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PRESSE/897: Rede- und Gesprächskommunikation in Süd-Asien/Ost-Asien und Indo-Buddhismus (DMW)


Der Mittlere Weg - Nr. 1, Januar - April 2011
Zeitschrift des Buddhistischen Bundes Hannover e.V.

Rede- und Gesprächskommunikation in Süd-Asien/Ost-Asien und Indo-Buddhismus

Von Willfred P. E. Hartig


Der beruflich seit 1968 als Rhetoriker tätige Verfasser des folgenden Beitrags hat mit seinem neu erschienenen Buch "Moderne Gestologie" (V.V.V.-Verlag ISBN 978-3-00-031835-1) für heutige Redner und Verhandler Gestik-Leitlinien erarbeitet, die im Alltags- und Geschäftsleben das Kommunikationsverhalten positiv beeinflussen werden. Da er seit 1950 Buddhist ist, hat er in diesem Zusammenhang das - soweit ersichtlich - wohl noch nie behandelte Thema aufgegriffen, welche Bedeutung Gestik und Rhetorik im buddhistischen Kulturkreis und beim Buddha Gautama selber hatten. Wir geben den entsprechenden Absatz seines Buches (S. 176-181) mit Erlaubnis des Verfassers gern wieder.


In einer immer stärker sich vernetzenden Welt der Globalisierung sollten wir es nicht mehr wagen, uns in unserer so vertrauten europäischen Weltkultur mit ihrer geistigen Eurozentrik einzuigeln. Das gilt für Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Technik, aber erst recht für die internationale und interkulturelle Kommunikation, die ja für die zuvor genannten Bereiche erst die Wege frei legen muss. Daher ist es so grundlegend wichtig, in Sachen "Rede- und Gesprächs-Kommunikation" - und hier ganz besonders hinsichtlich der Gestik - gezielt einen Blick über die europäischen Grenzen hinweg auf andere große Weltkulturen wie z. B. die indische und die sino-japanische zu werfen. Beginnen wir, was nahe liegt, zuerst mit dem indischen Subkontinent und seinem Kulturkreis. Dort treffen wir im Gestikbereich die bedeutsame religionsgeschichtlich bedingte Zweiteilung in Buddhismus (§ 1-2) und Hinduismus (§ 3) an:


§ 1: Indo-Buddhismus (Indischer Subkontinent)

Das Erscheinen des Buddha, dieses großartigen "Praeceptor Indiae", und seiner Lehre (Buddhadharma) mit ihrer friedfertigen kommunikativen Lehrverkündung im Nord-Osten des indischen Subkontinents (heutiges Bihar) um ca. 400 v. d. Zw. bedeutete auch einen kraftvollen Anstoß für die Entfaltung der Gestenkunst. Sie bildet nämlich einen wichtigen Baustein innerhalb der indo-buddistischen Rhetorik. Diese verkörpert aber einen kühnen Gegenentwurf zur griechisch-römischen Rhetorik und zugleich die klare Überwindung von deren Alleinvertretungs-Anspruch. Die Rhetorik-Geschichte der Antike muss darum neu geschrieben werden!

Das oben Gesagte spiegelt sich eindrucksvoll wider in den Gestikdarstellungen der indo-buddhistischen Kunst und deren Ausstrahlung bis nach Ost-Asien (China, Korea, Japan), Zentral-Asien (Tibet, Mongolei) und West-Asien sowie in der hinduistischen Kunstdarstellung. - Wie stellt sich uns nun die Situation der Gestik (a) im frühbuddhistischen Pali-Kanon und (b) in der indo-buddhistischen Kunst (Skulptur, Malerei) dar?

(a) In den frühbuddhistischen Schriften finden sich zwar nur spärliche Hinweise zur Gestik (und Mimik d.h. Gestik der Gesichtszüge). Jedoch dies besagt nicht viel, weil die mündliche Textüberlieferung sich auf das gesprochene Wort als wertvollsten Lehrinhalt konzentrieren musste und nicht auch noch nonverbale Handlungen als Begleitmusik mit ansagen konnte. Gestik war außerdem in Indien mit seiner uralten narrativen Kultur so selbstverständlich, dass man sie nicht noch eigens erwähnen musste. Beweis: Wie beiläufig wird in einem Text der buddhistischen Ordensdisziplin berichtet, dass sich die Mönche bei Schweige-Seminaren einer ausgefeilten Handzeichensprache bedienten, um sich mit einander zu verständigen. Das aber lässt m. E. den berechtigten Rückschluss zu, dass die damalige indische Zivilisation bereits über ein so reichhaltiges Gestik-Vokabular verfügt haben muss, dass sie daraus derartige Sekundär-Systeme ableiten konnte.

