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BERICHT/100: "Französische Sozialwochen" - Religion in der Gesellschaft (Herder Korrespondenz)


Herder Korrespondenz
Monatshefte für Gesellschaft und Religion 1/2009

Sind Religionen gefährlich?
"Französische Sozialwochen" über die Stellung der Religion in der Gesellschaft

Von Klaus Nientiedt


Die Beziehungen zwischen Staat und Religionen in Frankreich sind in Bewegung geraten. Auf ihrer jüngsten Jahrestagung befassten sich die französischen Sozialwochen mit der Frage: Sind die Religionen eine Gefahr oder eine Chance für unsere Gesellschaften?


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Frankreich befindet sich mitten in einer weitreichenden Selbstreflexion was die Beziehungen zwischen Staat und Kirche, Gesellschaft und Religion angeht. Viele Selbstverständlichkeiten von gestern stimmen heute nicht mehr. Manche traditionelle Opposition hat sich aufgelöst. Neue Akteure sind auf den Plan getreten. Neue Themen stellen den Status quo in Frage. Wobei es gar nicht so einfach ist zu sagen, wo genau man in diesem Prozess steht und was bisher erreicht wurde.

Am deutlichsten trat die Situation in den letzten Monaten durch Äußerungen von Staatspräsident Nicolas Sarkozy zutage, auch im Zusammenhang mit dem Besuch von Benedikt XVI. in Paris (vgl. HK, Oktober 2008, 493ff.). In seiner Lateranrede vom 20. Dezember 2007 hob Sarkozy die Bedeutung des geistlichen, kulturellen und intellektuellen Beitrags der katholischen Kirche zur Geschichte Frankreichs hervor und erinnerte daran, wie tief das Christentum eingeschrieben sei in die Kultur des Landes (vgl. HK, Februar 2008, 76). In einer Rede in der saudi-arabischen Hauptstadt Riad am 14. Januar 2008 erklärte er, jeder Einwohner solle sich in Frankreich wohlfühlen, ob Jude, Katholik, Protestant, Muslim, Atheist, Freimaurer oder Rationalist. Sarkozy bejahte die Pluralität der Religionen und Kulturen und sprach sich für einen "offenen Islam" aus, der an jene Zeit erinnere, in der er ein Symbol für Offenheit des Geistes und der Toleranz gewesen sei.

Was außerhalb Frankreichs eher wie selbstverständlich klingen mag, ist dies in diesem laizistisch geprägten Land keineswegs. Manche wollen darin bereits eine Infragestellung der für Frankreich grundlegenden "Laizität" sehen - die Hinzufügung des Adjektivs "offen" oder "positiv" zu diesem Schlüsselwort republikanischen Selbstverständnisses halten sie für überflüssig, weil die Laizität dies immer schon sei - andere meinen, in diesen Tendenzen in der politischen Führung eine Art "Neoklerikalismus" ausmachen zu können. Besonders deutlich war die Kritik an dem Satz Sarkozys, ein Lehrer könne niemals den Pfarrer oder Priester ersetzen , ihm fehle die "Radikalität des Opfers seines Lebens" und das "Charisma eines von der Hoffnung getragenen Engagements".

Wie komplex sich die Diskussion in Frankreich darstellt, lässt sich anschaulich an der Position des Religionssoziologen und Protestantismus-Fachmanns Jean-Paul Willaime ablesen. Einerseits gehört Willaime zu denen, die Sarkozy gegen Kritik in Schutz nehmen. Sarkozy markiere mit seiner Haltung lediglich den Übergang von einer "Neutralität des Argwohns" zu einer "Neutralität des Vertrauens", von einer eher negativen zu einer positiven Neutralität: "Ohne Zweifel bedeutet dies einen relativen Bruch mit seinen Vorgängern (viele von ihnen dachten ähnlich, sagten es aber nicht offiziell)."

Gegen Sarkozy wendet Willaime jedoch ein, der Präsident scheine vergessen zu haben, dass der Ersatz des Priesters durch den Lehrer eine Errungenschaft der schulischen Laizität sei und Priester und Lehrer heute nicht in Konkurrenz zueinander stünden, sondern ihre Aufgaben komplementär zu verstehen seien. Auch wendet er sich gegen den Begriff der "laicité positive" (in: "Le retour du religieux dans la sphère publique", Paris 2008, 80f.)

