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AFRIKA/026: Sudan - Gebrauchtwagenhandel auf christlichem Friedhof (ÖRK)


Ökumenischer Rat der Kirchen - Feature vom 3. April 2008

Gebrauchtwagenhandel auf christlichem Friedhof ist Beispiel für Schwierigkeiten der sudanesischen Christen

Von Juan Michel


In Khartum, der Hauptstadt des Sudan, ist es schwierig für Christen, ihren Platz zu finden - selbst nach dem Tod. Der christliche Friedhof der Stadt, der in einen Markt für Gebrauchtwagen umgewandelt wurde, ist ein gutes Beispiel dafür, mit welchen Herausforderungen die christliche Minderheit im vorwiegend muslimischen Norden des Landes konfrontiert ist.

Der größte - und der einzige "offizielle" - christliche Friedhof dieser 8-Millionen-Stadt umfasst 1,6 Hektar, die der frühere Vizepräsident Abel Alier den Kirchen von Khartum 1975 zu diesem Zweck zur Verfügung gestellt hat. Der Sudanesische Kirchenrat (SCC) ist stellvertretend für seine Mitgliedskirchen Eigentümer des Geländes.

Um das Grundstück effizient zu nutzen, durften Gräber zunächst nur in einer Hälfte des Geländes ausgehoben werden. Es war geplant, die zweite Hälfte erst zu nutzen, wenn die Aufnahmekapazität des ersten Teils erschöpft ist - was bald der Fall sein wird.

Im November 2007 wurde der ungenutzte Teil des Friedhofs jedoch von Eindringlingen besetzt, die dort einen Viehmarkt eröffneten. "Stellen Sie sich vor", sagt Pfarrer Peter Tibi, Generalsekretär des SCC, "man verkaufte Tiere an einem Ort, der von Natur aus heilig ist".

Nach einem ersten heftigen Protest der Kirchenverantwortlichen wurde der Viehmarkt um ein paar Häuserblöcke weiter verlegt. Bald jedoch trat eine andere Ware an die Stelle der Ziegen und Schafe - Gebrauchtwagen. Das weitflächige, ebene Gelände schien den Händlern hervorragend geeignet, um Autos auszustellen und Testfahrten durchzuführen.

Die rechtswidrige Besetzung des christlichen Friedhofs war eines der Themen, die bei einem Treffen von Hassan El Tighani, dem Minister für religiöse Angelegenheiten, und einem internationalen ökumenischen Team von Kirchenvertretern und -vertreterinnen unter der Leitung des Generalsekretärs des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), Pfarrer Dr. Samuel Kobia am 27. März besprochen wurden. Das Team wurde von leitenden Verantwortlichen des SCC, der den Besuch koordinierte, begleitet.

"Ich war schockiert, als ich erfuhr, dass ein Viehmarkt einen Ort entweihte, der als heilig gelten sollte", sagte Kobia dem Minister und drängte auf eine baldige Lösung des Problems. Tighani antwortete, dass er die Bedenken teile, und versicherte der Delegation, er wolle sich im nationalen Ministerrat für die Behandlung der Frage einsetzen.

Das ökumenische Team, das die Hauptstadt besuchte, war eine von vier Gruppen, die unterschiedliche Regionen, darunter auch Darfur, Rumbek und Yambio, bereisten. Der achttägige Solidaritätsbesuch vom 26. März bis 2. April bei Kirchen und ökumenischen Organisationen im Sudan umfasste außerdem eine dreitägige Konferenz mit Kirchenverantwortlichen, Frauen und Jugendlichen in Juba, der Hauptstadt des Südsudans.

Da die Übergangsphase, die der Umfassende Friedensvertrag von 2005 vorsieht, gerade die zweite Halbzeit erreicht, begrüßte der SCC den ökumenischen Besuch - er komme "zum richtigen Zeitpunkt in der Geschichte des Sudans". Der Friedensvertrag beendete einen verheerenden, 21 Jahre dauernden Bürgerkrieg zwischen dem Norden und dem Süden des Landes, bei dem 2 Millionen Menschen getötet und 4 Millionen innerhalb des Landes vertrieben wurden.

Die Vertreter und Vertreterinnen der weltweiten ökumenischen Familie erfuhren von den Hoffnungen, Freuden und Leiden der sudanesischen Kirchen, die, um ihre eigenen Worte zu benutzen, vor "gewaltigen Aufgaben und Herausforderungen" stehen. Einige davon ergeben sich aus der Nachkriegssituation und aus dem andauernden bewaffneten Konflikt in West-Darfur. Andere haben ihre Wurzeln in den Lebensbedingungen der Kirchen als religiöse Minderheit im vorherrschend muslimischen Norden des Landes.

Ungefähr 17 Prozent der schätzungsweise 39 Millionen Sudanesen sind Christen. Sie sind jedoch nicht in allen Regionen gleich stark vertreten. Die meisten, wohl an die 90 Prozent, leben im Süden des Landes; nur sehr wenige sind im Norden ansässig. Der SCC hat 14 Mitgliedskirchen, darunter römisch-katholische und bischöfliche Kirchen sowie orthodoxe, protestantische, unabhängige afrikanische und Pfingstkirchen. Das evangelikale Gremium ist die Sudanesische Vereinigung evangelikaler Christen, die der Weltweiten Evangelischen Allianz angegliedert ist. Neben Muslimen und Christen sind rund 10 Prozent der Bevölkerung Anhänger traditioneller afrikanischer Religionen.

