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AFRIKA/049: AIDS - "Haben wir den Mut, die Führung zu übernehmen?" (ÖRK)


Ökumenischer Rat der Kirchen - Feature vom 28. Juli 2010

AIDS: "Haben wir den Mut, die Führung zu übernehmen?"

Von Stephen Brown


Die Erfahrung afrikanischer Theologinnen hat wesentlich zur Befähigung von Glaubensgemeinschaften beigetragen, mit der HIV/AIDS-Problematik in Afrika umzugehen, erklärt die Koordinatorin eines ökumenischen Netzwerks zur Bekämpfung der Pandemie auf dem Kontinent.

"Viele der Fragen, die hier auf unserer Tagesordnung stehen - die Hauptfaktoren für die Ausbreitung von HIV wie z.B. Gewalt, die kulturellen Aspekte, die Fehlinterpretation der Bibel - sind auch von den afrikanischen Theologinnen diskutiert worden", sagte Pastorin Dr. Nyambura Njoroge, Koordinatorin der Ökumenischen HIV- und AIDS-Initiative in Afrika (EHAIA).

Njoroge wurde in Wien interviewt, wo sie an der 18. Internationalen AIDS-Konferenz teilnahm. Sie ist seit 2007 EHAIA-Koordinatorin des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK).

EHAIA hat auch fünf regionale Koordinatoren/innen sowie zwei theologische Berater. Die Initiative wurde 2002 ins Leben Ziel gerufen, um den Kirchen in Afrika für die AIDS-Arbeit in ihren Gemeinschaften Zugang zu Informationen, Weiterbildung und Mitteln zu verschaffen. Sie erreichte in den ersten vier Jahren ihres Bestehens 9000 Teilnehmende.

"Unser Ziel sind HIV-kompetente Kirchen und theologische Einrichtungen", sagte die 53-jährige Njoroge, die aus Kenia stammt und ordinierte Pfarrerin der Presbyterianischen Kirche von Ostafrika ist.

Njoroge arbeitet seit 1999 im ÖRK, wo sie zunächst das Programm für theologische Ausbildung koordinierte. Im Rahmen dieser Arbeit erkannte sie sehr bald, welche Rolle die theologische Ausbildung beim Aufbau der HIV-Kompetenz von Theologen und Pastoren spielt.

Diese Erkenntnis führte zu einer Reihe von Konsultationen und schließlich zur Gründung von EHAIA.

"Im Rückblick sehe ich, dass meine Arbeit von der HIV-Dynamik, speziell im afrikanischen Kontext, geprägt worden ist," stellte Njoroge fest. "Als Afrikanerin bin ich auch persönlich betroffen. Ich habe aufgehört zu zählen, wie viele Angehörige wir in unserer Großfamilie schon verloren haben."

Njoroge hat am Princeton Theological Seminary über "Afrikanische Theologie und christliche Sozialethik" promoviert und in EHAIA auch die Erfahrungen und Erkenntnisse eingebracht, die sie im Gesprächskreis engagierter afrikanischer Theologinnen gesammelt hat, einem 1989 in Accra, Ghana, gegründeten Kontaktnetz.

"Es war völlig klar, dass die Hauptbetroffenen auf dem Kontinent Frauen sind, weil sie die Kranken pflegen, und weil sie als Frauen den Kürzeren ziehen", sagte Njoroge. "Die Mehrzahl der HIV-Positiven sind Frauen. Wir mussten also die Frage stellen, warum da ein Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern besteht."

Als afrikanische Theologinnen "haben wir uns eingehend mit diesen Fragen auseinandergesetzt", sagte Njoroge, "und heute haben wir die Aufgabe, sie in Arbeitsseminaren mit Pastoren anzusprechen, deren Sozialisation solche Fragen ausgeklammert hat."

Sie wies darauf hin, dass es für kirchliche Verantwortliche jedoch nicht immer leicht sei, die HIV-Problematik anzusprechen, aufgrund der Dynamik und Komplexität der Pandemie sowie der Notwendigkeit, "über Sexualität in ihrer ganzen Vielfalt zu sprechen".

Das ist einer der Gründe, warum theologische Ausbildung so wichtig ist, "damit man nicht in eine Gemeinde kommt und Angst vor den Problemen dort hat".


HIV, Geschlechterfrage und Homosexualität

Njoroge war als Rednerin zu einer interreligiösen Vorkonferenz im Vorfeld der AIDS-Konferenz nach Wien eingeladen worden. Sie sprach auch in einem Workshop der Hauptkonferenz zum Thema "Männer, die Sex mit Männern haben, und ihre Bedürfnisse in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen".

