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AFRIKA/021: Wo steht die afrikanische Theologie heute? (Herder Korrespondenz)


Herder Korrespondenz - Monatshefte für Gesellschaft und Religion 5/2007

Wenn schwarze Priester sich melden
Wo steht die afrikanische Theologie heute?

Von Marco Moerschbacher


Ein vor fünfzig Jahren erschienenes Buch schwarzer Seminaristen und Ordensleute gilt als so etwas wie die Geburtsurkunde afrikanischer Theologie. In Abidjan (Elfenbeinküste) zog jetzt ein Symposium 50 Jahre nach der Veröffentlichung von "Des prêtres noirs s'interrogent" Bilanz und zeigte Perspektiven für zukünftige theologische Forschung in Afrika.


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Im Jahr 1956 erscheint in Paris im Verlag "Présence africaine" ein Buch mit dem Titel "Des prêtres noirs s'interrogent" (deutsch: Schwarze Priester melden sich, Frankfurt 1960), das von sich reden macht. Schwarze Seminaristen und angehende Ordenspriester, die sich größtenteils zu Studienzwecken in Rom und Paris aufhalten, sagen zum ersten Mal offen, was sie vom europäischen Kolonialismus und dem europäischen Umgang mit Afrikanern und ihrer Kultur halten. Dieses vor gut 50 Jahren erschienene Werk gilt als Geburtsstunde der afrikanischen Theologie, einer Theologie, für die sich afrikanische Kultur und Christsein nicht ausschließen, in der vielmehr das eine zum Ausdruck des anderen wird.


Die Pioniere afrikanischer Theologie spielen immer noch eine zentrale Rolle

Dass dabei auch das Christsein durch das Afrikanische bereichert wird, steht 1956 noch nicht auf der Tagesordnung. Vielmehr geht es um die Frage: Ist Jesus Christus der Befreier auch der Schwarzen? Starre Vorurteile in der westlichen Welt über die Minderwertigkeit der afrikanischen Kultur und damit der afrikanischen Menschen versperren den Autoren jener fünfziger Jahre, die stellvertretend für einen ganzen Kontinent schreiben, die Möglichkeit, auf afrikanische Weise und als Afrikaner Christen und Priester in der katholischen Kirche zu sein.

50 Jahre später haben die drei frankophonen theologischen Fakultäten in Afrika, die an den katholischen Universitäten in Kinshasa, Abidjan und Yaoundé angesiedelt sind, zu einem Symposium über ein halbes Jahrhundert afrikanische Theologie eingeladen. So reisten im Februar dieses Jahres mehr als 45 Gäste aus den verschiedensten Ländern Afrikas, aber auch Vertreter aus Europa, Indien und den USA, nach Abidjan, um eine Bilanz der afrikanischen Theologie heute zu ziehen und Perspektiven für zukünftige theologische Forschungen in Afrika aufzuzeigen.

Mit François Kabasele, Bénézet Bujo, Fabien Eboussi Boulaga, Eugène Uzukwu, Ngindu Mushete, Anselm Sanon und Tharcisse Tshibangu begegnete die Gründergeneration der afrikanischen Theologie jener jüngeren Generation von Theologinnen und Theologen, die heute an den afrikanischen Hochschulen lehren und forschen. Dabei wurde deutlich, dass die "Ahnen" der afrikanischen Theologie, von denen viele - und das gibt zu denken - in der "afrikanischen Diaspora" in Europa oder Nordamerika tätig sind, nach wie vor eine große Rolle spielen. Dank ihrer Pionierarbeit ist in den verschiedenen theologischen Diszplinen von der Exegese bis zur Moraltheologie die Aufmerksamkeit und Sensibilität für die afrikanischen Kulturen und Traditionen gewachsen. Es zeigt sich aber auch, dass die heutige Situationen der globalisierten Welt die afrikanische Theologie vor neue, spezifische Herausforderungen stellt. Wie kann im Jahr 2007 eine Botschaft der Hoffnung für den marginalisierten Kontinent Afrika lauten?

Eine jahrhundertelange Geschichte von Unterdrückung, Sklavenhandel, Kolonialismus und Neokolonialismus, die afrikanische Kultur und afrikanisches Menschsein herabgewürdigt und gegenüber der westlichen Welt als hoffnungslos minderwertig bestimmt hat, stellte die Afrikanerinnen und Afrikaner vor das Problem der Behauptung ihrer eigenen kulturellen Identität, welches zum Beispiel von der Négritude-Bewegung aufgegriffen wurde. Diese grundlegende afrikanische Identitätsproblematik, die Engelbert Mveng als "anthropologische Armut" auf den Punkt gebracht hat, ist latent immer noch vorhanden.

