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PRESSE/894: Vesakfest in den Hamburger Wallanlagen (Buddhistische Monatsblätter)


Buddhistische Monatsblätter Nr. 1/2011, Januar - April
Vierteljahreszeitschrift der Buddhistischen Gesellschaft Hamburg e.V.

16. Mai 2010/2553 Vesakfest in den Hamburger Wallanlagen

Vortrag von Ursula Bien


Eherne Gesetze stehen den Wesen zu Häupten, hier schon und im Jenseits, sagt der Buddha. Eines dieser ehernen Gesetze ist die Vergänglichkeit, Wandelbarkeit, Unbeständigkeit.

Hören wir nun eine kurze Geschichte von einem Dichter (Rudolf von Ems) aus dem 13. Jahrhundert:

"Vom vergänglichen Königtum

Vorzeiten gab es eine Stadt, groß und reich an Gut, in der man seit altersher merkwürdige Gepflogenheiten hatte. Alljährlich hielten es die Bürger so, dass sie einen herbeiholten, der keinerlei Kunde von ihnen besaß, und den für ein Jahr zum König nahmen und ihm den Eid leisteten. Der hatte dann für ein Jahr bei ihnen alle Gewalt. Es ist wahr, dass seinem Willen und allem, was ihm behagte, in diesem Jahr niemand mit Tat und Besitz entgegenstrebte. Wenn er nun derart dahinlebte und seiner Würde in dem Wunsch und Glauben froh war, dass seine Ehren ständig anwachsen und von Dauer sein würden, da ward ihm bald das Ende seiner Gewalt deutlich offenbar.

Wenn sich die Zeit erfüllt hatte, kamen die Bürger herbei und fingen ihn. Böswillig nahmen sie ihm seine Krone, schmählich zerrten sie ihn nackt durch die ganze Stadt. Sie machten seine Freude gänzlich zunichte. Sodann ward er behende auf ein fremdes Eiland verschickt, wo er an Hungersqualen verdarb und in Frost und Entblößung zugrunde ging. Not und Mühsal ohn' alle Hoffnung waren dort sein Teil; Freude und Zuversicht schwanden dahin, denn ohne Rettung musste er daselbst in seinem Elend bis zum Tode bleiben. So war der Bürger Brauch, so lohnten sie ihren Königen, keinem erließen sie das. Alle, die ihre Könige gewesen waren, mussten solche Pein leiden und nach ihrer Freude im Kummer sein.

Nun aber nahmen sie einen zum König, der so vollkommen war, dass es ihm an keiner Tugend gebrach. Er war nach dem Lobe dieser Welt ohn' allen Fehl. Freigebig war er mit seinem Gut und rein und weise in seinen Sitten. Er richtete sein ganzes Sinnen darauf, wie er in klugem Bedacht mit Hilfe seiner Habe alle Dinge am weisesten ordnen könnte. Sein Verstand lehrte ihn, beharrlich stets das Beste gern zu tun.

Nun war ein weiser Mann bei ihm, der ihm verriet, welcher Brauch dazulande geübt wurde. Der sagte ihm, dass er gar bald seine vergängliche Herrschaft zu kläglichem Ende jammervoll verlieren müsste und zuletzt in eine fremde Einöde verschleppt werden würde. Für diese Kunde war der König dem Ratgeber dankbar. Viel Edelgestein, Gold und Silber, Menschen und Tiere sandte er nun durch die Hände treuer Leute in jenes Land voraus.

Als das Jahr zu Ende ging, nahm auch seine Herrschaft ein Ende. Da kamen nach ihrem Brauch die Bürger herbei und entkleideten ihn seiner Ehren. Sie trieben ihn grausam mit vielen Schlägen nackt durch die Stadt. Wie vordem mancher seinesgleichen, wurde er dann aus dem Reich auf das Eiland geschafft. Jene, die in verwichenen Jahren dorthin gekommen, litten da viele Schmerzen ob der Mühsal mancherlei Mangels, denn sie hatten nichts mit sich gebracht und nichts vorausbedacht, als sie es noch hätten tun können. Dieses Elends war der weise König enthoben, denn er hatte unerschöpfliche Wegzehrung durch die Hand treuer Boten in die Einöde voraus gesandt.