(b) In der indo-buddhistischen Kunst finden wir dafür - gleichsam als Bestätigung der eben genannten Begründung - eine erstaunliche Fülle von Handgebärden vor. Hier jedoch müssen wir sogleich die Unterscheidung treffen zwischen Buddha-Statuen in sitzender Meditationshaltung mit verschiedenen Handposen (ca. 20) und Buddha-Statuen in stehender Lehrverkündungshaltung mit entsprechenden Vortrage-Gesten (ca. 10).

Obwohl die Sitzfiguren erheblich überwiegen, sollen uns hier nur die relativ seltenen Standfiguren und ihre aktiven Gesten beschäftigen, weil sie rhetorisch interessanter, d. h. aussagekräftiger sind. Denn bekanntermaßen ist ein stehender Sprecher in seiner Vortragswirkung erheblich stärker als ein sitzender. Wir können bei diesen Stein-, Holz- oder Bronzestatuen und Gemälden, die so wichtig für die Weiterverbreitung der buddhistischen Friedensbotschaft waren, immerhin zehn verschiedene Gesten/Posen unterscheiden:

1. Geste der Argumentation und der Lehrverkündung (vitarka-mudra, dharma-deshana-mudra), a) einhändig oder b) beidhändig (Bewegungsablauf: Zeigefinger und Daumen schnabelförmig aneinander gedrückt, vorwärts verweisend); mittlere, veranschaulichende Ebene: dominativ. (P.S. Aufschlussreich: Die Geste des aufzeigenden, des erhobenen oder drohenden Zeigefingers ist m. W. so gut wie nirgends vorfindbar.)

2. Geste der Ablehnung und der Furchtabweisung (abhaya-mudra), a) einhändig oder b) beidhändig (Bewegungsablauf: Hand-Innenfläche nach außen abwärts, weg vom Körper weisend); mittlere oder untere Ebene: dominativ.

3. Geste der Zusage, der Gewährung, des Gebens und des Offen-Legens (varada-mudra, dana-mudra), zumeist einhändig (Bewegungsablauf: Hand-Innenfläche nach oben offen, nach vorn auf die Zielperson(en) weisend); mittlere Ebene (später aus bildhauerischer Freiheit sogar in der unteren Ebene!): integrativ.

4. Geste des In-Gang-Setzens des Rades der Lehre (dharma-cakra-pravartana-mudra), beidhändig. (Bewegungsablauf: zwei Varianten

a) Standbilder der Mathura-Schule: rechte Hand mit offener Hand-Innenfläche in Lehrverkündungsgeste der linken Hand zugewandt, die mit abgewandter Innenfläche ihre fünf Finger der rechten Hand durch Ab- oder Aufzählung aufspreizt, beginnend mit dem Zeigefinger

(N.B.: Diese Variante wird später von der buddhistischen Kunst Tibets und des sino-japanischen Kulturkreises voll übernommen);

(b) Standbilder der gräko-indischen Gandhara-Schule: rechte Hand zeigt Außenseite mit locker angeordneten Fingern, die von den Fingern der linken, horizontal postierten Hand zwecks Ab- oder Aufzählung abgegriffen werden, beginnend mit kleinem Finger); beide mittlere, veranschaulichende Ebene: integrativ.

5. Geste der Aufforderung, der Einladung und des Willkommens (ehipassika-mudra; Motto: "Komm vorbei und schau herein [in die Buddha-Lehre]", beidhändig und beidarmig (Bewegungsablauf: Hand-Innenflächen offen, beide Arme weit ausgebreitet.); mittlere bis obere Ebene: integrativ

6. Geste der Erleuchtungsgipfel- (und damit der Wahrheits-)Erreichung (bodhyagra-mudra), beidhändig, (Bewegungsablauf: zur Faust geformte rechte Hand umfasst Zeigefinger der linken Hand oder umgekehrt, als Aufgipfelung des Einzigartigen und Unüberbietbaren.); mittlere Ebene: integrativ/dominativ