"Wir haben mehrere Phasen durchlaufen. Als wir anfingen, ging es um die Geschlechterfrage", sagte sie. "Seither haben wir große Fortschritte gemacht. Ich denke, inzwischen ist akzeptiert, dass wir uns mit dieser Frage beschäftigen müssenà Heute ist aber auch die Homosexualität ein Teil der Problematik, und wir dürfen diesen Aspekt nicht ausklammern."

In jüngerer Zeit haben allerdings einige kirchliche Verantwortliche in Ländern wie Uganda und Malawi befürwortet, dass Homosexuelle strafrechtlich verfolgt werden. HIV-Aktivisten warnen davor, dass dadurch Risikogruppen in den Untergrund getrieben werden könnten.

Njoroge bestätigte, dass hier ein "Widerspruch" zu der Tatsache bestehe, dass es in vielen Teilen Afrikas gerade die Kirchen sind, die die meisten Gesundheitsdienste anbieten und sich um HIV-Infizierte kümmern.

"Hier werden wir wohl nie einer Meinung sein und eine gemeinsame Sicht entwickelt", meinte sie. "Aber wie sollen AIDS-Tests durchgeführt werden, wenn diese Menschen untertauchen, weil andere sie stigmatisieren?"

Wir brauchen "geschützte Räume", sagt Njoroge, damit religiöse Verantwortungsträger über solche Themen mit denen sprechen können, die unmittelbar betroffen sind. "Was wir gelernt haben, ist, dass wir unter uns Menschen brauchen, die HIV-positiv sind, und Menschen, die Männer sind, welche Sex mit Männern haben".

Gleichzeitig regte sie zu mehr Forschung darüber an, wie traditionelle afrikanische Gemeinschaften mit diesen Fragen umgehen. "Können wir vielleicht von ihnen lernen?"

Njoroge sagte, es hätte sie beeindruckt und in ihrer Arbeit inspiriert, wie der ÖRK in den 1980-er Jahren als eine der ersten Organisationen auf die Ausbreitung des HI-Virus reagiert habe.

Unter der Leitung des damaligen Generalsekretärs Emilio Castro arbeitete der Rat Leitlinien für den Umgang mit AIDS aus und bestätigte "das Recht auf medizinische Versorgung und seelsorgliche Begleitung, unabhängig von sozio-ökonomischem Status, Rasse, Geschlecht, sexueller Orientierung oder sexuellen Beziehungen".

Castro "wusste, dass der Weg nicht leicht sein würde, aber er schreckte nicht davor zurück", berichtete Njoroge. Eine Haltung, die auch heute noch gefragt ist: "Haben wir den Mut, die Führung zu übernehmen?"


Dr. Stephen Brown, geschäftsführender Redakteur des Ökumenischen Nachrichtendienstes ENI
(http://www.oikoumene.org/index.php?RDCT=35ee4e72f509c0711a72),
gehörte zum ökumenischen Medienteam auf der Internationalen AIDS-Konferenz.

Ökumenische HIV- und AIDS-Initiative in Afrika
http://www.oikoumene.org/index.php?RDCT=bf2d744aa2be9840c904

Mehr Informationen zur Fürsprachearbeit von Glaubensgemeinschaften auf der Internationalen AIDS-Konferenz:
http://www.oikoumene.org/index.php?RDCT=04972d6424af2571d42e (auf Englisch)

Ton- und Videodokumentation des Workshops auf der AIDS-Konferenz:
http://www.oikoumene.org/index.php?RDCT=e9737586a9f6c0c7f5ea (auf Englisch)

Die Meinungen, die in ÖRK-Features zum Ausdruck kommen, spiegeln nicht notwendigerweise die Position des ÖRK wider.

Der Ökumenische Rat der Kirchen fördert die Einheit der Christen im Glauben, Zeugnis und Dienst für eine gerechte und friedliche Welt. 1948 als ökumenische Gemeinschaft von Kirchen gegründet, gehören dem ÖRK heute mehr als 349 protestantische, orthodoxe, anglikanische und andere Kirchen an, die zusammen über 560 Millionen Christen in mehr als 110 Ländern repräsentieren. Es gibt eine enge Zusammenarbeit mit der römisch-katholischen Kirche. Der Generalsekretär des ÖRK ist Pfarrer Dr. Olav Fykse Tveit, von der (lutherischen) Kirche von Norwegen. Hauptsitz: Genf, Schweiz.


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Quelle:
Feature vom 28. Juli 2010
Herausgeber: Ökumenischer Rat der Kirchen (ÖRK)
150 rte de Ferney, Postfach 2100, 1211 Genf 2, Schweiz
E-Mail: ka@wcc-coe.org
Internet: www.wcc-coe.org


veröffentlicht im Schattenblick zum 30. Juli 2010