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ASIEN/045: Erzbischof Schick - Christen sind in Pakistan "Bürger zweiter Klasse" (DBK)


Pressemitteilungen der Deutschen Bischofskonferenz vom 01.12.2011

Erzbischof Schick:

Christen sind in Pakistan "Bürger zweiter Klasse"


Erzbischof Dr. Ludwig Schick, Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, hat die Diskriminierung von Christen in Pakistan kritisiert. "Christen sind dort im Alltag vielfältigen Diskriminierungen und Benachteiligungen ausgesetzt. Sie fühlen sich zu Recht als Bürger zweiter Klasse, denn viele der Benachteiligungen sind in der Islamischen Republik Pakistan gesetzlich verankert", betonte Schick am Donnerstag in Berlin bei der Vorstellung des neuen Informationsheftes der Deutschen Bischofskonferenz "Solidarität mit verfolgten und bedrängten Christen in unserer Zeit - Pakistan". So könnten z.B. nur Muslime Richter werden und "die Aussage eines Christen hat vor Gericht schon formal weniger Gewicht als die eines muslimischen Bürgers". Von den rund 169 Millionen Einwohnern Pakistans sind mehr als 96 Prozent Muslime. 1,7 Prozent bekennen sich zum christlichen Glauben. Die allgemeine Benachteiligung treffe dabei nicht allein Christen in Pakistan, sagte Erzbischof Schick. "Hindus, Buddhisten und andere religiöse Minderheiten sind von der religiösen Intoleranz und Gewalt ebenso betroffen, wie manche islamische Gruppe, die nicht zur Hauptströmung des Islam in Pakistan gehört", so Schick.

Gleichzeitig betonte der Bischof, dass Christen in Pakistan "in weiten Teilen des Landes unbehelligt leben und arbeiten können". Auch sei es Christen weitgehend überall erlaubt, Gottesdienst in ihren Kirchen zu feiern. "Allerdings leben die Christen - wie alle religiösen Minderheiten - in einer ständigen Rechtsunsicherheit und in der Angst vor Übergriffen und Beschuldigungen."

Prälat Dr. Klaus Krämer, Präsident des Internationalen Katholischen Missionswerks missio in Aachen, bezeichnete das in Pakistan geltende Blasphemie-Gesetz als "das größte Problem für die Christen". Nach diesem Gesetz kann die Schändung des Koran mit lebenslanger Haft, die Verwendung von abfälligen Anmerkungen in Bezug auf den Propheten Mohammed mit dem Tod oder lebenslanger Haft und einer Geldstrafe bestraft werden. Das Perfide sei, so Krämer, dass "in zahlreichen Fällen, in denen diese Vorschriften angewandt worden sind, überhaupt keine entsprechenden konkreten Handlungen gegeben waren." Die Lage verschärfe sich zusätzlich aufgrund des allgemeinen Klimas, das von islamischen Fundamentalisten bestimmt werde. "Es ist klar, dass wir uns vor diesem Hintergrund natürlich ständig Sorgen um unsere Partner machen. Insbesondere um die, die solchen Anschuldigungen schutzlos ausgesetzt sind: Zuallererst Minderjährige, Analphabeten, Ungebildete - eben all jene, die nicht ständig im Blick haben, welche Folgen ihre Aussagen haben könnten."

Bischof Sebastian Francis Shaw, Apostolischer Administrator der Erzdiözese Lahore in Pakistan, sagte: "Die Religion hat in Pakistan große Macht über die Menschen. Die Prediger in den Moscheen gelten vielen als ultimative Instanzen. Ihnen widerspricht man nicht. " Er forderte deshalb die pakistanische Regierung dazu auf, die Imame stärker unter eine behördliche Aufsicht zu stellen. Prediger, die zur Gewalt gegen Minderheiten aufriefen, müssten nach den geltenden Gesetzen zur Rechenschaft gezogen werden. Außerdem müsse die internationale Gemeinschaft, den Druck auf die Regierung Pakistans erhöhen, um den religiösen Minderheiten zu mehr Gleichberechtigung zu verhelfen. "Diskriminierende Gesetze und Vorschriften müssen reformiert werden", sagte Shaw. Nur so könne die Harmonie zwischen den Religionen in Pakistan gefördert werden.