Vor dem Hintergrund dieser für Staat wie Religionen in Frankreich bedeutsamen Debatte luden die "Semaines sociales de France", die französischen Sozialwochen, eine katholische Laienbewegung, zu ihrer jährlich im Herbst stattfindenden Tagung ein, 2OO8 ins "Centre des Congrès" der Rhône-Metropole und Bischofsstadt Lyon. Sie trafen ziemlich genau die aktuelle Diskussion, als sie sich entschlossen, den Ort der Religionen in den westlichen Gesellschaften zum Gegenstand der Herbstsession 2008 zu machen.

Es war sicherlich mehr als eine didaktisch gemeinte Provokation zu Beginn der Veranstaltung: Im Eröffnungsvortrag von Danièle Hervieu-Léger dominierte die bedrohliche Perspektive der Rückkehr der Religion(en) auf die Bühne der Öffentlichkeit der westlichen Gesellschaften: integralistische Strömungen, eigentlich schon überholt geglaubte laizistische Leidenschaften, die zum Teil als bedrohlich empfundene Präsenz des Islam, das Erschrecken über einen weltweit aktiven Islamismus, das Auftauchen von "Sekten" und vieles andere mehr.

Die besondere Bedürfnislage, innerhalb der die Religionen gerade heute ihr spezifisches Angebot machen, machte Hervieu-Léger an drei Stichworten fest: Individualisierung, Entkulturisierung, Entutopisierung. Für den individualisierten Menschen hielten die Religionen bedeutende gefühlsmäßige Gratifikationen vor. In einem globalisierten und sozial fragmentierten beziehungsweise atomisierenden Umfeld ermöglichten sie Beheimatung in Gemeinschaften und lieferten Zusammenhang und Kontinuität. In entutopisierten - mit einem Begriff von Marcel Gauchet könnte man auch von "entzauberten" Gesellschaften sprechen - stellten sie nachgefragten Sinn bereit.

Letzteres hinderte Hervieu-Léger nicht daran, vor allem von den Gefahren zu sprechen, die von den Religionen ausgehen. Im Übrigen weigerte die Pariser Soziologin sich, diese Seite von Religion gewissermaßen immer nur für die Religion der anderen anzunehmen - sie wendet sie auf alle an. Sie bestritt ausdrücklich eine letztlich antireligiöse Vorstellung hinter ihrem Ansatz. Außerdem wurde sie nicht müde, den Frieden der Religionen als einen äußerst verletzlichen Frieden anzunehmen.


Die Trennungsgesetze von 1905

Bei Jean-Louis Schlegel, dem Soziologen und Verlagslektor, klang das ausgewogener. Er fragte zurück nach den Trennungsgesetzen von 1905 und kam zu dem Ergebnis: Für das Trennungsgesetz sei Religion für jeden Menschen Gegenstand einer freien Option. Die strikte Neutralität des Gesetzes sei jedoch in der Geschichte vielfach ersetzt worden durch einen Antiklerikalismus und militante antireligiöse Einstellungen. So sehr diese Einstellungen in gewisser Weise auch verständlich gewesen seien, so seien sie doch im Wesentlichen blind in Bezug auf den Glauben beziehungsweise die Zugehörigkeit zu einem religiösen Bekenntnis gewesen.

Das Gesetz von 1905 sei für sich genommen weder antiklerikal noch antireligiös. Dennoch habe es am Beginn einer Entwicklung gestanden, in der die Religion für die französische Gesellschaft eine zunehmend geringere Rolle spielte. Religion - das sollten ausschließlich private Überzeugungen sein. Religion sei nicht als ein universales Bedürfnis verstanden worden, das der Staat als solches anerkennen könnte.

Unter Katholiken habe es eine negative Wahrnehmung der Neutralität des Staates gegeben - umso mehr, als diese Neutralität in Zusammenhang gestanden habe mit einem Kampf um Einflusszonen. Jede Form von religiösem Ausdruck habe man privatisieren wollen, mit anderen Worten: Religion tatsächlich aus dem öffentlichen Raum heraushalten, eine Haltung, die - zumal aus heutiger Sicht - inakzeptabel sei.

