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ASIEN/026: Indien - "Das Christentum ist Teil unseres nationalen Erbes" (ÖRK)


Ökumenischer Rat der Kirchen - Feature vom 22. Oktober 2008

"Das Christentum ist Teil unseres nationalen Erbes", erklärt der indische Premierminister im Gespräch mit Kobia

Von Anto Akkara


Der indische Premierminister Dr. Manmohan Singh erklärte, "das Christentum ist Teil unseres nationalen Erbes", als Pfarrer Dr. Samuel Kobia, Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), ihm am 18. Oktober einen Besuch an seinem Amtssitz in Neu-Delhi abstattete.

"Diese Beteuerung des indischen Premierministers hat uns sehr gefreut", sagte Kobia später auf einer Pressekonferenz nach seinem Zusammentreffen mit dem Premierminister.

Premierminister Singh wendet sich mit seiner Stellungnahme gegen hinduistische nationalistische Gruppen, die das Christentum als eine "fremde Religion" bezeichnen, um ihre Kampagne gegen die christliche Gemeinschaft in Indien zu rechtfertigen. Christen machen 2,32 Prozent der indischen Gesamtbevölkerung aus, die über eine Million beträgt.

Tatsächlich ist das Christentum in Indien älter als in den christlichen Hochburgen Europas und anderer westlicher Länder.

Nach der Überlieferung kam der Apostel Thomas im Jahre 52 mit Gewürzhändlern aus dem Mittleren Osten nach Kerala an der indischen Südwestküste, wo er den Boden für die dynamische christliche Gemeinschaft "im Land der Kokosnüsse" bereitete.

In Verlauf der 30-minütigen Audienz, die Premierminister Singh dem ÖRK-Generalsekretär gewährte, erklärte er, dass die von ihm geführte Koalitionsregierung (United Progressive Alliance) fest entschlossen sei, "die Normalität wiederherzustellen" und die Angriffe auf Christen im ostindischen Bundesstaat Orissa und in anderen Teilen des Landes einzudämmen.

Angesichts der "tiefen Besorgnis", die Kobia über die Gräueltaten gegen Christen insbesondere in Orissa äußerte, wies Singh darauf hin, dass die indische Verfassung "die Freiheit garantiert, seinen Glauben auszuüben und zu verbreiten". Er versicherte Kobia, seine Regierung werde Maßnahmen ergreifen, um das Vertrauen der christlichen Gemeinschaft wiederherzustellen.

Neben der Zusage, die finanzielle Hilfe der Bundesregierung für den Wiederaufbau zerstörter und beschädigter Kirchen zu erhöhen, erklärte Singh weiter, seine Regierung werde christliche Familien unterstützen, die durch die Gewalttaten Haus und Habe verloren haben.

Gewalt gegen Christen

Die Gewaltaktionen gegen Christen in Orissa begannen nach der Ermordung des Hinduführers Swami Lakshmanananda am 23. August. Obwohl maoistische Rebellen sich zu dem Mord bekannt haben, behaupteten hinduistische Gruppen, es handele sich um eine christliche Verschwörung, weil der in Kandhamal ansässige getötete Anführer heftig gegen Bekehrungen zum Christentum zu Felde gezogen war.

Bei den Gewaltaktionen sind bisher mindest 54 Christen ums Leben gekommen und haben hinduistische Fundamentalisten in Kandhamal, wo Christen über 20 Prozent der 500'000 Einwohner ausmachen, über 5000 christliche Häuser sowie 142 Kirchen und Dutzende von christlichen Einrichtungen geplündert und in Brand gesteckt.

Da die marodierenden Hindu-Gruppen Christen gewaltsam zum Hinduismus bekehren, sind mehr als zwei Drittel der 100'000 in Kandhamal lebenden Christen geflohen: in den Dschungel, in von der Regierung eingerichtete Nothilfelager oder in Städte und städtische Bezirke.

"Ich habe dem Premierminister die Besorgnis der internationalen christlichen Gemeinschaft über die Situation in Orissa und anderen Landesteilen mitgeteilt", berichtete Kobia später gegenüber der Presse.

"Wir wünschen, dass die Regierung für Frieden sorgt, damit die Christen wieder Vertrauen fassen und in ihre Dörfer zurückkehren und ohne Angst dort leben können", fügte er hinzu.

Kobia sagte, Singhs Regierung betrachte es als ihre "Pflicht, religiöse Minderheiten zu schützen", und er habe dankbar zur Kenntnis genommen, dass sie vergangene Woche eine Notstandssitzung des Nationalen Integrationsrates einberufen habe, um über die Situation zu beraten und Druck auf die Regierung in Orissa auszuüben.

Die Bundesregierung habe auf Ersuchen der Regierung in Orissa über 6000 Bundessoldaten in den unruhigen Kandhamal-Distrikt entsandt, fügte er hinzu.

Die Verantwortung der Bundesstaaten

Gemäß dem indischen föderalistischen System ist die Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung Aufgabe der Bundesstaaten. Die Bundesregierung hat jedoch die Macht, eine gewählte bundesstaatliche Regierung zu entlassen, wenn diese bei der Aufrechterhaltung der Rechtsstaatlichkeit versagt hat.