Quelle: "Buddhistische Schatzkiste", Hrsg. Buddhistisches Seminar, 95463 Bindlach, Katzeneichen 6


Der gewählte König ist vergleichsweise jeder von uns bei seiner Geburt und die Absetzung erfolgt ebenso zwangsläufig mit dem Tode. Dass die Geschichte von einem König handelt, entspricht der Aussage des Erwachten (Buddha), dass es schwer ist, Menschentum zu erlangen. Darum ist das Menschenleben etwas sehr Kostbares. Doch ist das Leben von uns Menschen in dauernder Bewegung, in rieselnder Veränderung und es ist ein Gesetz, dass, was immer auch geboren ist, altert und stirbt. Darum kommt es für uns auf die Zeitspanne an, wenn wir als Menschen zu Reife und Verstand gekommen sind. Der Erwachte, der Buddha, lehrt uns: "Eine heilsfähige weltüberlegene Eigenschaft, die ein Kennzeichen des Menschen ist, lehre ich ihn nutzen". Diese Eigenschaft ist der Geist, ist unser Denken. Wir müssen wissen, dass das, was wir am wenigsten auf unserer Rechnung haben, weil es ganz und gar unsichtbar und meistens auch unbemerkt abläuft, dennoch die allerumfassendste Wirkung hat: Unsere Gedanken. "Vom Geiste gehen die Dinge aus, sind geistgeboren, geistgefügt", sagt der Erwachte, denn die Tätigkeit im Geiste ist genauso ein Wirken, wie wenn ich mit dem Körper wirke oder mit der Sprache. Hier haben wir also die einzigen drei Werkzeuge, mit denen wir wirken können und die jeweils ihre Wirkung hervorbringen; im Denken, im Reden und im Handeln. Diese Wirkungen, die aus dem dreifachen Tun erwachsen, machen unser gesamtes Leben aus, ein Leben, das nicht, wie es scheint, von außen kommt, sondern ein Erleben, ein in der Wahrnehmung Bewusstwerden ist. "Erben des Wirkens sind die Wesen, Kinder des Wirkens, Knechte des Wirkens: Das Wirken, das Tun unterscheidet die Wesen nach Verkommenheit und Vorzüglichkeit". So lehrt uns der Erwachte. Wichtig für uns Menschen ist es, die zwei Ebenen unseres Erlebens zu kennen: die innere Ebene, unsere Gedanken, Gefühle, Dränge, Triebkräfte, und die äußere Ebene, die Anbrandung der Welt mit all ihrer schillernden Buntheit in Formen, Tönen, Geschmäcken usw. Diese Buntheit will uns glauben machen, dass wir ihr auf Gedeih oder Verderb ausgeliefert sind, doch dem ist nicht so. Ein indischer Vers fasst die zwei Ebenen zusammen:

Von selber erschlafft der Körper, nicht aber das Begehren.
Von selber schwindet die Schönheit, nicht aber die üble Gesinnung.
Von selber werden wir Greise, nicht aber von selber weise.

Körper, Schönheit, Greisentum sind die sichtbare Seite unseres Lebens. Begehren, üble Gesinnung, Unweisheit, also Torheit, sind die unsichtbare Seite. Und gerade die unsichtbare Seite ist die ausschlaggebende. Darum nennt der Erwachte in seiner Tugendanleitung die geistige Gesinnung immer mit, denn von der inneren Haltung geht es aus, ob wir zu einer Tauglichkeit erwachsen, unser eigenes Leben und das unserer Mitwesen mit nur wenig Bedrängnis zu belasten.

Lebewesen zu töten - das hat er aufgegeben; dem Töten von Lebewesen widerstrebt sein ganzes Wesen. Ohne Stock, ohne Schwert, teilnehmend und rücksichtsvoll hegt er zu allen lebenden Wesen Liebe und Mitempfinden.

Nichtgegebenes zu nehmen - das hat er aufgegeben, dem Nehmen von Nichtgegebenem widerstrebt sein ganzes Wesen; Gegebenes nur nimmt er, Gegebenes wartet er ab, nicht diebisch gesinnt, rein gewordenen Herzens.