Erzbischof Schick, Bischof Shaw und missio-Präsident Krämer informierten bei einem parlamentarischen Gespräch in der Katholischen Akademie in Berlin auch Vertreter von Bundesregierung und Bundestag über die Situation in Pakistan.


Hinweis:
Das Statement von Erzbischof Dr. Ludwig Schick sowie Prälat Dr. Klaus Krämer finden Sie im Wortlaut im Anhang. Die neue Arbeitshilfe der Deutschen Bischofskonferenz steht zum Download unter folgendem Link Arbeitshilfe 251 Pakistan sowie unter www.dbk.de in der Rubrik Veröffentlichungen. Weitere Informationen zu der Initiative finden sie auf der Microsite "Verfolgte und bedrängte Christen".


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Es gilt das gesprochene Wort!

Pressekonferenz "Verfolgte Christen in Pakistan"
am 1. Dezember 2011 in Berlin

Einführendes Statement von Erzbischof Dr. Ludwig Schick
Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz

Die Deutsche Bischofskonferenz hat im Jahr 2003 die Initiative "Solidarität mit verfolgten und bedrängten Christen" ins Leben gerufen. Sie will damit die Aufmerksamkeit von Kirchengemeinden und Öffentlichkeit stärker auf die Situation jener Christen lenken, deren Menschenrechte eingeschränkt und missachtet werden. Zu diesem Zweck wird jährlich eine Arbeitshilfe veröffentlicht, die sich einer wechselnden Schwerpunktregion widmet. In diesem Jahr befassen wir uns mit der Situation in Pakistan.

I.
Lassen Sie mich zunächst in aller Kürze einige grundsätzliche Bemerkungen zum Thema "Christenverfolgung" machen. In den letzten Jahren dürfte in der kirchlichen wie der gesellschaftlichen Öffentlichkeit deutlicher als zuvor erkannt geworden sein, dass Diskriminierung, Marginalisierung und manches Mal sogar massive Angriffe auf Leib und Leben von Christen auch nach dem Ende von Ostblock und Sowjet-System nicht vorüber sind. Auch in unseren Tagen ist es an vielen Orten gefährlich und mit einem hohen Preis verbunden, sich zum Christentum und seinen Werten zu bekennen. Man denke an die Lage der christlichen Iraker, von denen viele in den zurückliegenden Jahren ihr Land verlassen mussten. Auch aus Ländern des Maghreb, insbesondere aus Ägypten wurden in jüngster Zeit antichristliche Vorfälle gemeldet.

Etwas schematisch lassen sich im Hinblick auf die Bedrängung und Gefährdung von Christen drei politisch-soziale bzw. kulturell-religiöse Grundsituationen unterscheiden:

1. In manchen Ländern wird das religiöse Bekenntnis zwar grundsätzlich geachtet. Sobald Christen sich jedoch - auf der Grundlage ihres Glaubens - mutig für die Menschenrechte einsetzen und sich an die Seite der Armen stellen, sind sie gefährdet. Manchmal geht die Gewalt von Regierungen aus, öfter aber von privaten Gruppen, die den Verlust ihrer Privilegien fürchten. Besonders in Lateinamerika haben Priester und Laien in den vergangenen Jahrzehnten einen hohen Blutzoll für ihr gesellschaftliches Engagement entrichtet. In den entlegenen Gebieten des Kontinents werden sie auch heute noch bedroht, wenn sie Mächtigen ins Gehege kommen.