In weiten Teilen Europas herrsche dagegen eine andere Haltung der Religion gegenüber. Hier werde das, was in Frankreich "fait religieux" genannt wird, eher positiv geschätzt. Was nicht bedeuten müsse, dass es in diesen Ländern keine Spannungen zwischen Religion und Staat gebe. Diese Spannungen könnten aber auch als durchaus positiv wahrgenommen werden. Sie könnten sogar in dem Maße notwendig sein, wie ein Staat, gerade auch wenn er demokratisch ist, nicht das Monopol in allem habe.

Die in Frankreich gegenwärtig dazu laufende Diskussion - das wurde in Lyon gleich mehrfach deutlich - betrifft nicht nur die Religionen und die Kirchen. Letztlich geht es auch um die Frage, wie und in welchem Umfang der republikanische Staat gewillt ist, die Zivilgesellschaft als ganze zu beteiligen. Schlegel: "Die Republik benötigt jeden. Politische Entscheidungen sollten wir der Politik überlassen. Aber das gesellschaftliche Leben ist die Sache aller. Die Rede, dass die zentrale Rolle des Staates heute durch die Religionen in Gefahr sei, finde ich gegenstandslos. Haben nicht manche nicht gehaltenen Versprechen des Staates einen Teil der bestehenden kommunitaristischen Strömungen zu verantworten? Und lautet die eigentliche Frage nicht: Kann er sie überhaupt alleine halten?"

Wie konnte es kommen, dass heute Religion und Religionen im öffentlichen Raum eine größere Rolle spielen, obwohl es vor Jahrzehnten bereits so ausgesehen hatte, als gehöre dies der Vergangenheit an? Jean-Paul Willaime deutete dieses Phänomen gerade nicht als Ausdruck der Verminderung oder Rücknahme von Säkularisierung, sondern im Gegenteil als deren Radikalisierung. Die Moderne befördere nicht nur Säkularisierung, sie unterliege ihr selbst. "Ultramodernität" ist für Willaime "Entmythologisierung" jener säkularen Ideale, in deren Namen die Moderne selbst an der Säkularisierung der Religion beteiligt war. Bedrohungen und Gefahren durch die Religionen seien nicht zu leugnen, so Willaime, neue Bedürfnisse der Vergemeinschaftung, der Orientierung und der individuellen wie auch der kollektiven Identitätsbildung - und damit Chancen für Religionen - dürften jedoch nicht übersehen werden.


Ist die Laizität bedroht?

Vor dem Hintergrund dieser vielschichtigen Diskussion war es nur konsequent, wenn eine der Arbeitsgruppen des Lyoneser Kongresses fragte: "Ist die Laizität heute bedroht?" und die Antworten waren - typisch für die unübersichtliche Lage in Frankreich - so zahlreich wie die Zahl der Podiumsteilnehmer. Entscheidend erwies sich dabei, was man unter Laizität versteht. Für Didier Leschi, hoher Beamter des Pariser Innenministeriums, ist die Laizität jedenfalls nicht in Gefahr. Das "fait religieux" ("das Religiöse als historisches und kulturelles Faktum") werde anerkannt. In religiöser Hinsicht habe sich eine große Vielfalt herausgebildet, nicht zuletzt durch die Präsenz des Islams. Daher müsse es heute vor allem um die Sicherung der Gewissensfreiheit auch im öffentlichen Raum gehen - gegen alle Versuche, das bestehende Reglement in Frage zu stellen.

"Die Laizität war immer in Gefahr und wird es auch in Zukunft immer sein", so lautete die Antwort von Pierre Tournemire, Vertreter der Lehrergewerkschaft, dem traditionellen Hort eines entschiedenen, nicht selten ausgesprochen antireligiös beziehungsweise antikirchlich auftretenden, zuweilen sich religionsähnlich gebenden Laizismus. "Ja, sie ist bedroht, und zwar durch sich selber", antwortete einer der teilnehmenden Bischöfe, Erzbischof Gérard Defois, Präsident von "Justitia et Pax" Europa und emeritierter Bischof von Lille. Die Gesellschaft komme heute weniger denn je um die Frage herum, auf welcher Basis sie denn selbst stehe.

Der muslimische Polizeiimmam Mohamed Ali Bouhard mochte die Frage, ob die Laizität bedroht sei, nicht. Die Verhältnisse hätten sich seit 1905 verändert - die Dinge seien in Bewegung geraten. Man habe es mit neuen Generationen zu tun. Religion - auch die islamische - sei heute ein Element der Stärkung der Grundlagen der Republik, sie leiste ihren Beitrag zu den großen Debatten der Gesellschaft.

