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FRAGEN/007: Gespräch mit Kirchenrechtler Thomas Schüller (Herder Korrespondenz)


Herder Korrespondenz
Monatshefte für Gesellschaft und Religion - 07/2010

"Auf Partizipation setzen"
Ein Gespräch mit dem Kirchenrechtler Thomas Schüller

Die Fragen stellte Ulrich Ruh


Die katholische Kirche verfügt über ein eigenes Recht; die meisten pastoralen Probleme, die ihr derzeit auf den Nägeln brennen, haben auch eine rechtliche Dimension. Über Möglichkeiten und Chancen des Kirchenrechts in der gegenwärtigen kirchlichen Situation sprachen wir mit dem Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller.


HK: Herr Professor Schüller, die katholische Kirche ist derzeit in einer unbequemen Situation. Es herrscht eine Stimmung, in der sich Reformforderungen mit Durchhalteparolen mischen, vielfach wird ziemlich lustlos weitergewurstelt. Welche Rolle könnte das kirchliche Recht bei der Suche nach Auswegen aus dieser Situation spielen?

SCHÜLLER: Es ist eine wichtige Funktion des Kirchenrechts, in der Kirche als einer hierarchisch verfassten Institution Prozesse geordnet zu gestalten, Verfahren abzusichern, die zu Ergebnissen führen, die dann möglichst vom ganzen Volk Gottes getragen werden. Hier bietet sich eine große Chance: Es käme angesichts des gegenwärtigen Problemstaus darauf an, über kirchenrechtlich bewährte Formen zu guten Lösungen zu kommen. Das Kirchenrecht kann dabei helfen, willkürliche Maßnahmen zu vermeiden und stattdessen auf Partizipation und Diskussion vorab zu notwendigen Entscheidungen zu setzen. Das hat in der zweitausendjährigen Geschichte der katholischen Kirche in manchen Bereichen auch durchgehalten.

HK: Seit 1983 hat die katholische Kirche ein neues Rechtsbuch, das die rechtliche Umsetzung des Zweiten Vatikanischen Konzils sein soll. Hat sich der CIC als nachkonziliarer Kodex bewährt oder hat er sich inzwischen eher als kontraproduktiv erwiesen?

SCHÜLLER: Kontraproduktiv nicht, aber nicht immer gelungen. Man muss den CIC von 1983 allerdings immer zusammen mit dem CCEO, dem Gesetzbuch für die katholischen Ostkirchen, von 1990 sehen. An ihm zeigt sich, dass man aus den Defiziten des Kodex von 1983 einiges gelernt hat. Den klassischen Testfall bietet das kirchliche Verfassungsrecht, also die spannende Frage, ob es einen rechtlichen Niederschlag der Aufwertung des Bischofsamtes und die Betonung der bischöflichen Kollegialität durch das Zweite Vatikanische Konzil gegeben hat. Das ist im CIC von 1983 nur eingeschränkt umgesetzt worden. Das Konzil hat in "Christus Dominus" und in "Lumen Gentium" erklärt, das Amt des Diözesanbischofs sei göttlichen Rechts, und hat es direkt in die Nachfolge der Apostel eingebunden. Davon findet man in der Gesetzesformulierung im CIC nichts. Im CCEO dagegen ist diese Frage konzilskonform geklärt worden. Nur unter Berücksichtigung beider Rechtsbücher lässt sich also ein sachgerechtes Urteil über die rechtliche Umsetzung dessen gewinnen, was auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil gelehrt wurde.

HK: Nicht nur das Konzil, sondern auch das katholische Kirchenrecht hält an der primatialen Vollmacht des Papstamts fest. Setzt das nicht jedem Bemühen um Reformen in der Kirche eine unüberwindliche Grenze?