2. Auch die Situation in einer Reihe spätkommunistischer Staaten ist nach wie vor bedrückend. Zwar hat sich in China und Vietnam manches gebessert. Die Kirche lebt dort inzwischen freier, wenngleich sich die Verhältnisse regional sehr unterschiedlich darstellen. Aber nach wie vor wird in diesen Ländern der Aktionsradius von Kirche und Christen eingeengt, und die staatlichen Behörden beanspruchen das Recht, in die inneren Angelegenheiten der Kirche einzugreifen. Religionsfreiheit ist hier eher obrigkeitlich gewährt als menschenrechtlich gewährleistet. Je nach politischer Opportunität können die religiösen Rechte deshalb auch schnell widerrufen werden.

3. Massiv angewachsen ist in den letzten Jahren vor allem die Bedrohung von Kirchen und Christen in manchen islamisch geprägten Ländern. Hier macht sich ein erstarkter religiöser Fundamentalismus bemerkbar, der aus dem Wahrheitsanspruch der eigenen Religion einen alleinigen und absoluten Geltungsanspruch in Gesellschaft und Staat ableitet. Islamische Fundamentalisten haben in einigen Ländern auf staatlicher Ebene großen Einfluss gewonnen, sodass Christen durch gesetzliche Diskriminierung zu Bürgern niederen Ranges herabgestuft und an der Ausübung ihres Rechtes auf Religionsfreiheit gehindert werden. Ich verweise auf Länder wie den (Nord-)Sudan oder den Iran, wo gemäß den Strafgesetzbüchern, die auf dem islamischen Recht, der Scharia, basieren, Muslimen, die zum Christentum konvertieren, sogar die Todesstrafe droht. Nicht-muslimischen Bürgern wird die Ausübung ihrer Religion sehr schwer, wenn nicht gar unmöglich gemacht, wie es in Saudi-Arabien der Fall ist.

II.
In den Komplex der Christenverfolgungen, denen ein religiös-kultureller Hintergrund zugrunde liegt, gehört auch das Thema, mit dem sich die deutschen Bischöfe in diesem Jahr besonders auseinandersetzen: die Lage der Christen in Pakistan. Christen sind dort im Alltag vielfältigen Diskriminierungen und Benachteiligungen ausgesetzt. Sie fühlen sich zu Recht als Bürger zweiter Klasse, denn viele der Benachteiligungen sind in der Islamischen Republik Pakistan gesetzlich verankert: So können z.B. nur Muslime Richter werden oder die Aussage eines Christen hat vor Gericht schon formal weniger Gewicht als die eines muslimischen Bürgers. Ein besonderes Problem stellt die sogenannte Blasphemiegesetzgebung dar. Es handelt sich dabei um Artikel 295 des pakistanischen Strafgesetzbuches, der u. a. die Zerstörung oder Schändung religiöser Stätten, die Schändung des Koran und die Schmähung des Propheten Mohammed unter harte Strafen stellt. Mit Ausnahme der Schmähung des Propheten Mohammed, muss dem Angeklagten Vorsatz nachgewiesen werden. Das heißt im Umkehrschluss, dass sich ein Beschuldigter gegen den Vorwurf der Schmähung des Propheten Mohammed kaum zur Wehr setzen kann, weil es in diesem Fall keine Rolle spielt, ob Vorsatz im Spiel war oder nicht. Hält man sich vor Augen, dass die Schmähung des Propheten mit der Todesstrafe und die Schändung des Korans mit lebenslanger Haft geahndet werden können, erkennt man die für die Angeklagten erschreckende Situation.