Politologen halten eine derart drastische Maßnahme jedoch für "selbstmörderisch" für die Bundesregierung, da sie den hinduistischen Nationalisten in die Hände spielen und sie in ihrer Theorie von einer christlichen Verschwörung zur Bekehrung Indiens bestärken könnte - schließlich finden in einigen Monaten Parlamentswahlen statt.

Im Bundesstaat Orissa regiert eine Koalition, der die hinduistische nationalistische BJP (Bharatiya Janata Party oder Indische Volkspartei) angehört. Die Regierung von Orissa ist weithin beschuldigt worden, die orchestrierte Gewalt gegen Christen, die auch nach sieben Wochen noch anhält, stillschweigend zu dulden.

Kobia teilte dem indischen Premierminister seine Besorgnis mit, dass Indiens "laizistisches" Image durch die anhaltenden Berichte über Gewalt gegen Christen "getrübt" werden könnte.

Der Premierminister erklärte, die Bundesregierung werde alles tun, um "die Freiheit der Religionsausübung" für Christen im südlichen Bundesstaat Karnataka zu gewährleisten, wo hinduistische Gruppen evangelikale Gemeinden, die keine eigenen Gottesdiensträume haben, daran hindern, ihre Gebete in angemieteten Hallen zu sprechen.

Dialog über Bekehrung

In Beantwortung einer zum Thema der Zwangsbekehrungen erklärte Kobia, "Bekehrung ist eine Sache des Gewissens und des Glaubens".

Der ÖRK, so Kobia, arbeite mit christlichen Partnern an der Formulierung eines "Verhaltenskodex für Bekehrung". Der Rat führe Dialoge mit Vertretern und Vertreterinnen anderer Religionen mit dem Ziel, zu einem Konsens über diesen Kodex zu gelangen, da der Glaube kein Grund für Konflikte zwischen Bevölkerungsgruppen sein sollte.

"Die Angriffe auf Christen sind bösartig. Sie werden abgeschlachtet wie Lämmer", berichtete der methodistische Bischof Tharanath Sagat, Vorsitzender des Nationalen Kirchenrates von Indien, auf der Pressekonferenz. Bischof Sagat, der Mitglied des ÖRK-Zentralausschusses ist, gehörte zu der Delegation, die Gespräche mit dem Premierminister führte. Weitere Delegationsteilnehmer waren der ÖRK-Referent für Asien, Dr. Mathews George Chunakara, und P.J. Kurien, ein prominentes Mitglied des indischen Parlaments, der der Mar-Thoma-Kirche angehört.

Im Bundesstaat Karnataka und seiner Hauptstadt Bangalore, wo Bischof Sagat amtiert, haben hinduistische Fundamentalisten Dutzende von Kirchen und Gebetshallen gestürmt.

"Wir haben es hier mit einer systematischen Aktion zu tun, mit der das soziale Gefüge ins Wanken gebracht werden soll, um politischen Nutzen daraus zu ziehen", sagte Bischof Sagat auf der Pressekonferenz. "Bekehrung dient als Schreckgespenst, um die Angriffe auf Christen zu rechtfertigen", fügte er hinzu.

Die ausgedehnten Gewalttaten gegen Christen spielen sich im Vorfeld einer Bundeswahl ab, die für Anfang 2009 vorgesehen ist. Sie werden auch als Teil einer systematischen Kampagne interpretiert, die auf dem Thema Bekehrung herumreitet, um Wählerstimmen zu gewinnen und eine hinduistische Regierungsmehrheit zu konsolidieren.


Anto Akkara ist freiberuflicher Journalist aus Bangalore, Indien. Er arbeitet zurzeit als Korrespondent für den Ökumenischen Nachrichtendienst (ENI).

Weitere Informationen über den Besuch des ÖRK-Generalsekretärs in Indien:
http://www.oikoumene.org/de/nachrichten/news-management/a/ger/article /1722/oerk-generalsekretaer-besuc-8.html

Verhaltenskodex für Bekehrung:
http://www.oikoumene.org/?id=3426&L=2

ÖRK-Mitgliedskirchen in Indien (auf Englisch):
http://www.oikoumene.org/?id=4670&L=2

Nationaler Kirchenrat von Indien (auf Englisch):
http://www.nccindia.in/

Die Meinungen, die in ÖRK-Features zum Ausdruck kommen, spiegeln nicht notwendigerweise die Position des ÖRK wider.

Der Ökumenische Rat der Kirchen fördert die Einheit der Christen im Glauben, Zeugnis und Dienst für eine gerechte und friedliche Welt. 1948 als ökumenische Gemeinschaft von Kirchen gegründet, gehören dem ÖRK heute mehr als 349 protestantische, orthodoxe, anglikanische und andere Kirchen an, die zusammen über 560 Millionen Christen in mehr als 110 Ländern repräsentieren. Es gibt eine enge Zusammenarbeit mit der römisch-katholischen Kirche. Der Generalsekretär des ÖRK ist Pfr. Dr. Samuel Kobia, von der Methodistischen Kirche in Kenia. Hauptsitz: Genf, Schweiz.


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Quelle:
Feature vom 22. Oktober 2008
Herausgeber: Ökumenischer Rat der Kirchen (ÖRK)
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Internet: www.wcc-coe.org


veröffentlicht im Schattenblick zum 23. Oktober 2008