7. Geste bzw. Pose der geistigen Konzentration (dhyana-mudra), beidhändig (Bewegungsablauf: Postierung der rechten Hand-Außenfläche auf der linken Hand-Innenfläche oder umgekehrt, jeweils in Gürtelhöhe als Ausgangsstellung für weitere Mudra-Aktionen. Dies ist die Grundhaltung der Hände!); mittlere Ebene: integrativ

8. Geste des Aufmerksamkeits-Gebots, rechts einhändig (Bewegungsablauf: Rechte Hand mit äußerer Handkante [nicht Handfläche!] in Mund- oder Augenhöhe erhoben, während linke Hand das Mönchsgewand in Schulterhöhe festhält: Signal und Markierungsgeste zu Beginn von Grundsatzaussage oder Lehrvortrag); obere Ebene: dominativ

9. Geste der Wahrheits-Beteuerung und Gewissens-Anrufung (Bewegungsablauf: beide Hände über Kreuz oder nur eine Hand in Brusthöhe postieren) obere Ebene: integrativ

Zeigen diese Gesten nicht alle bis auf die Ausnahme 6. eine erstaunliche Übereinstimmung mit denen des westlichen Kulturkreises? Bedarf es noch eines weiteren Nachweises der interkulturellen Verwandtschaft von rhetorisch intendierter Gestik und Postik? Werfen wir darum zur weiteren Bestätigung noch einen Blick auf die Grundhaltung des Sprechers im Stehen:

10. Zwei-Standbein-Pose (sthanu, samapada, dvi-sthanu): Die Buddha-Gestalten v. a. gräko-indischer Herkunft, also der frühen indobuddhistischen Plastik, weisen ganz eindeutig eine Zwei-Standbein-Postik auf, d. h. die rednerisch erforderliche Grundhaltung des stabilen Standes: mithin ein weiteres Moment der Übereinstimmung von Ost und West, die auch in chinesisch-japanischen Kampfkünsten und Entspannungstechniken nachweisbar ist.

(N.B.: In späteren Plastiken, besonders hinterindischer Herkunft, geht dagegen dieses Grundwissen verloren. Beide Beine werden nun eng zusammengesetzt wie beim Strammstehen. Diese instabile Haltung mag ästhetisch harmonischer wirken, ist aber rhetorisch untauglich. Dies ist übrigens ein versteckter Hinweis darauf, wie in der späteren buddhistischen Lehr-Tradition das rhetorisch gradlinige Grundwissen immer mehr preisgegeben wurde zu Gunsten der rhetorisch schwächeren Sitzhaltung mit ihren oft komplizierten, ja gekünstelten Meditations-Mudras. Das gibt sehr zu denken.)

Abschließend noch eine grundsätzliche Betrachtung zum Wesen der Mudra: Man könnte dieses Sanskrit-Wort am treffendsten mit "Siegel-Geste" übersetzen. Im Mahayana, in der spätbuddhistischen Tantrik und im Hinduismus wird die Mudra als eine Art Symbol zur geheimnisvollen Versiegelung und Manifestation einer Heilsformel (mantra) hochstilisiert.

Dagegen bedeutet in der ursprünglichen Buddha-Lehre die Mudra das genaue Gegenteil, nämlich eine Entsiegelung, d, h. die klar artikulierte visuelle Frei- und Offenlegung einer verbalen Aussage (vacana) oder Aufweisung (deshana) in ihrer Bedeutung. Genauer gesagt, verleihen der Buddha und seine engen Mitarbeiter mit den Mudras ihrer verbalen Kommunikation ein gezieltes visuelles Gepräge, bedienen sich somit der zweikanaligen Überzeugungsübertragung und legen dadurch den Heils-Charakter ihrer Botschaft dem Blick ihrer Zuschauer/ Zuhörer noch plastischer offen.


§ 2: Mahayana-Buddhismus (China, Japan, Korea, Tibet)

Da dieser umfangreiche Kulturkreis aus soziopolitischen Gründen keine Ansätze zu einer Rhetorik entwickeln konnte, entfaltete sich dort, wie oben schon angedeutet, besonders unter dem Vorzeichen des Meditations-Buddhismus eine unglaublich differenzierte und ausgefeilte Mudra-Technik und -Symbolik. So konnte der Verfasser in E. D. Saunders Werk "Mudra. A Study of Symbolic Gestures in Japanese Buddhist Sculpture" (N. Y., 1960) immerhin rd. 40 derartige Gesten und Posen lokalisieren. In unseren Augen eine beachtliche religiös-meditative Leistung.