Aber auch die Angeklagten, die vom Vorwurf der Blasphemie freigesprochen werden, sind nicht sicher. Die meisten suchen ihr Heil in der Flucht aus Pakistan, da sie andernfalls der Bedrohung durch religiöse Eiferer kaum entgehen können. Der bekannteste Blasphemie-Fall aus jüngster Vergangenheit ist der der Katholikin Asia Bibi aus dem Dorf Ittanwali in der Provinz Punjab, die als erste Frau wegen einer behaupteten Schmähung des Propheten Mohammed zum Tode verurteilt wurde. Ausgangspunkt der Klage war ein Streit unter Landarbeiterinnen, der nachträglich so dargestellt wurde, als ob Asia Bibi im Verlauf des Streites den Propheten Mohammed beschimpft habe. Ein Gericht in der Provinz Punjab verurteilte Asia Bibi am 8. November 2010 zum Tode. Das Urteil wurde allerdings bisher vom Obersten Gericht von Punjab nicht bestätigt. Aber selbst wenn Asia Bibi von der nächsten Instanz vom Vorwurf der Blasphemie freigesprochen werden sollte, ist ihr Leben - wie das Leben so vieler anderer unschuldig Beschuldigter - weiterhin in höchster Gefahr. Zu den Hintergründen und Folgen dieser Gesetzgebung kann der heute anwesende Präsident des Internationalen Katholischen Missionswerkes missio in Aachen, Prälat Dr. Klaus Krämer, nähere Auskunft erteilen. Missio hat zahlreiche Fachstudien zur Religionsfreiheit erarbeitet und sich auch mit der Lage in Pakistan eingehend befasst. Zwei Aspekte möchte ich noch hervorheben: zum einen trifft die allgemeine Benachteiligung nicht allein Christen in Pakistan. Hindus, Buddhisten und andere religiöse Minderheiten sind von der religiösen Intoleranz und Gewalt ebenso betroffen, wie manche islamische Gruppe, die nicht zur Hauptströmung des Islam in Pakistan gehört. Zum anderen darf nicht unerwähnt bleiben, dass die Christen in weiten Teilen des Landes unbehelligt leben und arbeiten können.

Auch besteht weitestgehend Freiheit des Kultes, d.h. dass es Christen überall erlaubt ist Gottesdienst in ihren Kirchen zu feiern. Allerdings leben die Christen - wie alle religiösen Minderheiten - in einer ständigen Rechtsunsicherheit und in der Angst vor Übergriffen und Beschuldigungen.

Was dies für den Alltag der Christen und die Arbeit Kirche in diesem Land bedeutet, wird Ihnen gerne Bischof Sebastian Shaw OFM aus Lahore erläutern. Es freut mich, dass Bischof Sebastian heute hier sein kann, um über die Lage der Christen in Pakistan zu berichten.

III.
Mit unserer Initiative "Solidarität mit verfolgten und bedrängten Christen" wollen wir Öffentlichkeit in unserer Gesellschaft herstellen, wir wollen Bewusstsein und Wahrnehmung verändern. Diesem Ziel dient die Broschüre, die heute veröffentlicht wird, ebenso wie ein Gespräch zur Lage der Christen in Pakistan, das wir heute hier in Berlin mit Vertretern von Bundesregierung und Bundestag führen werden. Wir wollen aber auch einen Impuls in die Kirche hinein geben. Denn als Christen, die in unserem Land in gesicherter Freiheit leben, sind wir in besonderer Weise verpflichtet, denen, die wegen ihres Glaubens bedrängt werden, zur Seite zu stehen. Dies nimmt, um keine Missverständnisse entstehen zu lassen, nichts weg von der Solidarität, die wir Christen allen Opfern ungerechter Gewalt schulden. Aber wie sollte diese umfassende Solidarität glaubhaft sein, wenn wir uns nicht einmal an die Seite der eigenen Mitgläubigen stellen?