SCHÜLLER: An diesem Punkt besteht nicht nur in der Dogmatik, sondern auch im Kirchenrecht Diskussionsbedarf. Er zeigt sich nicht zuletzt bei den ökumenischen Dialogen, gerade bei dem mit der Orthodoxie, der ja längerfristig auf die Wiederherstellung der vollen Einheit zielt. Im Blick auf die rechtliche Umschreibung des Petrusamtes müsste vieles geklärt werden. Wie kann man das Amt des Papstes kirchenrechtlich so beschreiben, dass es dem Dienst an der Einheit verpflichtet ist und gleichzeitig die größtmögliche Autonomie der Teilkirchen beziehungsweise der Verbände von Teilkirchen vor Ort gewährleistet? Die Spannung zwischen diesen beiden Polen ist im Kodex grundgelegt; derzeit ist sie eindeutig zu Gunsten des Papstes entschieden.


"Der Spielraum wird von den Diözesanbischöfen nicht erkannt und genutzt"

HK: Kann das kirchliche Recht unter diesen Vorzeichen überhaupt den Spielraum gewähren, den man für regionale Problemlösungen in einer immer vielfältiger werdenden Weltkirche bräuchte?

SCHÜLLER: Der Spielraum wäre durchaus gegeben, wird von den Diözesanbischöfen aber oft nicht erkannt und genutzt. Bischöfe fragen sich stattdessen ängstlich: Wie könnte es aussehen, wenn ich mir beispielsweise partikularrechtlich Beratungsorgane schaffe, die ich bei bestimmten Themen vor einer letztlich dem Bischof vorbehaltenen Entscheidung konsultiere? In dieser Hinsicht wäre nach dem geltenden Kirchenrecht viel mehr möglich. Allerdings muss man auch sehen, dass römische Signale in der nachkodikarischen Gesetzgebung etwa bezüglich der Diözesansynoden die Bischöfe eher abgeschreckt haben, Reformmaßnahmen im Interesse einer stärkeren Einbindung des ihnen anvertrauten Volkes Gottes in Entscheidungen in Angriff zu nehmen. In diese Richtung wirkt auch die römische Verfügung, dass über bestimmte Themen bei Diözesansynoden gar nicht geredet werden darf.

HK: Wie sieht es denn mit der kirchlichen Gesetzgebung seit Inkrafttreten des CIC von 1983 aus? Sind die Verfahren, mit denen das kirchliche Recht an sich verändernde Umstände angepasst werden kann, sachgerecht und nachvollziehbar? Oder gäbe es hier Handlungsbedarf?

SCHÜLLER: Es ist ein Kardinalproblem des kirchlichen Rechts, dass es keine geordneten Abläufe kennt, die Mindeststandards demokratischer Entscheidungsprozesse entsprächen. Gerade in der nachkodikarischen Gesetzgebung ist zu beobachten, dass römische Dikasterien oft im Alleingang über ihre Präfekten dem Papst bestimmte Dinge zugespielt haben, die dann in Kraft gesetzt wurden. Auch heute wird in der Kurie zu viel nebeneinander her gearbeitet, fehlt es vielfach an der erforderlichen Koordination. Das führt nicht immer zu optimalen Ergebnissen.


"Die Erfahrungen des ganzen Volkes Gottes müssten sich rechtlich Gehör verschaffen"

HK: Wie könnten die Dinge besser laufen? Müsste es nicht die Möglichkeit geben, dass Anliegen, die im konkreten Leben der Kirche sichtbar werden, dann auch entsprechend in die kirchliche Gesetzgebung einfließen?

SCHÜLLER: Dafür bräuchte es mehr Phantasie. Ein Instrument zur Wahrnehmung von Entwicklungen auf örtlicher Ebene, die dann auch ihren Niederschlag in der Gesetzgebung der Kirche finden sollten, wäre beispielsweise die regelmäßige Abhaltung von Diözesansynoden, wie es sie bis in die fünfziger, sechziger Jahre auch bei uns noch gab. So konnten bei Anliegen aus der Priesterschaft oder aus den Gemeinden, die man für regelbar erachtete, konkrete gesetzliche Regelungen geschaffen werden, die in Abständen von zehn oder fünfzehn Jahren wieder diskutiert und bei Bedarf verändert wurden. Das wäre eine Chance! Ich kann mir dagegen nicht vorstellen, dass man zentrale Bestandteile aus dem demokratischen Verfassungsstaat wie Parlamente in der Kirche implementierte. Es war eine der großen Enttäuschungen der letzten Jahrzehnte, zu glauben, synodale Elemente bedeuteten Demokratie in dem Sinn, dass es ein Parlament gäbe, das Gesetze verabschiedet, die der Bischof dann nur noch in Kraft setzen müsste. Diese Vorstellung war immer sowohl kirchenrechtlich als auch von den dogmatischen Vorgaben her irreal. So haben sich die Erwartungen vieler Gläubigen und die Position der Bischöfe immer weiter auseinander entwickelt.