Eine reine kulturelle Selbstbehauptung reicht aber heute angesichts korrupter Politikereliten, internationaler Wirtschaftskriminalität und der verheerenden Folgen der Pandemie HIV/ AIDS in Afrika nicht mehr aus. Der heutigen Generation von Theologinnen und Theologen geht es um eine neue kulturelle Identität, in der sich Tradition und Moderne sinnvoll ergänzen und mit der Afrika seinen genuinen Beitrag im interkulturellen Dialog zu leisten vermag.


Befreiung und Inkulturation hängen zusammen

Das Verhältnis zwischen Befreiung und Inkulturation, das die afrikanische Theologie bis in die achtziger Jahre bestimmt hat, darf mittlerweile als geklärt gelten: Beide hängen eng zusammen, das eine ist ohne das andere nicht möglich. Für diese Erkenntnis stehen Autoren der Gründergeneration wie Jean-Marc Ela und John Mary Waliggo. Aber das Verhältnis von Tradition und Moderne bezeichnet ein bleibend spannungsgeladenes Gestaltungsfeld - gerade angesichts der sich durch Urbanisierung und weitere Verarmung rapide wandelnden Lebensverhältnisse in fast allen afrikanischen Ländern. Eine kritische Lektüre sowohl der afrikanischen traditionellen Kulturen als auch der globalisierenden Moderne steht an, und muss sich - angesichts der Gefahr der Verherrlichung auf der einen und der Verteufelung auf der anderen Seite - die Frage stellen, mit welchen Mitteln und mit welcher Methode sie vorgehen soll.

In der biblischen Theologie ist man von der kolonialistischen Epoche (1930 bis 1960) über die kontextuelle Phase (1960 bis in die achtziger Jahre) zu einer "populären" Bibellektüre gekommen, die mit einer Rekonstruktionshermeneutik die Leserinnen und Leser aus dem Volk in den Blick nimmt. Entsprechend hat sich das Hauptaugenmerk von den Texten des Exodus und der Befreiung auf nachexilische Schriften wie Esra und Nehemia verschoben. Ausbeutung und sexuelle Gewalt gegen Frauen und Kinder, die durch die HIV/AIDS-Pandemie noch verschärft werden, haben die Gender-Problematik zu einem zentralen Thema der Bibellektüre in Afrika gemacht. Damit stehen heute verstärkt jene patriarchalischen Ideologien, die auch den biblischen Texten selbst zugrunde liegen, auf dem Prüfstand der afrikanischen biblischen Theologie.

Ähnliche Entwicklungen sind in anderen theologischen Disziplinen zu beobachten, etwa in der Ethik, die von der Leugnung afrikanischer kultureller Werte über eine Phase der Adaptation inzwischen zu einem engagierten Dialog mit traditionellen afrikanischen Kulturen und Religionen gefunden hat. Vom Grundwert des Lebens her geht es dabei um eine kritische Lektüre sowohl der modernen Globalisierung als auch der für missbräuchliche Verwendung anfälligen afrikanischen Tradition; Stichworte sind hier absolutistisches Politikverständnis, Tribalismus, Perpetuierung patriarchaler Machtstrukturen. Die christliche afrikanische Ethik betont gegenüber den in Afrika vielfach gegenwärtigen Kräften des Todes die Kraft des Lebens und das Ziel eines Lebens in Fülle.

Besonders positiv fiel in Abidjan der Beitrag von vier Ordensschwestern aus Benin, Burundi, Kongo und Senegal und einer (protestantischen) Pastorin aus Südafrika auf, die in der theologischen Ausbildung tätig sind. Sie konfrontierten die afrikanische Kirche, die sich in der afrikanischen Theologie widerspiegelt, mit ihrem eigenen Anspruch, Zeugnis für die befreiende Botschaft Jesu Christi abzulegen und die afrikanische Gesellschaft evangelisieren zu wollen. Afrikanische Kirche - wie musst du werden, um eine glaubwürdige Botschaft zu verkünden, fragte Anne-Béatrice Fayé (Senegal). In dieser Perspektive geht es bei Fragen des Lebensstils, des Umgangs mit der Macht oder der Beteiligung von Frauen an Entscheidungsprozessen nicht um organisatorische Lösungen, sondern um die spirituelle Substanz und Zukunft der Kirche in Afrika.


