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BERICHT/274: Die israelische Besetzung belastet die palästinensischen Christen (ÖRK)


Ökumenischer Rat der Kirchen - Feature vom 2. April 2009

Die israelische Besetzung belastet die palästinensischen Christen

Von Emma Halgren


Die Kirchen in aller Welt müssen sich mit Wort und Tat für Gerechtigkeit in Israel und Palästina einsetzen, erklärten Kirchenführer gegenüber der ökumenischen Delegation, die den Nahen Osten vom 7. bis 14. März besuchte.

Die Delegationsmitglieder - ein Team "Lebendiger Briefe" [1] zu Besuch im Namen des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) - erfuhren, wie vielfältig die Kirchen in der Region in der Sozialarbeit und beim Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit zusammenarbeiten.

Die Tatsache jedoch, dass die ohnehin zahlenmäßig kleine palästinensische christliche Bevölkerung weiterhin abnimmt und das Leben für die Palästinenser unter der israelischen Besetzung immer schwieriger wird, stellt eine Belastung für die Arbeit der Kirchen dar und Unterstützung ist dringend notwendig, erfuhr die Delegation.

"Lebendige Briefe" sind kleine internationale ökumenische Teams, die weltweit verschiedene Orte besuchen, an denen Christen sich für die Überwindung von Gewalt einsetzen. Ziel ist es, der Solidarität der ökumenischen Familie Ausdruck zu verleihen und sich darüber zu informieren, wie die Menschen mit den ihnen gestellten Herausforderungen umgehen.

Im Verlauf der Woche traf sich die Delegation mit lokalen Kirchenführern wie Patriarch Theophilus III., Griechisch-Orthodoxes Patriarchat von Jerusalem, dem lateinischen Patriarchen von Jerusalem Fouad Twal, Bischof Munib Younan von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land, sowie Pfarrer Robert Edmunds, dem Vertreter des anglikanischen Bischofs Suheil Dawani in Jerusalem.

Die kirchlichen Würdenträger informierten die Gruppe über die vielen Faktoren, die zur hohen Auswanderungsrate unter den palästinensischen Christen und zum Leiden des palästinensischen Volkes insgesamt beitragen. Dazu gehören Diskriminierung bei der Wohnungssuche, die Zerstörung palästinensischer Häuser, um Raum für israelische Siedlungen zu schaffen, eine hohe Arbeitslosenquote sowie Gewalt seitens israelischer Siedler.

Zusätzlich schränkt eine von der israelischen Regierung verfügte strenge Passierscheinregelung die Bewegungsfreiheit der Palästinenser im Westjordanland - sowie auf den Wegen hinein und hinaus - gravierend ein oder verhindert sie häufig sogar ganz. Diese Einschränkungen betreffen alle Aspekte des Lebens der Palästinenser und machen alltägliche Aktivitäten wie den Verkauf von Agrarprodukten, den Zugang zu medizinischer Versorgung und zu Bildungsstätten oder den Besuch bei Freunden und Verwandten schwierig, riskant und oft unmöglich.

"Lasst uns nicht allein"

Patriarch Fouad Twal erklärte, nach 60 Jahren Besetzung herrsche unter den Christen in Palästina ein starkes Gefühl der Machtlosigkeit.

"Wir beten nach wie vor", sagte er, "und wir glauben an die Macht des Gebets. Wir setzen Hoffnung in die neue US-Regierung. Aber wir brauchen den Beistand der Länder der Welt."

Patriarch Theophilus III. betonte, wie wichtig eine starke christliche Präsenz im Heiligen Land sei und dass sich sein Patriarchat intensiv um die Förderung der Versöhnung in der Region bemühe.

"Die Christen brauchen moralischen Beistand; sie müssen spüren, dass sie nicht allein sind. Ein sehr wichtiger Beitrag zum Friedensprozess ist Bildung - Initiativen, die es jungen Menschen ermöglichen, sich zu treffen, die religiösen Symbole des anderen kennenzulernen und Vorurteile abzubauen", sagte er.

Bischof Munib Younan meinte, es sei wichtig zu verstehen, dass die heutige Ungerechtigkeit den Extremismus von morgen anfachen könnte - und zwar in allen drei Religionen in der Region. Dies zeige sich bereits in mannigfacher Weise, z.B. im Aufstieg von ultra-orthodoxen Vertretern in der israelischen Regierung, in der nachhaltigen Unterstützung Israels durch christliche Zionisten und im Streben nach Macht seitens islamischer Fundamentalisten.

Nirgends hätten sich die Auswirkungen dieser Spannungen deutlicher gezeigt als im jüngsten Krieg in Gaza, sagte Bischof Younan. Ein Team von Geistlichen habe kürzlich den Gazastreifen besucht. Sie hätten dort nach den israelischen Luftangriffen im Dezember und Januar eine Zerstörung monumentalen Ausmaßes vorgefunden und ein durch die erlittene Gewalt traumatisiertes Volk.

"Ich bin viel in der Welt herumgekommen, aber hier habe ich zum ersten Mal Kinder ohne Lächeln gesehen," so der Bischof. "Die Kinder von Gaza können nicht mehr lächeln. Wo ist das Gewissen der Welt?"