§ 3: Hinduismus (Indischer Subkontinent)

Auch im Hinduismus der vorklassischen, der klassischen und der nachklassischen Zeit kam es zu keiner Entwicklung einer Rhetorik. Dafür, dass dies bei der so kommunikationsfreudigen Bevölkerung des indischen Subkontinents nicht der Fall war, sind ebenfalls soziopolitische Gründe verantwortlich. Denn nach der Zerschlagung der frühindischen Stammesrepubliken in Nordost-Indien durch die entstehenden frühabsolutistischen Großreiche der Nagas und Moriyas war in der Öffentlichkeit kein Platz mehr für die freie Rede. Unter dem Druck der Großreiche und des erstarkenden Kastenwesens waren die Untertanen künftig zum Schweigen verurteilt.

So entstand die erzwungene rhetorische Sprachlosigkeit der klassischen Zeit, die ihr Ventil in exzessiver Tanz- und Schauspielkunst, überschwänglicher Dicht- und Bildhauerkunst, Musik, Malerei und obskurer Tantrik suchte. Sogar in den Bereich des Yoga und des Ayur-Veda fanden Mudra-Techniken ihren Eingang. Erst im unabhängigen Indien des 20. Jahrhunderts als weltgrößter Demokratie haben sich hier seither die rhetorischen Verhältnisse grundlegend gewandelt. Die verschiedenen indischen Parlamente und die demokratischen Wahlkämpfe beweisen dies.

Werfen wir dennoch einen kurzen Blick auf die Leistung der eben genannten Disziplinen im Bereich der visuellen Mudra-Kommunikation: Hier hilft uns ein klassisches Sanskrit-Werk, der "Gesten-Spiegel" (Abhinaya Darpana) des mythischen Autors Nandikeshvara, mit seiner ganz erstaunlichen Auflistung von Körpersignalen. Es liefert uns eine Art systematisches Kompendium und unterscheidet 9 Kopfbewegungen, 24 Kopfbewegungen und Kopfstellungen, 8 Blickkontakte, 44 Blickkontakte, Augenbewegungen und Augenlid-Aufschläge, 6 Augenbrauen-Bewegungen, 12 Handbewegungen, 28 Hand- und Armstellungen, Finger-, Hand- und Armbewegungen, z. T. mit Zuordnungen zu bestimmten Gottheiten, sowie 24 beidhändige Finger-, Hand- und Armstellungen bzw. -bewegungen.

(N.B.: Bemerkenswert, dass in diesem Kompendium kein Wort über die Stellungen von Beinen und Füßen fällt. Wiederum ein indirekter Hinweis darauf, dass in einer fehlenden Rhetorik-Tradition auch der sichere, ruhige Stand mit seinen zwei Standbeinen kein Thema ist.)

Wir fragen uns abschließend zu Recht: Tut sich hier nicht ein wahrhaft erstaunlicher, kaum erkundeter Kosmos der außereuropäischen Gestensprachen vor unseren Augen auf? Wie konnte sich das alles entfalten unter Ausschluss und mit Unkenntnis fast der gesamten westlichen Öffentlichkeit? Sollte die moderne Gestologie mit ihrem Anspruch auf universale Geltung und ihrer damit verbundenen kommunikativen Verantwortung diese und andere Fehlleistungen etwa noch länger hinnehmen? Oder müsste sie diese nicht schnellstens korrigieren?


Bildunterschriften der im Schattenblick nicht veröffentlichten Abbildungen der Originalpublikation:

Der Buddha als Lehrer für Götter und Menschen - deshalb die doppelte Lehrgeste. (Thailand, 7. Jh.n.Chr.)

Buddha mit Erdanrufungsgeste (Gangarama Viharaya, Sri Lanka)


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Quelle:
Der Mittlere Weg - majjhima-patipada
43. Jahrgang, Januar - April 2011/2554, Nr. 1, Seite 20-24
Herausgeber: Buddhistischer Bund Hannover e.V.
Drostestr. 8, 30161 Hannover,
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Internet: www.buddha-hannover.de

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veröffentlicht im Schattenblick zum 4. Februar 2011