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BERICHT/125: Israel - Fortschritte im Kampf um religiöse Gleichberechtigung (IPS)


IPS-Inter Press Service Deutschland GmbH
IPS-Tagesdienst vom 13. Juni 2013

Israel: Fortschritte im Kampf um religiöse Gleichberechtigung

von Pierre Klochendler


Bild: Pierre Klochendler/IPS

Die Ultraorthodoxe Jenny Menashe diskutiert mit Rabbi Nahum Weiss
Bild: Pierre Klochendler/IPS

Jerusalem, 13. Juni (IPS) - An der Klagemauer in Jerusalem hat der Kampf für die Gleichstellung der Geschlechter eine symbolische Wende genommen. Eine Gruppe von Frauen, die unter dem Namen 'Women of the Wall' bekannt ist, hat an der heiligsten Stätte des Judentums auf die Weise gebetet, die sie für angemessen hält.

Seit 24 Jahren kämpft die Gruppe jüdischer Feministinnen dafür, die Heilige Schrift des Judentums mit sich zu führen und - ausgestattet mit Gebetsschal, Gebetsriemen und Scheitelkäppchen - an der Klagemauer laut daraus vorlesen zu dürfen.

Nach den orthodoxen Vorschriften dürfen nur Männer Tallit, Tefilin und Kippa tragen und während religiöser Gebetszeremonien laut aus der Tora vorlesen. Die Forderung der Frauen scheint daher mit der jüdischen Orthodoxie, der Hauptströmung in Israel, unvereinbar. Auch wenn die konservativen, reformistischen, progressiven und liberalen Bewegungen, mit denen die progressive Frauengruppe verbunden ist, in den USA einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt haben - in Israel sind sie in der Minderheit.

Am 9. Juni ähnelte der Platz vor der Klagemauer einer Kampfzone. Etwa 300 Frauen, die den ersten Tag des jüdischen Monats Tamuz in vollem Ornat begehen wollten, kämpften sich durch eine Menge wütender ultraorthodoxer Männer. "Diese Frauen wollen das Judentum in Stücke reißen. Weltlich eingestellte Juden würden es niemals wagen, die Worte Gottes zu verfälschen. Diese Frauen jedoch höhlen das Judentum aus", kritisierte Rabbi Nahum Weiss.


Verwünschungen

Hunderte Polizisten, mindestens zwei pro Frau, stellten sich zwischen die beiden Lager, um den Ausbruch von Gewalt zu verhindern. Bei dem vorangegangenen Monatsgebet hatten männliche Talmud-Schüler und Seminaristinnen die Frauen mit Müll, Windeln und Eiern beworfen. Dieses Mal stießen die Männer eine Flut an Verwünschungen gegen die Feministinnen aus. "Geht mit den Muslimen beten!", hieß es, "Geht zurück nach Amerika" und "Ihr gehört hier nicht hin!".

Jenny Menashe von den 'Women for the Wall', dem orthodoxen Alter Ego der 'Women of the Wall', die die Heiligkeit der Stätte bewahren wollen, rief ihre männlichen Mitstreiter dazu auf, "den Frauen zu erlauben, mit diesen Frauen umzugehen". Auf Plakaten war zu lesen: "Ihr habt eine neue Religion geschaffen, baut eine neue Mauer!". Die Adressatinnen konterten mit den Worten einer chassidischen Hymne: "Die ganze Welt ist eine schmale Brücke, die Hauptsache ist, keine Angst zu haben."

Polizistinnen eskortierten die Feministinnen zu dem Frauenbereich der Klagemauer, wo Barrieren weitere Zusammenstöße mit orthodoxen Gläubigen verhindern sollten. Eine gebetsähnliche Klage war aus dem Bereich der Männer zu hören, die damit die Frauen übertönen wollten.

Um ihre Religion auszuüben, steht Männern an der Klagemauer doppelt so viel Raum zur Verfügung wie Frauen. "Es ist eine Schande, dass wir gezwungen sind, wie Aussätzige zu beten", protestierte Ya'ara Nissan. "Daran zeigt sich, was Frauen passiert, wenn sie die Küche verlassen."

Noch vor zwei Monaten wären diese progressiven Frauen festgenommen worden, hätten sie darauf beharrt, an der Mauer auf ihre Weise zu beten. Am 25. April errangen die Women of the Wall aber einen historischen Sieg in ihrem langen Kampf um Anerkennung. Das Bezirksgericht in Jerusalem bescheinigte ihnen, mit ihrem unorthodoxen Verhalten den Frieden nicht zu stören. Den Männern hingegen warf das Tribunal vor, für Unruhe zu sorgen.

Richter Moshe Sobel, selbst ein orthodoxer Jude, schrieb in der Urteilsbegründung, dass das Verhalten der Frauen weder als ein Verstoß gegen die lokalen Bräuche noch als eine Provokation zu werten sei.

Das Gericht schloss ferner aus, dass die Polizei ein Urteil des Obersten Gerichts von 2003 nach Gutdünken auslegen kann. Die Richter hatten damals entschieden, dass es Frauen nicht verboten werden kann, ihre eigenen Gebete an der Klagemauer zu sprechen. Ebenso wenig sei es zulässig, sie zu zwingen, sich am nahegelegenen Robinson-Bogen zu versammeln.

"Heute haben die Women of the Wall die Klagemauer für alle Juden geöffnet", rief Anat Hoffman, die Vorsitzende der Organisation. Der Rabbi der Klagemauer Shmuel Rabinowit appellierte hingegen an die Behörden "und die schweigende Mehrheit, denen die Klagemauer überaus wichtig ist, die Extremistinnen daran zu hindern, sie zu einem Ort des Antagonismus zwischen Brüdern zu machen".


Großer Widerstand blieb aus

Am 9. Juni hatten ultraorthodoxe Rabbis verheiratete Männer dazu aufgefordert, ihre ablehnende Haltung gegenüber den Women of the Wall öffentlich kundzutun. Doch nur einige Hundert folgten dem Aufruf. Im Großen und Ganzen verlief das Gebet friedlich, nur wenige Eier landeten zu Füßen der männlichen Unterstützer der betenden Frauen.

Beobachtern zufolge verliert das orthodoxe Judentum in Israel allmählich an Einfluss. In der derzeitigen politischen Landschaft ist die orthodoxe Lobby in der Knesset ungewöhnlich schwach. Ultraorthodoxe Abgeordnete sitzen mit Liberalen, Progressiven und Vertretern arabischer Parteien in der Opposition. Die Beziehung zwischen Staat und Synagoge bewegt sich in Richtung fortschrittlicher jüdischer Strömungen. Ein geplantes Gesetz könnte verhindern, dass ultraorthodoxe Juden wie bisher vom Militärdienst befreit werden. (Ende/IPS/ck/2013)


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http://www.ipsnews.net/2013/06/scales-tip-towards-women-in-jewish-religious-rights-struggle/

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IPS-Tagesdienst vom 13. Juni 2013
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veröffentlicht im Schattenblick zum 14. Juni 2013