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STANDPUNKT/322: Bibelwissenschaftler verteidigen den Papst (idw)


Universität Bayreuth - 16.02.2009

Bibelwissenschaftler verteidigen den Papst und fordern Wiederaufnahme exkommunizierter Priesterinnen


Bayreuth (UBT). Ein auf Initiative des ehemaligen Bayreuther und nun Bamberger Bibeltheologen Prof. Dr. Joachim Kügler gegründetes "Internationales Netzwerk kritischer ExegetInnen" (INKE) hat sich jetzt bei einem ersten Treffen in Bayreuth mit dem Skandal um den Schoah-Leugner Williamson und die Wiederaufnahme der Traditionalistengruppe, der so genannten "Pius-Bruderschaft", durch Benedikt XVI befaßt. In einer öffentlichen Stellungnahme verteidigten die Bibelwissenschaftler das Vorgehen des Papstes als Geste christlicher Barmherzigkeit und schlug als nächsten Schritt die Wiederaufnahme der sieben Priesterinnen vor, die 2002 exkommuniziert wurden.

Zum Ende seiner Lehrtätigkeit an der Universität Bayreuth lud Prof. Dr. Kügler eine beachtliche Schar von BibeltheologInnen aus Deutschland, der Schweiz und mehreren afrikanischen Ländern nach Bayreuth ein. Ziel war es, kritische BibelwissenschaftlerInnen aus unterschiedlichen christlichen Konfessionen und möglichst vielen Ländern miteinander zu vernetzen. Dabei ging es nicht nur um Synergie-Effekte bei der wissenschaftlichen Forschung, sondern auch um die kritische Beobachtung der kirchenpolitischen Vorgange in den einzelnen christlichen Kirchen. Nach längerer Diskussion entschieden sich die Teilnehmer des Treffens, ein "Internationales Netzwerk kritischer Exegetinnen" zu gründen.

"Man wird kirchenpolitische Stellungnahmen in einer losen organisatorischen Struktur, vor allem via Internet, erarbeiten, um möglichst zeitnah auf aktuelle Entwicklungen in den Kirchen reagieren zu können", sagte Kügler bei der Sitzung. Die wissenschaftliche Zielsetzung des Netzwerks richte sich darauf, einen Austausch zwischen der Vergangenheitskompetenz europäischer Bibelwissenschaft und der Gegenwartskompetenz afrikanischer Exegese zu organisieren. Professor Kügler: "Die Arbeitsformen reichen hier über die gemeinsame Teilnahme an von dritter Seite organisierten Symposien über die Veranstaltung eigener Kongresse bis hin zu gemeinsamen Publikationsprojekten." Außerdem wurde festgelegt, die Namen der Mitglieder von INKE vertraulich zu behandeln, um Repressionen von kirchlicher Seite oder von staatlichen Stellen, vor allem in afrikanischen Diktaturen, zu vermeiden. Als Sprecher, der INKE nach außen vertritt, soll Professor Joachim Kügler fungieren. Er war von 1999 bis 2008 Professor für biblische Theologie an der Universität Bayreuth. Seit dem Oktober.2008 ist er Professor für Neutestamentliche Wissenschaften an der Universität Bamberg. Er ist jedoch weiterhin Mitglied der Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Uni Bayreuth und arbeitet weiterhin im Bayreuther Afrika-Institut (IAS) und im Internationalen Promotionsprogramm "Kulturbegegnungen" der Uni Bayreuth mit.