HK: In der Bundesrepublik gab es in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts die "Gemeinsame Synode" der Bistümer. Sie war nicht nur Beratungsorgan, sondern fasste auch Beschlüsse. Heute gibt es nicht nur ein verbreitetes Unbehagen an der kirchlichen Situation, sondern auch die Hoffnung, man könne durch so etwas wie eine neue Synode der Malaise entgegenwirken ...

SCHÜLLER: Wenn man mit Bischöfen spricht, spürt man bei diesem Thema eine große Reserviertheit. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass in Deutschland inzwischen eine Generation von Bischöfen nachgewachsen ist, die mit diesen Dingen wenig anzufangen weiß. Sie haben die Sorge, Synoden könnten ihnen sowohl in Fragen der Lehre als auch der Disziplin etwas vorschreiben, was sie dann zu exekutieren hätten. Zum anderen geht ihr Blick nach Rom, weil man weiß, dass bestimmte Dinge gar nicht regionalkirchlich entschieden werden können. In den neunziger Jahren und Anfang des neuen Jahrhunderts gab es in vielen Bistümern Veranstaltungen mit pseudokirchenrechtlichen Nomenklaturen wie "Diözesanforen", die entsprechende Resolutionen verabschiedeten. Aber damit wurden letztlich nur Enttäuschungen produziert.

HK: Worauf sollte man sich dann vor Ort konzentrieren? Welche rechtlich gesehen realistischen Ziele könnte man sich in den Bistümern setzen?

SCHÜLLER: Hier wären viele durchaus brennende praktische Themen zu nennen. Nehmen Sie beispielsweise die Taufpastoral: 1970 gab es einen rechtsverbindlichen Text zur Taufpastoral vor allem im Hinblick auf die Eltern, die nicht mehr dazu bereit waren, die Kinder im christlichen Glauben zu erziehen. Seit damals hat sich die Situation eher noch verschärft; es gibt viele Eltern, die aus der Kirche ausgetreten sind und doch die Taufe ihrer Kinder wünschen. Da wäre es wirklich lohnend, auch über neue rechtliche Regelungen für die Sakramentenpastoral zu sprechen und sich in einem Land wie der Bundesrepublik auf einer Synode gemeinsam zu verständigen, wie vorgegangen werden sollte, wie etwa die rechtlichen Mindestanforderungen für die Taufe aussehen müssten. Da das nicht geschieht, erleben wir in den Pfarreien ein wildes Durcheinander, das dem Rechtsempfinden der Menschen widerspricht. In einem solchen Fall kann nicht eine Bischofskonferenz mit ihrem Apparat alleine handeln, sondern es müssten sich die Erfahrungen des ganzen Volkes Gottes rechtlich Gehör verschaffen; ein Konsens müss te von unten wachsen.

HK: Wie könnte auf diesem Hintergrund denn ein spezifisch katholisches Modell von Synodalität aussehen, das sich im Rahmen des dogmatisch Möglichen halten würde und auch praktikabel wäre?