Die Zeit für Verhandlungen sei vorbei, meinte er, nun sei es Zeit zu handeln. "Die Kirchen dürfen dazu nicht schweigen. Sie müssen eine prophetische Stimme sein. Lasst uns nicht allein in unserem Kampf. Helft uns, indem ihre eure Stimmen erhebt und euch laut und deutlich einsetzt für Gerechtigkeit, für das Zusammenleben in einer gemeinsamen Stadt Jerusalem, für die Beendigung der Besetzung und einen lebensfähigen Palästinenserstaat, Seite an Seite mit dem Staat Israel."

Pfarrer Dr. Naim Ateek, der Gründer und Direktor des Sabeel Ecumenical Liberation Theology Center [2] (Zentrum für ökumenische Befreiungstheologie Sabeel) in Jerusalem äußerte sich bei einem abendlichen Treffen mit dem Team der "Lebendigen Briefe" ähnlich.

Ateek, dessen Buch A Palestinian Christian Cry for Reconciliation (ein palästinensisch-christlicher Ruf nach Versöhnung) am Vorabend der Öffentlichkeit vorgestellt worden war, sagte, prophetische Stimmen, vor allem von christlicher Seite, seien dringend nötig in der israelisch-palästinensischen Frage.

"Wenn alle Kirchen bereit wären, ihre Stimme zu erheben, könnten wir Wunder wirken", meinte er. "Wir haben ein großes Gewicht, das wir bisher nicht genutzt haben."

Der Mut zur Stellungnahme gegen die Besetzung

Immer wieder kam während des Besuchs die Forderung nach einer Führungsrolle der USA in dieser Frage zur Sprache - und wie wichtig es sei, dass sich die US-Kirchen hierfür stark machten.

Pfarrer John Thomas, Hauptpastor und Präsident der Vereinigten Kirche Christi (UCC) in den USA, hielt sich im Rahmen eines Besuchs bei ökumenischen Partnern im Nahen Osten zur selben Zeit in Jerusalem und im Westjordanland auf. Zusammen mit zwei UCC-Mitarbeitenden begleitete er das Team der "Lebendigen Briefe" bei mehreren Treffen mit Kirchenführern und Menschenrechtsorganisationen.

Er war betroffen angesichts der Veränderungen seit seinem letzten Besuch 2005: die Ausbreitung illegaler israelischer Siedlungen in Ost-Jerusalem und im Westjordanland, die Umwandlung einstmals behelfsmäßiger Kontrollpunkte in ausgeklügelte Grenzposten, die die Palästinenser passieren müssen, um nach Jerusalem zu gelangen, sowie der Ausbau der Trennmauer, die inzwischen weit in das Westjordanland hineinreicht.

Thomas sagte, die Palästinenser, die er getroffen habe, hätten wenig Hoffnung auf eine Änderung ihrer Lage. "Das Gefühl des Verlassenseins und der Verwundbarkeit sitzt tief, das Gefühl der politischen Machtlosigkeit ist allgegenwärtig."

Er forderte die Mitglieder seiner eigenen Kirche auf, Stellung zu beziehen. "Es stellt sich uns die Frage, ob wir den Mut haben, einer Besetzung den Kampf anzusagen, die sich der Seelen aller Beteiligten zu bemächtigen sucht und die selbst jene erniedrigt und entmenschlicht, die sie zu privilegieren meint."

"Als Bürger eines Landes, das jährlich Milliarden Dollar in die Aufrechterhaltung der Besetzung steckt, sind wir zutiefst mitschuldig an der Situation und aufgefordert zu sagen, 'Nicht länger in meinem Namen!'"


Emma Halgren, Praktikantin in der ÖRK-Kommunikationsabteilung, gehört der Unionskirche in Australien an.

Mehr Informationen über den Besuch der Lebendigen Briefe:
http://gewaltueberwinden.org/de/konvokation/lebendige-briefe/israel-and-palestine.html

Sechzig Jahre ÖRK-Engagement für Palästina/Israel, 1948-2007 (ein Überblick):
http://www.oikoumene.org/?id=3628&L=2

ÖRK-Mitgliedskirchen in Israel/Palästina:
http://www.oikoumene.org/?id=4746&L=2


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Es braucht Bildung und Aufklärung, um Brücken zu bauen

Um sich eine Vorstellung vom allgemeinen Befinden und dem Wohlergehen einer Gesellschaft zu machen, muss man sehen, wie die kleinste Minderheit behandelt wird. So die Theorie von Rabbi Daniel Rossing, und im Fall der arabischen Christen - einer Minderheit im Heiligen Land - sind die Anzeichen zutiefst beunruhigend.

Rabbi Rossing, Exekutivdirektor des Jerusalemer Zentrums für jüdisch-christliche Beziehungen (JCJCR), weiß, dass mangelndes Verständnis zumindest teilweise daran schuld ist.

Das JCJCR hat kürzlich eine öffentliche Meinungsumfrage unter der erwachsenen jüdischen Bevölkerung in Israel durchgeführt und sie nach ihrer Einstellung zum Christentum, zu den Christen und zur christlichen Präsenz in Israel befragt.