In der ersten Stellungnahme von INKE befasst sich Kügler mit den skandalträchtigen Vorgängen um den Holocaust-Leugner und Traditionalisten-Bischof Williamson. INKE verteidigt Papst Benedikt XVI., der Williamson und drei weitere Bischöfe der "Pius-Bruderschaft" von der Exkommunikation entbunden und wieder in die Katholische Kirche aufgenommen hat. Laut INKE ist darin ein mutiges Beispiel christlicher Vergebungsbereitschaft zu sehen, das dem Vorbild des historischen Jesus entspricht. "Jesus hat auch nicht gewartet, bis die Aussätzigen rein wurden, sondern er hat sie als Aussätzige berührt und ihnen dadurch geholfen, rein zu werden. Er hat mit Zöllnern, Prostituierten und anderen Sündern gegessen, bevor sie umgekehrt sind. Jesus hat diesen Menschen die Gemeinschaft der göttlichen Liebe geschenkt, damit sie umkehren konnten, nicht weil sie schon umgekehrt wären", so Joachim Kügler. Das Netzwerk betonte, dass gerade die bedingungslose Wiederaufnahme ein einmaliger Vorgang in 2000 Jahren Kirchengeschichte sei.

Bisher seien an Exkommunizierte immer Bedingungen gestellt worden, bevor man den Ausschluss aus der kirchlichen Gemeinschaft aufhob. So hatte der letzte Papst Johannes Paul II. von der Pius-Bruderschaft stets die Anerkennung des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-65) gefordert. Gerade die Reformbeschlüsse dieses Konzils waren aber den Traditionalisten ein Dorn im Auge. Besonders das Bekenntnis der Kirche zu Menschenrechten, Demokratie, Gleichberechtigung der Frauen und Religionsfreiheit lehnen sie bis heute entschieden ab. Ein großer Teil dieser Gruppe will auch die judenfeindliche Tradition der Kirche nicht aufgeben.

"Es ist entsetzlich, dass Benedikt XVI. durch seinen mutigen Schritt selbst in den Verdacht der Judenfeindlichkeit geraten ist. Der Papst ist aber sicher kein Antisemit, auch wenn er Judenbekehrung weiterhin für denkbar hält, was keine große Sensibilität gegenüber den jüdischen Schwestern und Brüdern zeigt", so INKE. Die bedingungslose Wiederaufnahme der Traditionalisten sei aber ein leuchtendes Beispiel christlicher Vergebungsbereitschaft und müsse entsprechend gewürdigt werden.

"Die Kirche kann und darf überhaupt niemanden mehr exkommunizieren", so Kügler. "Wir treten für eine generelle Abschaffung dieser Kirchenstrafe ein." Der nächste Schritt des Papstes müsse die radikale Aufarbeitung der entsprechenden Altlasten seines Vorgängers sein. INKE hofft auf die Versöhnung Roms mit den ausgegrenzten Befreiungstheologen wie Leonardo Boff, mit Eugen Drewermann, Hans Küng und ihrem Kollegen Hasenhüttl.

Das INKE erwartet auch die bedingungslose Wiederaufnahme der sieben Priesterinnen der internationalen Organisation "Römisch-katholische Priesterinnen" (RCWP), die am 29. Juni 2002 auf einem Donauschiff geweiht und kurze Zeit später exkommuniziert wurden. Die römische Glaubenskongregation (damals unter der Leitung von Kardinal Ratzinger) verwarnte die sieben Frauen zunächst (http://www.kna.de/doku_aktuell/vat_priesterinnen.html) und schloss sie dann von der Kirche aus (http://www.kna.de/doku_aktuell/vat_priesterinnen2.html). Es werde nun Zeit, sie in die Kirche zurückzuholen.

Abschließend wies Prof. Kügler noch darauf hin, dass alle, die die Arbeit von INKE unterstützen oder Mitglied des Netzwerks werden wollen, sich an seinen Lehrstuhl wenden sollen (e-mail: nt@uni-bamberg.de). Steuerabzugsfähige Spenden zur Unterstützung derwissenschaftlichen Arbeit von INKE sind über die Uni-Vereine in Bayreuth und Bamberg möglich.

Kontaktdaten zum Absender der Pressemitteilung unter:
http://idw-online.de/pages/de/institution4


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Quelle:
Informationsdienst Wissenschaft e. V. - idw - Pressemitteilung
Universität Bayreuth, Jürgen Abel M. A., 16.02.2009
WWW: http://idw-online.de
E-Mail: service@idw-online.de


veröffentlicht im Schattenblick zum 18. Februar 2009