SCHÜLLER: Man müsste auf die Phasen der kirchlichen Rechtsgeschichte zurückgreifen, in denen Laien mitentscheiden durften, etwa bei so elementaren Rechtsakten wie bei der Bestellung von Bischöfen. Es gab ja durchaus Zeiten, in denen auch Laien an der Bischofswahl beteiligt waren, und obwohl es auch damals zu Fehlentwicklungen kam, hat diese Praxis der Kirche nicht geschadet. In solchen Fragen bestünde auch heute Spielraum, wobei natürlich klar ist, dass es nach katholischem Verständnis ohne die Bischöfe nicht geht. Das ist ja auch die Position des Zweiten Vatikanums: Das Letztentscheidungsrecht, die Kompetenz zur Unterscheidung der Geister, müsste bei den Bischöfen liegen. Auf dieser Grundlage könnte man sich Gremien vorstellen, die in ihrer Struktur zwischen evangelischen Synoden und dem anglikanischen Synodenmodell mit seinen drei "Häusern" für Bischöfe, Priester und Laien liegen würden. Schon darüber zu diskutieren, ist in der katholischen Kirche derzeit allerdings fast wagemutig.

HK: Aber an dieser Diskussion führt doch kein Weg vorbei ...

SCHÜLLER: Sie ist höchst notwendig. Entscheidungen in der Kirche gewinnen ihre Plausibilität doch dadurch, dass vorher Leute befragt und eingebunden wurden. Alleingänge unter Berufung auf die formale Autorität des Bischofs greifen heute nicht mehr, weil die Menschen, die uns in den Pfarreien noch begegnen, durch und durch demokratisch sozialisiert sind. Nochmals: Das heißt nicht, die katholische Kirche müsste demokratische Verfahren eins zu eins übernehmen. Aber es müssten demokratischere Entscheidungsprozesse implementiert werden; nur so lässt sich die für das Recht so wichtige Rezeption erreichen. Was nützen durch formale Autorität abgesicherte Normen, wenn sie faktisch nicht beachtet werden und so auch keine Wirkung entfalten? Die Gräben zwischen kirchenrechtlichem oder auch dogmatisch-lehrmäßigem Anspruch und dem, was getan und geglaubt wird, sind in den letzten Jahrzehnten so groß geworden, dass sie kaum mehr zu überbrücken sind.


"Recht muss als Recht bestimmte Mindeststandards erfüllen"

HK: Läuft die Kirche auf diese Weise nicht zusehends in eine Sackgasse, wie sich gerade auch bei den Problemfällen eucharistische Gastfreundschaft und wiederverheiratete Geschiedene zeigt?

SCHÜLLER: Das macht die Lage des Kirchenrechts, aber auch die der katholischen Kirche insgesamt derzeit so dramatisch. Auf der einen Seite wird in solchen und anderen Punkten immer mehr als normativ gültig eingeschärft; gleichzeitig ist festzustellen, dass in der konkreten Pastoral vor Ort oft anders gehandelt wird. Dadurch wird die Kirche nicht glaubwürdiger.

HK: Im Zusammenhang mit der Aufdeckung von Missbrauchfällen in den letzten Monaten hat die Öffentlichkeit durchweg mit Unverständnis auf die Tatsache reagiert, dass die Kirche eine eigenständige Rechtsordnung hat. Man hat ihr unterstellt, sie koche damit sozusagen ihr eigenes Süppchen und entziehe sich dem staatlichen Recht. Ist das nicht auch eine Frage der Glaubwürdigkeit?

SCHÜLLER: Es ist eine urkatholische Position, dass der Kirche in ihrer Stiftung durch Jesus Christus alles mitgegeben wurde, was sie für ihr Leben braucht und damit auch das Recht, für bestimmte Bereiche eigene Normen zu setzten, unabhängig vom staatlichen Recht. Beim Thema sexueller Missbrauch betraf das vor allem das eigene Strafrecht, das allerdings zu den schwächeren Teilen des CIC gehört, oder auch das Klerikerrecht. Das Problem war, dass man zu wenig beachtet hat, dass die entsprechenden Täter gleichzeitig Staatsbürger sind und für sie deshalb natürlich auch die staatlichen Gesetze gelten. Man müsste nur die Verknüpfung zwischen den beiden Rechtskreisen besser gestalten. Das wäre durchaus möglich gewesen; aber man hat sich nicht an das eigene Recht gehalten. Wir erleben überhaupt nicht selten gravierende Defizite bei der Beachtung und Anwendung der kirchenrechtlichen Normen auch durch Entscheidungsträger.