Die Ergebnisse zeigten einen engen Zusammenhang zwischen dem Bildungsniveau und der Toleranz gegenüber Christen und gaben einen Hinweis auf die ausgeprägte Segregation in der heutigen israelischen Gesellschaft - über 50 Prozent der Befragten gaben an, keine Freunde oder Bekannten unter den Christen in Israel oder im Ausland zu haben. Die Jüngeren unter den Befragten wiesen eine deutlich geringere Toleranz gegenüber dem Christentum auf.

Das JCJCR mit seinen zwei jüdischen und zwei christlichen Mitarbeitenden bemüht sich um die Überwindung solcher Vorurteile und um mehr Verständnis unter den verschiedenen Religionen. Es unterhält zahlreiche Bildungsprogramme für Christen wie auch für Juden zu zentralen Aspekten der jeweils anderen Religion, wie Lehre, Gottesdienst und den Werdegang der betreffenden Religion im Heiligen Land.

Die Mitarbeitenden organisieren Seminare über das Christentum für Ministerien, Ausbildungseinheiten der israelischen Verteidigungsstreitkräfte, die Polizei, Journalisten und andere Gruppierungen und erarbeiten Material auf Hebräisch und Arabisch über den christlichen bzw. jüdischen Glauben.

Das Zentrum bietet auch "Begegnungsgruppen" an, in denen Juden und Christen, die etwas gemeinsam haben - z.B. Alter, Geschlecht, Beruf oder Herkunft - zusammenkommen, um sie betreffende Fragen zu diskutieren, Informationen über ihre Kultur auszutauschen und Möglichkeiten für ein gemeinsames soziales Engagement zu besprechen.

Die rabbinische Stimme des Gewissens

Rabbiner für Menschenrechte ist ebenfalls eine Organisation, die sich um den Aufbau besserer Beziehungen bemüht. Sie wurde gegründet mit dem Ziel, "die rabbinische Stimme des Gewissens in Israel" zu sein, und widmet sich in der Praxis Themen wie der Zerstörung von Häusern und den Rechten der Frauen.

Eines der Hauptprojekte ist Agricultural Access (Zugang zu den Feldern), das Teams internationaler und israelischer Freiwilliger aus allen religiösen Traditionen zusammenführt, um Olivenbäume zu pflanzen und zu pflegen und die Ernte einzubringen. Dadurch behalten die Palästinenser Zugang zu ihren Bäumen, und Gewaltausbrüche und Diebstahl zur Erntezeit werden eingedämmt.

"Wenn unser erster Auftrag die Förderung der Menschenrechte ist, so ist unser zweiter und nicht minder wichtiger Auftrag, den Israelis ein anderes Verständnis des Judaismus zu vermitteln", sagte Exekutivdirektor Arik Aschermann. "Wir müssen die Klischeevorstellung durchbrechen, die die Palästinenser von uns haben, und mit Hilfe der Palästinenser diejenige, die wir von ihnen haben. Nur so können wir eine bessere Zukunft aufbauen."

Rabbi Rossing beschrieb die Begegnung zwischen Juden und Christen im Heiligen Land als äußerst komplex, sah aber Möglichkeiten zur Zusammenarbeit.

"So, wie die Religion dazu benutzt werden kann, die Flammen des Konflikts anzufachen, so kann sie die Flammen des Konflikts auch löschen," sagte Rabbi Rossing. "Wir glauben, dass die palästinensische christliche Bevölkerung, so klein sie auch sein mag, eine Brückenfunktion haben könnte, aber nur dann, wenn die religiöse Mehrheit wenigstens ein Minimum an Verständnis davon hat, wer diese Christen sind."


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Die Meinungen, die in ÖRK-Features zum Ausdruck kommen, spiegeln nicht notwendigerweise die Position des ÖRK wider.

Der Ökumenische Rat der Kirchen fördert die Einheit der Christen im Glauben, Zeugnis und Dienst für eine gerechte und friedliche Welt. 1948 als ökumenische Gemeinschaft von Kirchen gegründet, gehören dem ÖRK heute mehr als 349 protestantische, orthodoxe, anglikanische und andere Kirchen an, die zusammen über 560 Millionen Christen in mehr als 110 Ländern repräsentieren. Es gibt eine enge Zusammenarbeit mit der römisch-katholischen Kirche. Der Generalsekretär des ÖRK ist Pfr. Dr. Samuel Kobia, von der Methodistischen Kirche in Kenia. Hauptsitz: Genf, Schweiz.

[1] http://gewaltueberwinden.org/de/iepc/lebendige-briefe.html
[2] http://www.sabeel.org/


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Quelle:
Feature vom 2. April 2009
Herausgeber: Ökumenischer Rat der Kirchen (ÖRK)
150 rte de Ferney, Postfach 2100, 1211 Genf 2, Schweiz
E-Mail: ka@wcc-coe.org
Internet: www.wcc-coe.org


veröffentlicht im Schattenblick zum 3. April 2009