Unrechten Wandel in der Begegnung der Geschlechter - das hat er aufgegeben, einem unrechten Wandel im Geschlechtsverkehr widerstrebt sein ganzes Wesen.

Lüge hat er aufgegeben, der Unwahrhaftigkeit widerstrebt sein ganzes Wesen. Die Wahrheit spricht er, der Wahrheit ist er ergeben, standhaft, vertrauenswürdig, lässt er ab von den üblichen Ungeradheiten.

Berauschende Getränke oder andere die Vernunft und Selbstkontrolle verhindernden Mittel zu nehmen - das hat er aufgegeben, solche nimmt er nicht zu sich.

Diese fünf Tugendanleitungen weisen einen mittleren Weg, nicht unterhalb des Menschentums zu gelangen. Erst, wenn wir das Menschentum als eine Herausforderung und als eine Chance ansehen, hier und jetzt die Weichen zu stellen, zu eigenem Wohl oder zu eigenem Wehe, wird uns unser Leben zu einem sinnerfüllten, aufregenden Abenteuer. Denn die verborgenen geistigen Kräfte, Dränge, Triebe zu verändern, schafft gedankliche Bewertung. Der Erwachte nennt das eherne geistige Grundgesetz: "Wie der Mensch immer wieder bedenkt und betrachtet, beurteilt und bewertet, danach wird das Herz geneigt." Das ist der entscheidende Ausgangspunkt für alle Umerziehung und gilt für unser gesamtes Denken, bei Tag wie in der Nacht. Gedanken sind nicht frei, denn jeder Gedanke hinterlässt seine Spuren. Dieses Gesetz ist ebenso einfach wie unheimlich. Unheimlich darum, weil es in jedem Augenblick mit jedem unserer Gedanken wirksam ist, uns verändert und dennoch von den allermeisten Menschen nicht bemerkt wird. Paul Debes sagte einmal: "Die Wahrheit über die Beschaffenheit und Wandlung des Herzens durch das Denken ist die wichtigste Wahrheit der gesamten Existenz." Jeder Gedanke ist in irgendeinem Sinne ein Urteil, eine Bewertung. Und jede Bewertung ist ein Sandkörnchen auf eine der vielen inneren Willenswaagen. Jedes Sandkörnchen lenkt den Willen. Jeder Wille beeinflusst das Reden und Handeln und alles Reden und Handeln hat Folgen: Folgen für den Täter, Folgen für seine Umgebung, Folgen für den Weltlauf. Der oberflächliche Mensch meint naiv, er könnte sich in Gedanken alles erlauben, aber der Beobachter seiner selbst und seiner geistigen und seelischen Entwicklung weiß um dieses unheimliche Gesetz. Dieses Gesetz bedeutet also, dass alle Erscheinungen unseres Erlebens von eigenem Denken und Handeln verursacht sind, und es bedeutet ebenso, dass wir durch besseres Denken zu besserem Handeln kommen und von da aus zu besserem Erleben. Das Leben vollzieht sich immer nur im Geistigen, ganz gleich, was erlebt wird. Alle "Welt" ist immer nur erlebte Welt, ist geistiges Erlebnis und ist Frucht und Ergebnis der Gedanken und Ideen, die gehegt und gepflegt wurden. Die heute gepflegten Gedanken und Ideen bauen ganz leise, aber unwiderstehlich an dem morgigen Welterlebnis. In diesem Sinne erweist sich der vom Erwachten gelehrte achtgliedrige Heilsweg, beginnend mit der "Rechten Anschauung", als der richtige Ansatz zur Verbesserung der "Welt", beginnend durch bewusste und beharrlich betriebene Selbsterziehung, das ist die Läuterung des eigenen Herzens. Von Paul Debes sind die Worte: Die Buddhalehre ist letztlich nicht Information, Aufklärung, sondern die Wegweisung zur Transformierung, Reinigung, Gesundung. Der heilende Achtpfad setzt sich zusammen aus Rechter Anschauung, Rechter Gesinnung, Rechter Rede, Rechtem Handeln, Rechter Lebensführung, Rechtem Mühen, Rechter Achtsamkeit, Rechter Herzenseinigung. Dieser vom Erwachten aufgewiesene achtgliedrige Weg führt in fortschreitender geistiger Einübung auch zu fortschreitender Erhellung des gesamten Erlebens. So wird also im Leben, im Denken, Reden und Handeln bereits an dem neuen Dasein gebaut. Der Tod öffnet dann nur ein Tor in die Zukunft. Die Lenkung aber liegt hier in diesem Leben. Jeder bewertende Gedanke baut an unserer Zukunft, wir selber schaffen sie, wie wir auch unser heutiges Ergehen durch früheres bewertendes Denken und entsprechende Wandlung unserer inneren Dränge und Triebkräfte geschaffen haben. Immer sind wir selbst die Erbauer und Erschaffer unseres Erlebens in Wohl und Wehe. So ist all unser Ergehen nicht, wie wir blind vermeinen, unser Schicksal, sondern unser eigenes Schaffsal.