"Pastoral bewegende Dinge müssten rahmenrechtlich geklärt werden"

HK: Leidet nicht die Brauchbarkeit und Anwendbarkeit des geltenden kirchlichen Rechts auch unter seiner pastoralen Schlagseite? Der CIC von 1983 enthält viele Canones, die ausgesprochen theologisch-pastoral daherkommen, gut gemeinte Aufforderungen oder Ermahnungen erhalten. Ist das der Sinn eines Gesetzbuchs?

SCHÜLLER: Es ist nichts dagegen einzuwenden, dass der Kodex etwa im Buch über den Heiligungsdienst der Kirche zu den einzelnen Sakramenten jeweils auch theologische Definitionen enthält. Aber es ist insgesamt eine Schwäche des CIC von 1983, dass er an vielen Stellen zu wenig präzise ist, dass seine Rechtssprache uneinheitlich ist, es beispielsweise an Legaldefinitionen mangelt. Auch in dieser Hinsicht ist übrigens im CCEO manches besser geworden. Das Bemühen, dem kirchlichen Rechtsbuch einen pastoralen Touch zu geben, ist zwar anerkennenswert. Aber Recht muss Recht bleiben und es muss als solches bestimmte Mindeststandards erfüllen. Dieses Problem erschwert oft das Gespräch mit den weltlichen Rechtswissenschaftlern, die uns zu verstehen geben, wir sollten doch erst einmal klären, was wir mit bestimmten Rechtsbegriffen meinen. Der CIC von 1917, der sicher in vieler Hinsicht zu kritisieren ist, war übrigens präziser, was sich gerade im kirchlichen Strafrecht beim Thema sexueller Missbrauch zeigen lässt. Der alte Kodex nannte die Dinge anders als der von 1983 beim Namen.

HK: Die jetzt aufgedeckten Missbrauchsfälle haben den Blick verschärft auf die kirchlichen Amtsträger gelenkt, die derzeit ohnehin eine zentrale Rolle bei allen Überlegungen zur Neugestaltung der pastoralen Räume und damit zur Zukunft der Pastoral spielen. Inwieweit könnte das kirchliche Recht an dieser Stelle zur Problemlösung hilfreich sein?

SCHÜLLER: Das Thema Amt ist ein Kernproblem des Gesprächs zwischen Kirchenrecht und Dogmatischer Theologie. Das zeigt sich schon daran, dass der Begriff "officium" im kirchlichen Gesetzbuch wesentlich weiter ist als der dogmatische Amtsbegriff. Nach can. 145 ist jeder Dienst ein Kirchenamt, der durch göttliche oder kirchliche Anordnung auf Dauer eingerichtet ist und der Wahrnehmung eines geistlichen Zweckes dient. Damit sind beispielsweise alle pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kirchenrechtlich gesehen unbestreitbar Amtsträgerinnen und Amtsträger. Dieser Begriff des Amtes, der positiv die Tradition aufgreift, ist nach wie vor gültig, während in der offiziellen Lehre durch Entscheidungen wie "Ordinatio sacerdotalis" eine sehr starke christomonistische Verengung stattgefunden hat, übrigens auf Kosten des pneumatologischen Aspekts im Amtsverständnis. Diese Verengung dürfte sich nicht nur innerkatholisch, sondern auch im ökumenischen Gespräch nicht zuletzt mit der Orthodoxie als problematisch erweisen.

HK: Wie kann und soll sich das Kirchenrecht denn heute in der Kirche positionieren, sozusagen eingeklemmt zwischen den Polen der pastoralen Praxis einerseits und der lehramtlich-theologischen Vorgaben andererseits? Fühlen sich die Kanonisten genügend ernst genommen?