Der Religionssoziologe Olivier Bobineau wiederum sieht weniger die Laizität in Gefahr als vielmehr den "Geist der Laizität". So wie der sozialistische und vermittelnd auftretende Politiker Aristide Briand (1862-1932) die Staat-Kirche-Trennung von 1905 verstanden habe, so Bobineau, gehe es nicht darum, den Glauben zur Privatsache zu erklären beziehungsweise das geistliche Bekenntnis von Personen in den Raum des "forum internums" zu verbannen. Ganz im Gegenteil, es sei darum gegangen, den Glauben auf eine brüderliche Weise ausüben und teilen zu können, um den "ordre publique" (öffentliche Ordnung) sei es gegangen.

Der "ordre publique" ist heute in dieser Hinsicht auch wieder berührt. Seit Jahren wird das gesellschaftliche Handeln von Christen und der Kirchen von solchen Gruppen problematisiert, die eine laizistische Linie im Ungang mit der Religion bevorzugen. Bobineau: "Sobald eine geistliche Gemeinschaft oder Gruppe sich im öffentlichen Raum äußert oder versammelt, hebt eine von bestimmten Medien angezettelte Empörung an. Die Franzosen beargwöhnen jeden gemeinschaftlichen und religiösen Ausdruck; dies, obwohl die religiösen und geistlichen Identitäten für viele Mitbürger bei der Suche nach Sinn wesentliche Bezugspunkte darstellen, und außerdem, obwohl der Staat von sich aus nicht sagen kann, worin 'das Gute' besteht, und im Namen seiner 'Laizität' im moralischen Sinne 'nackt' ist und es den Individuen überlässt, sich in einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft eine Meinung auf dem Gebiet der Werte zu machen (Marcel Gauchet)."

Die Frage nach der angemessenen Form der Laizität stellt aber nicht nur Anforderungen an den Staat und seine Organe, sondern auch an die Kirchen beziehungsweise Religionsgemeinschaften selbst. Die Pastorin der "Eglise Réformée de France", Agnes von Kirchbach, empfahl den Kirchen in dem Zusammenhang ein verändertes, das heißt vor allem selbstkritischeres Verhältnis zu den eigenen Schattenseiten: "Jede Religion muss das Böse in Rechnung stellen, das von ihr ausgegangen ist und einen kritischen Blick auf sich selbst wagen um sich zu verändern." Die Arbeit an der eigenen Unvollkommenheit durch die Sorge um den anderen und sein Wohlbefinden eröffne eine Piste in Richtung Humanität. Ausgangspunkt des nötigen Dialogs müsse die eigene Demut sein.

Typisch für die französische Diskussion ist es, dass nur schon das positive öffentliche Auftreten in einem laizistisch geprägten Klima ein Thema ist. Umso wichtiger ist es, positiv dafür zu werben, dass die soziale, objektive und kollektive Dimension von Kirche wesentlich zum Christentum dazugehört. Von Kirchbach: "Respekt und Toleranz sind sicherlich die entscheidenden Konzepte, um in einer pluralistischen Gesellschaft seinen Ort einzunehmen. Aber die Versuchung, die Religionen in die Privatsphäre der Individuen zu verbannen, ist sehr groß. Keine Religion versteht sich aber einzig und allein von ihrer individuellen Seite her; die kollektive, soziale und kulturelle Dimension von Religion ist für ihre Ausdrucksmöglichkeiten unverzichtbar".


Das Spiel der öffentlichen Vernunft mitspielen

Der Jesuit und ehemalige Chefredakteur der Monatszeitschrift "Etudes", Paul Valadier, machte den Kirchen Mut, sich in die Gesellschaft aktiv diskursiv einzubringen - gewissermaßen als Dienst an der französischen Gesellschaft. Die Kirche solle das Spiel der öffentlichen Vernunft mitspielen - und weniger das der Konfrontation und des Richtens. Valadier lobte in dem Zusammenhang die französischen Bischöfe für ihre kritische Haltung zu dem, was gegenwärtig zwischen Staat und Kirche in Italien und Spanien vor sich gehe. Der demokratische Dialog sei immer auch mit denen zu führen, die anders denken.

