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BERICHT/302: Bibelmuseum - 650 neue Bibeln aus der frühen Neuzeit (wissen leben - WWU Münster)


wissen leben - Nr. 2, 14. April 2010

Die Zeitung der WWU Münster

Kostbarer Schatz

Bibelmuseum erhält rund 650 neue Bibeln aus der frühen Neuzeit

Von Brigitte Nussbaum


Liebevoll streichelt Prof. Holger Strutwolf über den Einband, vorsichtig blättert er die Seiten um. Die Bibel, die er in Händen hält, wurde 1516 von Erasmus von Rotterdam herausgegeben und ist die erste im Druck erschienene Version eines griechischen Neuen Testaments. Der Direktor des Instituts für Neutestamentliche Textforschung und des angeschlossenen Bibelmuseums kann sich über eine spektakuläre Neuanschaffung freuen: Rund 650 altsprachliche Bibeln hat der Privatsammler Walter Remy dem Bibelmuseum überlassen. Die Universität konnte sie mithilfe der Kulturstiftung der Länder, der Kunst-Stiftung NRW und des Exzellenzclusters "Religion und Politik" erwerben. Übergeben werden sie am 19. April in einem Festakt.

Bislang lag der Schwerpunkt des Museums auf dem griechischen Neuen Testament. Nun kommen unter anderem 379 lateinische Bibeln aus der Zeit von 1501 bis 1794 dazu, aber auch 195 griechische Bibeln von 1516 bis 1823. Außerdem mehrsprachige Bibeln, so genannte Polyglotte, und Inkunabeln, die ganz frühen Bibeldrucke. Auch syrische und hebräische Bibeln sind in der Sammlung zu finden. Auch wenn Walter Remy die Bibeln detailliert beschrieben und aufgelistet hat, es wird Zeit brauchen, bis die münsterschen Wissenschaftler wissen, was sie da im Einzelnen erhalten haben. "Die erste in Venedig gedruckte Bibel von 1475 ist darunter, auch die erste, die in Nürnberg gedruckt wurde", sagt Dr. Beate Köster vom Bibelmuseum. "Die Druckgeschichte der lateinischen Bibeln ist noch gar nicht erforscht", erzählt Holger Strutwolf.

Die Sammlung Remy, die größte Privatsammlung altsprachlicher Bibeln in Deutschland, wurde bislang noch nicht wissenschaftlich aufgearbeitet. Spannende Fragen gilt es zu klären: Wie verhält sich der gedruckte Text zur handschriftlichen Überlieferung? Was verraten die Kommentare in den Bibeln? Zu welchem Zweck wurde die einzelne Bibel herausgegeben und was verrät das über die politisch-religiösen Netzwerke der frühen Neuzeit? Wie unterscheiden sich evangelische und katholische Bibeln voneinander? Wie schlägt sich das in den Übersetzungen nieder? Luthers Übersetzung zum Beispiel basierte nicht auf der bis dahin gebräuchlichen lateinischen Bibel, der so genannten Vulgata, sondern auf dem griechischen Urtext.

Bislang stand dieser im Mittelpunkt der Untersuchungen des Instituts. "Die lateinischen Bibeln sind deshalb eine sehr interessante Ergänzung für uns", sagt Beate Köster. Unabdingbar sei es auch im Zeitalter des Internet, mit den tatsächlich gedruckten Werken zu arbeiten. "Man muss so eine Ausgabe einfach selbst in die Hand nehmen, das ist schon ein Wert an sich", sagt Bibelwissenschaftler Holger Strutwolf. "Das Original bleibt immer das Original, mit allen Fragen, die man daran stellen kann."

Sechs Jahre hat es gedauert, den kostbaren Schatz nach Münster zu holen. Walter Remy kannte das Bibelmuseum und hatte selbst die Idee, seine Sammlung nach Münster zu geben. Einen Etat, um Bibeln anzukaufen, hat das Museum nicht, deswegen ist es eine große Ausnahme, dass ein neuer Bestand ins Haus kommt. Ein Teil der Bibeln soll abwechselnd im Museum ausgestellt werden. Wichtiger ist es aber, sie der Wissenschaft zugänglich zu machen. Mit der Sammlung Remy zählt das Bibelmuseum zu den bedeutendsten deutschen Forschungszentren - vergleichbar mit den altsprachlichen Bibelsammlungen der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart und der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel. Waren Bibeln früher unter anderem Streitschriften im Ringen um den wahren Glauben, so können sie heute verbindend wirken: Nicht nur die Wissenschaftler der Evangelisch-Theologischen Fakultät, zu der Institut und Museum gehören, sind eingeladen, sich mit der neuen Sammlung zu beschäftigen: "Ich bin mir sicher, dass auch die katholischen Theologen großes Interesse haben werden", lädt Institutsdirektor Strutwolf ein.


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Quelle:
wissen leben - Die Zeitung der WWU Münster, Nr. 2, 14. April 2010, S. 6
Herausgeberin:
Die Rektorin der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster
Redaktion: Brigitte Nussbaum (verantw.)
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veröffentlicht im Schattenblick zum 29. April 2010