SCHÜLLER: Das Kirchenrecht wird durchaus ernst genommen. Die Crux liegt allerdings bei der Vermittlung: Man muss den Studierenden, aber auch den Rechtsanwendern, die um Rat fragen, deutlich machen, dass vieles, was im kirchlichen Recht normiert ist, auf seinem theologischen Hintergrund reflektiert werden muss. Gleichzeitig muss klar sein, dass im Recht das, was theologisch erkannt und lehramtlich fixiert wird, nur in eine verbindliche Form gegossen wird. Zwischen diesen Größen gibt es nicht immer Deckungsgleichheiten. Eines der typischen Vorurteile, die dem Kirchenrechtler immer wieder begegnen, lautet: Gäbe es nicht das Recht, könnte man in der Lehre oder der Pastoral wesentlich freier vorgehen. Aber gemäß dem klassischen Grundsatz, wonach das Recht dem Leben folgt, kann das Kirchenrecht nur das in verbindliche Formen bringen, was zuvor möglichst partizipativ geklärt worden ist.

HK: Worauf käme es dann heute im Umgang mit dem Kirchenrecht auf den verschiedenen kirchlichen Ebenen vor allem an?

SCHÜLLER: Das Gebot der Stunde wäre, viele auch pastoral bewegende Dinge rahmenrechtlich zu klären, aber genügend Gestaltungsfreiraum zu geben, um situationsgerecht richtig zu entscheiden. Derzeit erlebt man aber in der Rezeption des Rechts zweierlei: Auf der einen Seite gibt es diejenigen, die in der Pastoral im Sicherheitsdenken verharren, nur nach der Norm fragen und dann diese durchzusetzen versuchen. Auf der anderen Seite gibt es diejenigen, die sagen: Das Kirchenrecht interessiert uns nicht; wir entscheiden nach unserem eigenen Ermessen. Beides ist letztlich nicht zielführend. Deshalb bin ich froh darüber, dass zumindest hier in Münster bei den Studierenden starkes Interesse am Kirchenrecht besteht. Beim Abfragen der beliebtesten beziehungsweise unbeliebtesten theologischen Fächer rangierte das Kirchenrecht jahrzehntelang ganz unten. Das hat sich inzwischen erfreulicherweise geändert.


"Es bräuchte die Bereitschaft, nicht mehr anwendbares Recht ad acta zu legen"

HK: Und was interessiert den theologischen Nachwuchs vor allem am kirchlichen Recht?

SCHÜLLER: Die Motivation ist unterschiedlich. Eine bestimmte Klientel von Studierenden glaubt, das Heil liege im Kirchenrecht, was natürlich ein Irrglaube ist. Andere haben realisiert, dass die schönsten theologischen Erkenntnisse und pastoralen Programme nicht viel nützen, wenn es keine Verbindlichkeit für den Bereich einer Diözese oder auch für die Weltkirche gibt, die wiederum nur über das Recht geschaffen werden kann. Allgemein gilt: Das Kirchenrecht wird immer gefährlich in der Hand vom Skrupulanten oder von Freigeistern. Es muss vielmehr mit Augenmaß betrieben werden.

HK: Deswegen wird es aber noch nicht zum Reformmotor in der heutigen katholischen Kirche ...

SCHÜLLER: Das wäre eine Überforderung des Faches. Wenn allerdings erkannt wird, dass eine rechtliche Norm nicht mehr ihren Zweck erfüllt, sollte man den Mut haben, sie zu ändern. Hier fehlt der Kirche die im staatlichen Recht gegebene Möglichkeit, schnell zu reagieren, wenn dies die Verhältnisse erfordern. Außerdem muss Recht, das seinen Namen verdient, auch einklagbar sein: In der katholischen Kirche gibt es aber leider keine eigene Verwaltungsgerichtsbarkeit. Bis zum letzten Entwurf des CIC waren entsprechende Regelungen vorgesehen, sie finden sich aber nicht mehr im endgültigen Text. Dabei ist der größte Teil des rechtlich relevanten Handelns in der Kirche Verwaltungshandeln. Hier haben wir es mit einem erheblichen Defizit des kirchlichen Rechts zu tun.