Die Suche nach einer authentischen Spiritualität

Die Suche nach einer authentischen Spiritualität in den verschiedenen Krisen und tragischen Situationen, die den afrikanischen Kontinent bestimmen, spielte in der Debatte immer wieder eine zentrale Rolle. Afrikanische Theologinnen und Theologen, die zugleich als Seelsorgerinnen und Seelsorger tätig sind und immer in einem größeren Solidaritätszusammenhang der afrikanischen Familie, der kleinen christlichen Gemeinschaft oder der Ordensgemeinschaft stehen, sind täglich mit großer Not, auch und gerade mit spiritueller Not konfrontiert. Die ungelösten Fragen der Lebensorientierung sind es auch, die dazu führen, dass immer mehr Sekten entstehen und die neuen religiösen Bewegungen und die so genannten afrikanischen unabhängigen Kirchen so zahlreich und unüberschaubar werden. Eine Unterscheidung der Geister wird immer dringlicher und immer schwieriger.

Hier steht die afrikanische Theologie vor einer großen inneren Herausforderung. Gelingt es, den Fliehkräften einer sich radikal wandelnden und von krassen Ungerechtigkeiten gezeichneten Gesellschaft entgegenzuwirken und eine den und die Einzelnen ernst nehmende Pastoral und Beziehungskultur zu entwickeln?

Auf der anderen Seite steht eine nicht minder große äußere Herausforderung, nämlich die der Relevanz der Kirche in der Gesellschaft. Gerade angesichts korrupter Politikereliten und amerikanischer oder chinesischer geostrategischer Interessen muss die Kirche, zumal die katholische mit ihrer straffen internationalen Organisationsstruktur, eine Antwort auf die Frage finden, wie sie die politische Kultur in den afrikanischen Ländern positiv und selbstlos beeinflussen kann.

Ein herausragendes Beispiel in einer tragischen Situation ist hier die katholische Kirche in Simbabwe, die sich im Interesse des Volkes auf das politische Minenfeld gewagt hat und jüngst Unterstützung seitens der Vereinigung der Bischofskonferenzen von Afrika und Madagaskar (SECAM) erfahren hat. Auch die Kirchen in Sambia und im Kongo-Kinshasa haben außerordentliche Schritte im Sinne demokratischer Bewusstseinsbildung und gerechter Gesellschaftsgestaltung unternommen. Der Weg aber ist noch weit, so die einhellige Meinung der in Abidjan versammelten Theologinnen und Theologen.

Auf diesem Weg gilt es, Brücken zu bauen: zwischen dem frankophonen und dem anglophonen Afrika, das beispielsweise in der Frage der Kleinen Christlichen Gemeinschaften, der Dienstämter und der Beteiligung von Frauen weiterführende Erfahrungen und Überlegungen aufzuweisen hat, aber in Abidjan nicht ausreichend vertreten war.

Angesichts der häufigen Instrumentalisierung von Religion zu politischen und wirtschaftlichen Zwecken sind Brücken dringend nötig zwischen den verschiedenen Konfessionen und - besonders in Ländern wie Nigeria oder den Sahelstaaten - zwischen dem Christentum und dem Islam in seiner genuin westafrikanischen Ausprägung. Gerade in Situationen von Krieg und Konflikt müssen die zum Dialog bereiten Kräfte zusammengeführt und gestärkt werden. Auch hier zeigt sich, dass die Politik heute der Ort ist, an dem die Kirche in Afrika ihre Dienste anbieten kann und muss.

Besonders betont wurde in Abidjan die Notwendigkeit einer verstärkten Zusammenarbeit zwischen Bischöfen und Theologen beziehungsweise Theologinnen. Nach Barthélemy Adoukonou (Côte d'Ivoire) befindet sich die afrikanische Kirche, gegründet vor wenig mehr als einem Jahrhundert, im "patristischen" Zeitalter, das sich durch die Nähe von theologischer Begriffsfindung und konkreter pastoraler Erfahrung auszeichnet.

"Versöhnung, Gerechtigkeit und Frieden" lautet das Thema der für das Jahr 2009 angekündigten zweiten Sonderversammlung der Römischen Bischofssynode für Afrika. Die Brisanz dieses Themas, bei dem es um den Aufbau gerechterer Gesellschaften im Afrika der Zukunft geht, müsste diesen Brückenschlag zwischen Bischöfen und Theologen erleichtern. Vor dem Hintergrund der Spannungen, die es im Vorfeld der ersten Afrikasynode gerade auch zwischen Bischöfen und Theologen gegeben hat, steht die afrikanische Theologie nun vor der Aufgabe, ihre Kompetenz strukturiert in den Vorbereitungsprozess der Synode einfließen zu lassen.


