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PRESSE/956: Die Wahrheit vom Leiden (DMW)


Der Mittlere Weg - Nr. 1, Januar - April 2013
Zeitschrift des Buddhistischen Bundes Hannover e.V.

Die Wahrheit vom Leiden

von Axel Rodeck



Die im "Mittleren Weg" Heft 3/2012 aufgeworfene Frage, ob die "Leidhaftigkeit" Grundmerkmal des Daseins ist und zu den Axiomen des Buddhismus gehört, hat zu lebhaften Diskussionen geführt. Wir wollen uns folgend noch einmal mit dem Thema befassen und versuchen, den Hintersinn von Buddhas Feststellungen zu verstehen.


Die erste Edle Wahrheit

Auszugehen ist von der ersten der in Benares verkündeten "Vier Edlen Wahrheiten", welche lautet:
"Dies, Mönche, ist die hohe Wahrheit vom Leiden (dukkha):
a) Geburt, Altern, Krankheit und Tod sind leidhaft,
b) Trauer, Jammer, Schmerz, Gram und Verzweifelung sind leidhaft,
c) mit Unliebem vereint, von Liebem getrennt sein ist leidhaft,
d) Begehrtes nicht erlangen ist leidhaft,
e) kurz: Die fünf 'Aneignungsgruppen' sind leidhaft."

Es sei vorab betont, daß die Übersetzung des Begriffs "dukkha" mit "Leiden" sehr unvollkommen und mißverständlich ist. Es handelt sich nicht um Leidenserfahrung etwa im christlichen Sinn, sondern um einen großen Kreis von Unzulänglichkeiten, Frustrationen und sonstigen dem Leben inhärenten Zuständen.

Die Aufzählung stellt zunächst fest, dass bestimmte Eigenheiten des Lebens, die wir als leidhaft empfinden, untrennbar mit dem Dasein verbunden sind. Ein Leben ohne Leiden kann es nicht geben. Selbst die Freuden verschiedenster Art, die ja ebenfalls Bestandteile des Lebens sind, sind nur zeitlich begrenzt und münden letztlich in Ende und Abschied. Es besteht ein ständiges Fließen und Anderswerden, welches stets mit dem Tod endet. Er ist die gravierendste Folge des unentrinnbaren Zeitablaufs.

Der unvermeidbare Verlust geliebter Dinge führt dann zu Schmerz und Verzweiflung. Ebenso hart trifft uns eine räumliche Trennung, wenn wir von dem getrennt sind, was wir haben wollen. Entsprechendes gilt bei Verbindung mit dem, was wir ablehnen. Erhalten wir nicht, was wir begehren, erwächst hieraus ein Habenwollen (eine Gier, Pali: "thanha"), während die Verbindung mit Ungeliebtem zu Abwehr und Haß (dosa) führt. Alle diese Emotionen stehen einer Erlösung entgegen und binden an den Kreislauf der Wiedergeburten.

Und was hat es auf sich mit den "Fünf Aneignungsgruppen" (upadanakkhandha)? Der Buddha hat in einer heute vielleicht etwas archaisch wirkenden Weise den Menschen, also das Subjekt des Leidens, in fünf Komponenten gegliedert. Es handelt sich um den Körper als materielle Basis (rupa) und vier immaterielle Bestandteile (nama), nämlich Empfindungen, Wahrnehmungen, Geistesregungen und Bewußtsein. Aus diesen - und nur aus ihnen! - besteht das, was uns als empirische Person gegenüber tritt. Weil sich jede Wiedergeburt diese fünf Gruppen (khandha) aneignet, heißen sie "Aneignungsgruppen" (upadanakkhandha). Und all dieses, materiell und immateriell, wird als leidhaft bezeichnet.


Hintergründige Erkenntnis

Man könnte fragen, warum der Buddha nicht auf das Elend der Welt wie Hunger, Armut oder soziale Ungerechtigkeit hingewiesen hat. Das hat er aber mit Bedacht unterlassen. Denn seine Aufzählung bezieht sich nicht auf irgendwelche durch Sozialverhalten oder Politik beeinflußbare Sachverhalte, sondern auf die elementaren Leidensfaktoren, die sich aus der Natur des Daseins ergeben und gegen die der Mensch grundsätzlich machtlos ist. Als Leidenspragmatiker unterläßt es der Buddha auch, kluge philosophische Erörterungen anzustellen, etwa darüber, ob nicht dem Durchleiden einer Situation doch ein gewisser kultureller Wert beizumessen ist. Nun wissen wir aus Gesprächen mit Nichtbuddhisten oder wenn wir als Referenten zu Vorträgen eingeladen sind, dass die Hörer oft der Aussage über die Leidhaftigkeit des Daseins in sachlicher Hinsicht gern zustimmen wollen, jedoch etwas verstört fragen, wieso denn solche Binsenweisheiten als Erkenntnis eines "Erleuchteten" ausgegeben werden. In der Tat wirkt die Aufzählung allseits bekannter Lebensumstände nicht gerade überwältigend. Aber wie oben schon angedeutet geht der Buddha mit seinen Feststellungen über vordergründige Erkenntnisse hinaus und legt dar, daß das Leiden der Existenz innewohnt.

Der Buddha führt am Schluß der "Wahrheit vom Leiden" zusammenfassend aus, daß der Leidenscharakter der zuvor beschriebenen schmerzhaften Umstände sich nicht auf die jedermann ersichtlichen Qualen beschränkt, sondern eine tiefere Einsicht in die existentielle Unheilsituation alles individuellen Lebens erfordert:

"Der in der ersten Edlen Wahrheit am Ende zusammenfassend ausgesprochene Satz vom Leidenscharakter der fünf Gruppen der Daseinsfaktoren kann nicht auf empirische Schmerz- und Unglückszustände bezogen sein im Sinne eines bloß philosophischen Pessimismus, sondern muß einen tieferen Sinn haben, nämlich den des religiösen Unheils. Wenn hier Krankheit und Alter mit dem Prädikat "Leiden" bezeichnet werden, dann ist das kein analytisches Urteil, das aus den Begriffen Alter und Krankheit durch Analyse zu gewinnen wäre, sondern ein synthetisches Urteil, also eine aus anderer Quelle zusätzlich gewonnene Einsicht." (G. Mensching) Die erste Wahrheit bezieht sich also über vordergründiges Wissen hinaus auf einen inneren Erkenntnisvorgang, nämlich daß alle Existenz unheilvoll ist. Logische Folgerung: Zur Erreichung des "Heilsziels" (im Buddhismus das Nirvana) muß die Existenz überwunden, muß das Karussell der Wiedergeburten verlassen werden. Hierzu weist der Buddha den Weg.

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Quelle:
Der Mittlere Weg - majjhima-patipada
45. Jahrgang, Januar - April 2013/2556, Nr. 1, Seite 18-19
Herausgeber: Buddhistischer Bund Hannover e.V.
Drostestr. 8, 30161 Hannover,
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veröffentlicht im Schattenblick zum 22. Januar 2013