Da die sudanesischen Kirchen eine religiöse Minderheit sind, stellt sie der Erwerb eines Grundstücks, auf dem sie Einrichtungen bauen können, manchmal vor unüberwindbare Hindernisse. Einige haben erlebt, dass die nationale Regierung oder die des Bundesstaates Khartum Kirchengebäude konfisziert hat.

"Es hat ungefähr 10 Jahre gedauert, bis ich mein eigenes Stück Land erwerben konnte; das ist bei Grundeigentum im Sudan durchaus normal", sagte Tighani der ökumenischen Delegation. Er bekräftigte jedoch, dass seine Amtsstelle sich in gewissen Fällen einschalte, um die schwerfälligen Verfahren schneller voranzutreiben. Er betonte zudem, dass auch einige Moscheen vom städtischen Entwicklungsamt enteignet worden seien.

Das Problem des Gebrauchtwagenhandels auf dem christlichen Friedhof von Khartum war auch ein Hauptthema der Gespräche zwischen der ökumenischen Delegation und der Sonderkommission für die Rechte von Nicht-Muslimen in der Hauptstadt des Landes.

Die durch die Übergangsverfassung geschaffene Kommission - in deren Titel mit "Nicht-Muslimen" schlicht Christen gemeint sind - soll Präsident Omar El Bashir beratend zur Seite stehen. Sie setzt sich je zur Hälfte aus Christen und Muslimen zusammen und beschäftigt sich hauptsächlich mit Fragen, die sich aus der Umsetzung der Scharia, dem islamischen Recht, für Christen ergeben.

"Der Viehmarkt auf dem Gelände war eine grobe Beleidigung", gab der Generalsekretär der Kommission, Abdul-Majeed Khojali, ein Muslim, zu. Der christliche Präsident der Kommission, Joshua Dau Diu, versicherte den ökumenischen Besuchern und Besucherinnen, das Thema sei "nicht nur für Christen ein Anliegen, da auch die muslimischen Mitglieder des Gremiums heftig gegen die Situation protestiert" hätten. Aber weshalb das Problem noch nicht gelöst sei, bleibe "ein Rätsel", meinte Dau.

Rätsel oder nicht, das Problem stellt eine Zerreißprobe für die Reichweite und Stabilität der "Koexistenz" von Muslimen und Christen dar, für die sich der Sudanesische Interreligiöse Rat seit 2002 einsetzt. Diese Regierungsunabhängige Organisation befasst sich unter anderem mit dem Problem des christlichen Friedhofs. "Wir nehmen unsere Rolle eher unauffällig war, aber es ist uns gelungen, in einigen Fällen sehr effiziente Arbeit zu leisten", sagte Dr. Faruk Bushra, der Generalsekretär des Rates.

"Das Thema wird von den Behörden jedoch auf die leichte Schulter genommen", meinte Tibi. Er befürchtet, dass die Menschen in den Kirchen in Betracht ziehen könnten, auf eigene Faust etwas zu unternehmen. "Gott verhindert nicht, dass Menschen sterben und beerdigt werden müssen. Allmählich fehlt es an Zeit und Geduld."


Juan Michel, ÖRK-Medienbeauftragter, ist Mitglied der Evangelischen Kirche am La Plata in Buenos Aires, Argentinien.

Die Meinungen, die in ÖRK-Features zum Ausdruck kommen, spiegeln nicht notwendigerweise die Position des ÖRK wider.

Weitere Informationen über den Besuch:
http://gewaltueberwinden.org/index.php?id=5734&L=2

ÖRK-Mitgliedskirchen im Sudan (auf Englisch):
http://www.oikoumene.org/?id=4648&L=2

Der Ökumenische Rat der Kirchen fördert die Einheit der Christen im Glauben, Zeugnis und Dienst für eine gerechte und friedliche Welt. 1948 als ökumenische Gemeinschaft von Kirchen gegründet, gehören dem ÖRK heute mehr als 347 protestantische, orthodoxe, anglikanische und andere Kirchen an, die zusammen über 560 Millionen Christen in mehr als 110 Ländern repräsentieren. Es gibt eine enge Zusammenarbeit mit der römisch-katholischen Kirche. Der Generalsekretär des ÖRK ist Pfr. Dr. Samuel Kobia, von der Methodistischen Kirche in Kenia. Hauptsitz: Genf, Schweiz.


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Quelle:
Pressemitteilung vom 3. April 2008
Herausgeber: Ökumenischer Rat der Kirchen (ÖRK)
150 rte de Ferney, Postfach 2100, 1211 Genf 2, Schweiz
E-Mail: ka@wcc-coe.org
Internet: www.wcc-coe.org


veröffentlicht im Schattenblick zum 5. April 2008