch unter den Mönchen Schwierigkeiten beim Meditieren, weswegen der Buddha ihnen in diesem Sutra den Rat gibt, auf fünffache Weise ihre Vorstellungen zu überwachen:

Wenn schlechte, unheilsame Gedanken aufkommen, soll der Meditierer zunächst den Ersatz durch bessere Gedanken versuchen, also ein anderes Meditationsobjekt wählen. Wenn dann trotz heilsamer Vorstellung wieder schlechte Gedanken aufsteigen, wird empfohlen, die Aufmerksamkeit auf das Verderbliche dieser Gedanken zu richten, also über ihren unheilvollen Charakter zu reflektieren. Hilft auch das nicht, ist es geraten, die unheilsamen Gedanken zu ignorieren, damit sie schwinden und der Geist zur Ruhe kommt.

Anscheinend war einigen von Buddhas München auch mit diesen Ratschlägen noch immer nicht ausreichend geholfen. Der Buddha holt daher - viertens - ein Gleichnis zur Hilfe und erzählt von dem Spaziergänger, der sich sein (zu) schnelles Gehen bewusst klar macht und dadurch zur Ruhe kommt. So sollen auch die unheilvollen Gedanken nach und nach durch Untersuchung ihrer Ursachen schwächer werden. Und schließlich, wenn all das nichts geholfen hat, kommt die Holzhammer-Methode zur Anwendung: Der Meditierer soll nun beim Aufkommen unheilsamer Gedanken "die Zähne zusammenpressen, die Zunge an den Gaumen legen und sein Denken mit dem Geist niederringen und niederwerfen, so dass die unheilsamen Gedanken schwinden und vergehen".

Der Weg zum Verständnis der Vier Edlen Wahrheiten ist für manche wohl doch etwas mühselig und weit. Danken wir dem Buddha, dass er sich so mitfühlend auch der buddhistischen "Schwachmatikusse" angenommen hat.

(*) Zugrunde gelegt wurde die Übersetzung von Kurt Schmidt


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Quelle:
Der Mittlere Weg - majjhima-patipada
40. Jahrgang, September - Dezember 2008/2553, Nr. 3, Seite 30-31
Herausgeber: Buddhistischer Bund Hannover e.V.
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veröffentlicht im Schattenblick zum 30. August 2008