Eine theologische Lektüre der für die moderne Gesellschaft typischen Pluralität unternahm der Prior der Gemeinschaft von Bose (Italien), Enzo Bianchi. Ausgehend vom Zweiten Vatikanischen Konzil wies er der Kirche als zentrale Aufgabe einen Weg in den Dialog. Außerdem empfahl er, den Pluralismus geradezu als Ort des Glaubens zu entdecken. Bereits das Zeugnis der vier Evangelien sei ein Zeugnis im Plural. Das Evangelium lasse sich nicht auf eine bestimmte kulturelle Form reduzieren. Es müsse in einer Sprache der Verständigung verkündet werden. Gespräch und Hören müssten als geistliche Prozesse entdeckt werden.

Theologisch wird die Präsenz der Kirche in der modernen Öffentlichkeit in Frankreich ansonsten vorwiegend unter dem Stichwort der "visibilité" (Sichtbarkeit) diskutiert - ein Thema, das angesichts der Frage nach dem angemessenen Ort der Kirche in der pluralen Gesellschaft an Bedeutung gewinnt. Erst im November 2008 stand dies Thema auf der Tagesordnung der Herbstvollversammlung der Französischen Bischofskonferenz. Vergleichbar seinem Bericht von 1994 "Proposition de la foi dans la société actuelle" und des daraus entstandenen "Briefes an die französischen Katholiken" hat der Bischof von Angoulème, Claude Dagens, die Aufgabe übernommen, eine Reflexion über die "visibilité" der Kirche anzustellen.

Bei jeder Religion stellt sich dieses Thema auf andere Weise. Die jüdische Soziologin Régine Azria zeigte in Lyon, wie sehr das Judentum in seiner Geschichte immer wieder einen entgegengesetzten Weg gegangen sei: in einem Leben in der Diaspora, in einer Existenz mit Minderheitenstatus, in der Stellung als "outsider", als "paria", als Kosmopoliten und ohne ein Vaterland im klassischen Sinne. Als untrennbar von der "condition juive" skizzierte sie das Fehlen von Erfolg, mithin Unsicherheit und Ungewissheit.

Gerade die Präsenz des Islam führt gegenwärtig dazu, verstärkt nach möglichen Gefahren der Religionen zu fragen - in Frankreich kaum anders als in anderen Teilen Europas: Inwieweit gehört Gewalt in der einen oder anderen Form zum Wesen des Islam? Wird der Islam eines Tages in der Lage sein, nicht als Bedrohung der öffentlichen Ordnung in Europa aufzutreten beziehungsweise wahrgenommen zu werden? Der algerische Islamwissenschaftler und ehemalige Bildungsminister beziehungsweise Botschafter Mustapha Chérif - Unterzeichner der Erklärung der 138 muslimischen Intellektuellen und Teilnehmer an den jüngsten muslimisch-katholischen Gesprächen im Vatikan (vgl. HK, Dezember 2008, 605ff.) - überbrachte in Lyon die Botschaft, dass ein liberaler Islam möglich sei.


Die Religion kommt in den Medien schlecht weg

Kaum ein Thema kennzeichnet seit geraumer Zeit die Stellung der Religion in der französischen Gesellschaft so wie der Umgang, den gerade die Medien mit ihr pflegen und damit bei Gläubigen zum Teil auf erhebliche Widerstände stoßen und Widerspruch auslösen. Die Säkularisierung hat man als unumkehrbar angenommen; gewöhnt hat man sich auch daran, dass Religion vielen zur Privatsache geworden ist, weniger aber an die ironisierende bis herablassende Art, mit der nicht wenige Medien über Glaube und Religion - so jedenfalls die Wahrnehmung vieler Gläubigen - zu Felde ziehen.

Es ist daher auch nicht überraschend, wenn die Lyoneser Semaines Sociales in ihrer Schlusserklärung in dieser Hinsicht eine Forderung an die Medien formulieren: Die Medien seien "oftmals versucht, religiöse Überzeugungen als altmodisch zu belächeln und gering zu schätzen, indem sie sie als archaisch und moralistisch hinstellen." Stattdessen sollten sie über den Stellenwert informieren, den die Religion in der immer säkularisierteren Gesellschaft besitze.