Die Solidarität mit unseren Glaubensgeschwistern hat zum einen eine materielle Seite. Das heißt: Durch die Unterstützung vieler Spender sind unsere Werke, Diözesen und Orden in der Lage, den bedrängten Mitchristen Hilfe zukommen zu lassen. Christliche Solidarität hat zum anderen aber immer auch eine geistliche Dimension. Es ist wichtig, dass sich die Gläubigen im Gebet mit jenen verbinden, die um ihres Christ-Seins willen Not leiden. Für die Verfolgten bedeutet dies Ermutigung und Bestärkung. Wir anderen aber können gerade von den um des Glaubens willen Verfolgten und Bedrängten in besonderer Weise erfahren, was es heißt, als Christ zu leben, und auch, wer derjenige ist, dem Christen nachfolgen. In der Bergpredigt, einem Herzstück des christlichen Glaubens, heißt es: "Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihnen gehört das Himmelreich" (Mt 5,10).


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Es gilt das gesprochene Wort!

Pressekonferenz "Verfolgte Christen in Pakistan"
am 1. Dezember 2011 in Berlin

Statement von Prälat Dr. Klaus Krämer,
Präsident von missio, Aachen

Religionsfreiheit in Pakistan

Die Verfassung der Islamischen Republik Pakistan garantiert jedermann im Rahmen einer islamischen Ordnung das Recht, seine Religion zu bekennen, zu praktizieren und zu propagieren, und jede Religionsgemeinschaft hat das Recht, religiöse Einrichtungen zu unterhalten. Im Vergleich mit anderen islamischen Staaten, scheint es in Pakistan vor diesem Hintergrund ein Mehr an Religionsfreiheit zu geben. Tabu war schon immer und ist auch heute einzig die Missionierung von Muslimen. In diesem Rahmen haben sich die Christen und die christlichen Kirchen lange Zeit relativ frei bewegen können, wobei die Christen in Pakistan nie als gleichwertige Staatsbürger behandelt wurden.

Mit der Machtübernahme durch General Zia ul Haq, der 1977 durch einen Militärputsch an die Macht kam und bis zu seinem Tod im August 1988 regierte, veränderte sich in Pakistan vieles. Die Normen, die üblicherweise als Blasphemiegesetz bezeichnet werden, wurden dramatisch verschärft. Waren in der Zeit von 1929 bis 1982 in Pakistan nur neun Blasphemiefälle vor Gericht verhandelt worden, sind es seither mehr als tausend Fälle. Die Christen waren - bezogen auf ihren Bevölkerungsanteil von gerade 2,3% - mit 180 Fällen überproportional betroffen. Und tatsächlich ist das Blasphemiegesetz heute das größte Problem für die Christen in Pakistan.

Blasphemiegesetz - was ist das, was bedeutet das für die Christen, wie ist das zu bewerten?

Beim sogenannten Blasphemiegesetz in Pakistan, handelt es sich um Kapitel 15 (Straftaten in Bezug auf Religion) des Pakistanischen Strafgesetzbuches vom 16. Oktober 1860 mit den Artikeln 295 bis 298, und hier insbesondere um die Artikel 295-B (Schändung des Heiligen Koran) und 295-C (Verwendung von abfälligen Anmerkungen in Bezug auf den Heiligen Propheten). Beide Normen setzen für eine Bestrafung eine konkrete Handlung voraus. Die Schändung des Koran kann mit lebenslanger Haft, die Verwendung von abfälligen Anmerkungen in Bezug auf den Heiligen Propheten kann mit dem Tod oder lebenslanger Haft und einer Geldstrafe bestraft werden.

Das Perfide ist jedoch, dass in zahlreichen Fällen, in denen diese Vorschriften angewandt worden sind - z.B. auch im Fall Asia Bibi - überhaupt keine entsprechenden konkreten Handlungen gegeben waren. Asia Bibi soll im Gespräch mit anderen Landarbeiterinnen schlicht ihre Religion und ihren Religionsstifter, Jesus, positiv dargestellt haben. Das wurde ihr dann dahingehend ausgelegt, dass sie durch Unterstellung, Anspielung oder versteckte Andeutung den heiligen Namen des Propheten geschändet habe - so beschreibt Artikel 295-C den unterstellten Tatbestand. Das Ergebnis ist bekannt, Asia Bibi wurde zum Tode verurteilt.