Dazu lesen wir zum Abschluss die Verse von Paul Debes: "Komm zur Ruhe":

Komm' zur Ruhe

Im Getriebe und Gedränge kannst du nicht den Frieden finden,
und im Hasten, Hetzen, Jagen muss die Weisheit dir entschwinden.

Komm zur Ruhe, lass das Jagen, sammle dich zum stillen Schauen,
lass die ganze Welt dahinten und versuch, dich selbst zu finden.

Sieh, nun kannst du wieder messen mit den alten, echten Maßen,
Gut und Böse sauber scheiden, Gutes mehren - Böses lassen.

Ach, wie gut ist still Bedenken und mit klarem Geist verweilen
und bewusst das Gute fassen und bewusst das Böse lassen.

Drum vergiss nicht, solche Stunde der Besinnung oft zu finden,
jeden Tag dich still zu halten, reines Streben zu entfalten.

Denn nur so wirst du zum Lenker deines eignen inn'ren Wesen,
während sonst du fortgerissen von dem Andrang dieses Lebens.

Wohin gehst du? Frag dich immer, prüfe deiner Wege Ziele,
sorge für die rechte Richtung, strebe aus der Daseinsmühle!

Wohin gehst du? Denk, bedenke! Einmal ist die Zeit zu Ende,
dieses kurze Menschenleben - wohin wirst du weitergehen?

Dein Begehren und dein Hassen bringen stets dich in Gedränge,
Lebensnot und Lebensenge - dein Begehren und dein Hassen.

Sieh nur diese beiden Leiden, die dich ohne Ende plagen,
dich in tausend Fesseln schlagen - löse darum dich von beiden.

Lass die bunten Fratzenspiele, lass dich nicht mehr länger locken,
sieh die ganze Buntheit bleichen - Sicherheit such zu erreichen.

Löse dich vom schlimmen Hassen, fliehe alles finstre Sinnen,
Mitgefühl such zu gewinnen, so wirst du vom Hassen lassen.

Wohin gehst du? Frag dich immer, prüfe deiner Wege Ziele.
Sorge für die rechte Richtung, strebe aus der Daseinsmühle.

Wohin gehst du? Denk, bedenke! Einmal ist die Zeit zu Ende,
dieses kurze Menschenleben - wohin wirst du weitergehen?

Drum vergiss nicht, solche Stunde der Besinnung oft zu finden,
jeden Tag dich still zu halten, reines Streben zu entfalten.

Denn nur so wirst du zum Lenker deines eig'nen inn'ren Wesens,
während sonst du fortgerissen von dem Andrang dieses Lebens.

So bewusst durch's Leben gehen, achtsam stets in allen Dingen,
keinen Schritt auf falschen Wegen, wirst du auch zum Frieden finden.


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Quelle:
Buddhistische Monatsblätter Nr. 1/2011, Januar - April, Seite 6-10
Vierteljahreszeitschrift der Buddhistischen Gesellschaft Hamburg e.V.
Herausgeberin: Buddhistische Gesellschaft Hamburg e.V.
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E-Mail: bm@bghh.de, bghwiebke@gmx.de
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Die Buddhistischen Monatsblätter erscheinen
vierteljährlich.
Einzelpreis: 5,-- Euro
Abonnementspreis: 20,-- Euro jährlich


veröffentlicht im Schattenblick zum 1. Februar 2011