Die ganzheitlich rettende und heilende Dimension des Christentums

In Abijdan konnten sich die Anwesenden nicht auf eine Wiederbelebung der 1977 gegründeten "Ökumenischen Vereinigung afrikanischer Theolog/inn/en" (Association Oecuménique des Théologiens Africains) verständigen, die bis 1989 bestand und mehrere internationale Symposien und Vollversammlungen abgehalten hat. Bei der Diskussion um die Wiederaufnahme des wissenschaftlichen Organs dieser Vereinigung, des Bulletin de Théologie Africaine, zeigten sich die unterschiedlichen Auffassungen der vertretenen Generationen. Die jüngere Generation war eher für eine andere, neu zu konzipierende Publikation.

Afrikanischer Weisheit folgend setzte sich aber nicht die eine Position auf Kosten der anderen durch. Vielmehr wurde das Interesse an einer Vereinigung von Theologinnen und Theologen Afrikas abgefragt, ein provisorisches Komitee benannt, dass das weitere Vorgehen erörtern und eine Gründungsversammlung zu einem späteren Zeitpunkt vorbereiten soll. Die Frage nach einer entsprechenden wissenschaftlichen Publikation schließlich wurde offen gelassen.

Der Schlussbericht des Symposiums sieht die afrikanische Theologie in der Perspektive einer Spiritualität und Ethik des Zeugnis-Ablegens. Für die konkreten, heute in Afrika lebenden und leidenden Menschen gelte es, die ganzheitlich rettende, heilende Dimension des Christentums in theologischer Interdisziplinarität herauszuarbeiten.

Diese theologische Interdisziplinarität erfordert auch einen verstärkten Austausch zwischen den sechs theologischen Universitäten beziehungsweise Instituten, die im katholischen Bereich in Afrika Aufbaustudiengänge in Theologie anbieten: die katholische Universität Westafrikas (UCAO/UUA) in Abidjan, die Facultés Catholiques de Kinshasa (DR Kongo), deren theologische Fakultät in diesem Jahr ihr 50-jähriges Bestehen feiert, die Katholische Universität Zentralafrikas (UCAC) in Yaoundé (Kamerun), das anglophone Katholische Institut Westafrikas (CIWA) in Fort Harcourt (Nigeria), die Katholische Universität des Östlichen Afrika (CUEA) in Nairobi (Kenia) und schließlich das Katholische Institut von Madagaskar in Antananarivo.

Die veranstaltende theologische Fakultät der UCAO/UUA hat die Gründung eines "Forschungszentrums für afrikanische Theologie" beschlossen, auf dessen weitere Entwicklung man gespannt sein darf Dringend empfiehlt sich hier eine Zusammenarbeit mit dem renommierten 'Centre des Études des Religions Africaines' der Katholischen Fakultäten von Kinshasa, aber auch mit jüngeren afrikanischen Forschungseinrichtungen wie etwa dem 'African Research and Documentation Centre' an der Uganda Martyrs University in Nkozi (Uganda).

In seiner Schlussrede hat Bischof Anselm Titianma Sanon von Bobo-Dioulasso (Burkina Faso) auf die Notwendigkeit der Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils in den afrikanischen Ortskirchen hingewiesen und drei Desiderate hervorgehoben: die Ausbildung von Strukturen der Kollegialität, eine Vertiefung afrikanischer Anthropologie im Sinne einer Christologie "von unten" sowie die Entwicklung einer Hermeneutik, die die Bibel als in den afrikanischen christlichen Gemeinschaften lebendiges Wort begreift. Zusammenfassend bezeichnen diese drei Punkte für die afrikanische Theologie ein Programm der Zukunft.

Wer wird uns den Stein vom Grab wälzen? Afrikanische Theologinnen und Theologen müssen wie die Frauen am Ostermorgen den Dienst leisten wollen, den bekannten Raum afrikanischer Theologie von 50 Jahren durchqueren, dann aber das Wagnis des Weitergehens auf sich nehmen. Es gilt, so die Herausforderung heute, in einer genuin afrikanischen Konzeptualisierung zur Botschaft der Auferstehung, der Befreiung von allen Mächten des Todes vorzudringen und diese Botschaft weiterzusagen in einer neuen, afrikanischen Sprache, die Spiritualität und Politik vereinigt.


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Marco Moerschbacher (geb. 1964) promovierte in Pastoraltheologie in Frankfurt mit einer Arbeit über die Rezeption des Zweiten Vatikanums in der Ortskirche von Kinshasa, Kongo. Er ist Afrikareferent am Missionswissenschaftlichen Institut Missio e.V., Aachen.


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Quelle:
Herder Korrespondenz - Monatshefte für Gesellschaft und Religion,
61. Jahrgang, Heft 5, Mai 2007, S. 261-264
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veröffentlicht im Schattenblick zum 14. Juli 2007