In der Optik einer laizistisch geprägten Öffentlichkeit wird Religion schnell in Verbindung gebracht mit kommunautaristischen, sich ausgrenzenden Tendenzen. Vor diesem Hintergrund ist zu verstehen, wenn die Semaines Sociales in ihrer Schlussbotschaft warnen vor einer "wachsenden Intoleranz gegenüber einer weltanschaulichen Verschiedenheit, die man als bedrohlich empfindet". Dem hält man entgegen, der christliche Glaube fördere ausdrücklich die Brüderlichkeit und basiere auf einer Vision vom Menschen, in der Nächsten- und Selbstliebe nicht in Konkurrenz zueinander stünden, sondern sich gegenseitig befruchteten. An die Verantwortlichen in den Betrieben und Behörden wird appelliert, die entsprechenden "chartes de diversité" zu beachten, und dabei auch die religiöse Verschiedenheit.

Wenn ein Umdenken bezüglich der Stellung der Religion in der säkularen französischen Gesellschaft bisher feststellbar war, dann vor allem im Zusammenhang mit Überlegungen, dem so genannten "fait religieux" in den öffentlichen Schulen einen größeren Raum zu geben - freilich nicht in der Form eines ausgesprochenen Religionsunterrichts, sondern in verschiedenen dazu geeigneten Fächern. Veränderungen dieser Art sind aber nicht von einem auf den anderen Tag zu erwarten. Die Einrichtung einer entsprechenden Lehrerausbildung, die Entwicklung geeigneter Lehrmittel und anderes mehr will hier berücksichtigt werden. Die Semaines Sociales forderten die nationalen Schulbehörden auf, nach und nach, aber entschieden Mittel und Wege pädagogischer Bildung zu schaffen, die in der Lage seien, den Platz des "fait religieux" in den Gesellschaften aufzuzeigen. Und man fügte hinzu: "Dies wäre auch eine Form, die Erinnerung an unsere republikanische Laizität wachzuhalten." Hierhin gehört auch die Forderung nach Schaffung eines pluralistischen Bildungswesens, auch an den Universitäten. Letzteres berührt einen viel diskutierten Punkt: Seit langem gibt es die Forderung nach staatlicher Anerkennung der Abschlüsse kirchlicher Hochschulen.

Ein neuer Dialog ist möglich, stellt die Schlussbotschaft des Lyoneser Treffens selbstbewusst fest. Ein neuer Dialog ist aber vor allem auch nötig. Ob es die Weitergabe des Wissens über Religion ist oder der Umgang mit Religion in den Medien, ob die Gefahren und möglichen Instrumentalisierungen von Religion, die ungewohnte Pluralität von Religionen innerhalb der westlichen Gesellschaften oder der unerwartete Stellenwert als Machtfaktor in der Welt - unter laizistischen Bedingungen stellen sich diese Fragen in besonderer Schärfe, aber nicht völlig anders als in Ländern, in denen die Kirchen und Religionen traditionell einen stärkeren Platz im öffentlichen Leben innehaben. Welche Seite hier weiter ist, ist schwer zu sagen.

In Europa steht Frankreich mit seinen laizistischen Verhältnissen zwar eher alleine da. Mit seinen Fragen und den sich stellenden Herausforderungen an eine veränderte Zukunft der Religion und der Religionen aber nicht, wie man auch am jüngsten Buch des evangelischen Praktischen Theologen und Religionspädagogen Rolf Schieder sieht (vgl. HK, Dezember 2008, 647); sein bezeichnender Titel: "Sind Religionen gefährlich?" (Berlin 2008).


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Klaus Nientiedt, geboren 1953, hat in Münster, Angers (Frankreich) sowie in Fribourg und Luzern Theologie und Romanistik studiert. Erste journalistische Erfahrung sammelte er in der Bistumszeitung der Diözese Münster, "Kirche und Leben". Von 1984 bis 1998 war er Redakteur der Herder-Korrespondenz. Seit 1998 ist er Chefredakteur des "Konradsblatts", der Kirchenzeitung des Erzbistums Freiburg.


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Quelle:
Herder Korrespondenz - Monatshefte für Gesellschaft und Religion,
63. Jahrgang, Heft 1, Januar 2009, S. 30-34
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veröffentlicht im Schattenblick zum 1. April 2009