HK: Wie schätzen Sie die Möglichkeiten eines ökumenischen Dialogs in Bezug auf die rechtliche Dimension von Kirche ein? Könnte und sollte es einen produktiven, für alle Seiten fruchtbaren Austausch zwischen evangelischem, orthodoxem und katholischem Kirchenrecht geben? Oder sind die Unterschiede dafür einfach zu groß?

SCHÜLLER: Der Dialog ist an diesem Punkt ausgesprochen schwierig. Die evangelischen Kirchen haben ja nur sehr begrenzt ein eigenes Recht, etwa in liturgischen Dingen; sie übernehmen in vielen Bereichen staatliches Recht eins zu eins. Eine Stärke des evangelischen Kirchenrechts, von der die katholische Kirche unter Umständen lernen könnte, ist vielleicht der situativere Umgang mit rechtlichen Normen.

HK: Und wie steht es mit der Orthodoxie?

SCHÜLLER: In der Orthodoxie ist man in einer gewissen Starre auf die altehrwürdigen Kanones der anerkannten Konzilien fixiert, kennt aber das Prinzip der Oikonomia: Grundsätzlich bleibt das, was einmal festgelegt wurde, bestehen; aber im Blick auf das Heil der Seelen kann der Bischof die göttliche Barmherzigkeit nachahmen und eine situationsbezogene Lösung etwa für den Umgang mit den wiederverheirateten Geschiedenen finden. Hier könnten wir uns im Dialog durchaus gegenseitig bereichern: Die orthodoxe Seite müsste sich fragen lassen, was das Insistieren auf uralten Normen faktisch noch bedeutet, wenn in der Pastoral ständig Ausnahmen zugelassen werden. Die katholische Seite wiederum könnte sich fragen, wie kirchenrechtliche Instrumente aussehen müssten, mit denen wir flexibler auf die Lebenssituationen von Menschen reagieren könnten, ohne die Grundpositionen aufzugeben. Aber letztlich kann auch in ökumenischer Hinsicht das Kirchenrecht nicht unabhängig von den Lehrfragen und den Bemühungen um deren Klärung betrachtet werden.

HK: Welche Rolle würden Sie sich für das kirchliche Recht auf dem weiteren Weg der katholischen Kirche wünschen, die in ihrer Verbindung von Einheitlichkeit und Vielfalt ein Unikum innerhalb der weltweiten Christenheit darstellt?

SCHÜLLER: Ich würde mir wünschen und hoffen, dass schon bei der Genese von künftigem Recht der Glaubenssinn des Gottesvolkes in der Formulierung der Texte einen stärkeren Niederschlag findet, durch eine Aufwertung partizipativer Elemente, die man synodal nennen kann oder kollegial auf der amtlichen Ebene. Ich wünsche mir eine stärkere Regionalisierung und Inkulturation des kirchlichen Rechts. Nur das sollte weltkirchlich geregelt werden, was für den Gesamtzusammenhang notwendig ist; gleichzeitig sollte man mehr auf den auch rechtlichen Bedarf vor Ort schauen. Von den Diözesanbischöfen erhoffe ich mir größeren Freimut bei der Wahrnehmung ihrer Kompetenzen. Es bräuchte die Bereitschaft, nicht mehr anwendbares Recht ad acta zu legen und zu neuen, kreativen Lösungen in den diversen Konfliktbereichen, aber auch bei unspektakulären Dingen zu kommen. Das faktische Schisma zwischen vielem, was rechtlich vorgeschrieben ist, und dem Verhalten vieler Gläubigen ist auf die Dauer schädlich.


Thomas Schüller (geb. 1961), Dr. theol., Lic.iur.can., ist seit 2009 Professor für Kirchenrecht an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und Direktor des Instituts für Kanonisches Recht. Von 1993 bis 2009 war er Leiter der Stabsstelle Kirchliches Recht im Bischöflichen Ordinariat Limburg.


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Quelle:
Herder Korrespondenz - Monatshefte für Gesellschaft und Religion,
64. Jahrgang, Heft 7, Juli 2010, S. 339-343
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veröffentlicht im Schattenblick zum 26. August 2010