Bei entsprechender Anwendung kann man die Gesetze problemlos missbrauchen, um persönliche Rache zu üben oder "offene Rechnungen" zu begleichen. Einmal ist der von einer minderjährigen Schülerin falsch geschriebene Name des Propheten Anlass für ein Verfahren, das mit der Todesstrafe enden kann; einmal eine heruntergefallene Visitenkarte eines Geschäftspartners, der den Namen des Propheten trägt. Daraus einen Fall für die Gerichte zu machen, ist angesichts der Blasphemiegesetze leicht möglich.

Die Lage verschärft sich aufgrund des allgemeinen Klimas im Land, das von islamischen Fundamentalisten bestimmt wird, das die leichtfertige und willkürliche Anwendung der beschriebenen Vorschriften so leicht macht. Diese Vorschriften kann man gegen jeden unliebsamen Gegner - noch zumal wenn er nicht frommer Muslim ist - jederzeit und bedenkenlos einsetzen - ob der Koran oder der Prophet nun tatsächlich geschändet oder geschmäht worden sind oder nicht.

Unsere Sorge um die Partner

Es ist klar, dass wir uns vor diesem Hintergrund natürlich ständig Sorgen um unsere Partner machen. Insbesondere um die, die solchen Anschuldigungen schutzlos ausgesetzt sind: Zuallererst Minderjährige, Analphabeten, Ungebildete - eben all jene, die nicht ständig im Blick haben, welche Folgen ihre Aussagen haben können. Tatsächlich müssen wir uns aber um alle Menschen in Pakistan Sorgen machen, nicht nur um die Christen, denn die Umstände machen deutlich, wie leicht jedermann Opfer der sogenannten Blasphemiegesetze werden kann.

Unser Problem, sich als Missionswerk öffentlich zu äußern

Tatsächliche oder vermeintliche Einmischung von außen kann - wie wir wissen - für unsere Partner in Pakistan leicht zum zusätzlichen Problem werden. Das kann uns nicht daran hindern, unsere Sorge um die Opfer der Blasphemiegesetze zu äußern. Das zwingt uns aber zu größter Vorsicht im Hinblick auf Aussagen bezüglich der zwingend notwendigen Aufhebung oder doch zumindest Überarbeitung der entsprechenden Normen, da dies anderenfalls leicht unseren kirchlichen Partnern in Pakistan angelastet werden könnte.

Unsere Möglichkeiten - Lobbyarbeit

Ungeachtet aller Vorsicht, die wir uns auferlegen müssen, um den Christen in Pakistan nicht zu schaden, nutzen wir selbstverständlich jede Gelegenheit, unsere Regierenden und Politiker aufzufordern, bei ihren Gesprächen mit Regierungsvertretern und Politikern aus Pakistan und in Pakistan die Abschaffung oder doch zumindest Entschärfung der menschenverachtenden Blasphemiegesetze zu fordern.

Als Argumentationshilfe legen wir hier einen Länderbericht 'Religionsfreiheit: Pakistan' vor, bei dem es natürlich auch um das zentrale existenzbedrohende Problem der Christen in Pakistan, die sogenannten Blasphemiegesetze geht. Mit weiteren Länderberichten wollen wir auf die Lage der Religionsfreiheit in weiteren Ländern der islamischen Welt, in Ägypten, Jordanien, Marokko, Tunesien und der Türkei aufmerksam machen. Die freie Ausübung der Religion ist ein Menschenrecht, das derzeit in vielen Ländern bedroht ist.


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Quelle:
Pressemitteilung Nr. 185, 185a und 185b vom 1. Dezember 2011
Herausgeber: P. Dr. Hans Langendörfer SJ,
Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz
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veröffentlicht im Schattenblick zum 2. Dezember 2011