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BERICHT/092: Indonesien - Mit dem toleranten mystischen Islam gegen islamische Fundamentalisten (IPS)


IPS-Inter Press Service Deutschland gGmbH
IPS-Tagesdienst vom 4. Januar 2013

Indonesien: Toleranz statt Dogma - Mit dem mystischen Islam gegen islamische Fundamentalisten

von Alexandra Di Stefano Pironti


Bild: © Muhammad Revaldi/IPS

Shaykh Hisham Kabbani spricht vor Zehntausenden Menschen
Bild: © Muhammad Revaldi/IPS

Jakarta, 4. Januar (IPS) - Indonesien, das Land mit der weltweit größten muslimischen Bevölkerung, hat eine wirksame Medizin gegen den islamistischen Fundamentalismus gefunden: den mystischen Sufismus, der für Liebe und Toleranz wirbt.

Auch die mystischen Sufis kleiden sich konservativ, tragen Bärte und bedecken ihre Häupter mit traditionell islamischen Hüten. Dahinter steckt der Wunsch, der Lebensweise des Propheten Mohamed möglichst nahe zu kommen. Doch anders als die Fundamentalisten und im Untergrund agierende, gewaltbereite Milizionäre sprechen sie die Sprache der Liebe.

"Der Konflikt zwischen den Religionen hat mit Politik zu tun. Hier ziehen wir die Trennlinie. Schon der Prophet Mohammed hat Liebe gepredigt, und mein (geistiger) Lehrer lehrt mich Toleranz", meint der 35-jährige indonesische Fotograf Muhammad Revaldi, der der stetig wachsenden Gemeinschaft der Sufis angehört. "Die Regierung unterstützt die Sufis, weil sie die Fundamentalisten fürchtet", meint er. So sei es üblich, dass bei allen größeren Sufi-Treffen Vertreter aus Politik, Militär und anderen Regierungsstellen teilnähmen.

Fundamentalistische Bewegungen schießen seit den 1980er Jahren wie Pilze aus dem Boden. Dieser Trend erklärt sich aus dem allgemeinen Frust der Menschen über Korruption, Nepotismus und Gleichgültigkeit der Herrschenden, was Armut und westliche Einflüsse angeht.


Religiöse Toleranz großgeschrieben

Zwei Terroranschläge in der indonesischen Touristenhochburg Bali 2002 und 2005, die mehr als 200 Menschen das Leben kosteten, hatten die Regierung in ihrer Entschlossenheit bestärkt, den Fundamentalismus zu bekämpfen. Dabei bedient sie sich auch der friedlichen Waffe des Sufismus. Diese mystische Richtung des Islam zielt darauf ab, Gott im Hier und Jetzt nahe zu kommen, und wirbt für religiöse Toleranz.

Während einer Großveranstaltung muslimischer Sufis vor einem Jahr in Ostjava hatte Indonesiens Präsident Susilo Bambang Yudhoyono den Sufismus als eine Religion gepriesen, die gelassen und angemessen auf Streitgespräche, Konflikte und Zusammenstöße in Gesellschaft und Staat reagiere.

'Nahdlatul Ulama' (NU) ist mit 40 Millionen Anhängern die größte muslimische Organisation Indonesiens. Sie, die jeden islamischen Extremismus ablehnt, ist die Säule der Sufi-Organisationen (Tariqas). Im Juli 2011 hatte sie zu einer internationalen Konferenz eingeladen, an der mehr als 10.000 Sufis teilnahmen.

"Die Regierung unterstützt den Sufismus als Alternative zum radikalen Islam", betont auch der indonesische Geistliche Jalaluddin Rakhmat, ein Universitätsprofessor, der über eine große Anhängerschaft vor allem unter den Angehörigen der Oberschicht verfügt.

"Der politische Islam schürt Konflikte innerhalb der Gemeinschaft. Menschen mit einer besseren Bildung, die verschiedenen islamischen Denkschulen offen gegenüberstehen, sind dem wahren Islam, der inneren Dimension des Islams, zugeneigt, der nicht nur unser islamisches Land, sondern die ganze Menschheit mit den unterschiedlichen Religionen vereinigt", sagt Rakhmat. "Der indonesische Islam ist aufgrund der Rolle, die der Sufismus spielt, moderat."

Die Wiederbelebung des islamischen Mystizismus in Indonesien fällt mit dem Erstarken des als 'Aliran Kebatinan' bekannten indonesischen Mystizismus während der 31-jährigen Diktatur von Präsident Suharto zusammen, die 1998 zu Ende ging.

"Suharto war dem javanischen Mystizismus zugetan. Er hat sogar ein Dekret erlassen, das Aliran Kebatinan als Teil der indonesischen Religiosität anerkannte und mit den wichtigsten Weltreligionen auf eine Stufe stellt", erläutert Rakhmat. Die damalige Wirtschaftslage, bedingt durch den Ölboom der 1980er Jahre, habe einer um Spiritualität bemühten Gruppe Neureicher Auftrieb gegeben. In dieser Zeit seien in den großen Städten und vor allem in Jakarta zahlreiche Sufi-Gesprächskreise entstanden.


"Fundamentalisten bewerten die Menschen"

Sufis kleiden sich wie die Muslime zur Zeit des Propheten Mohameds vor 1.300 Jahren. Doch anders als radikale Muslime, die ebenfalls die traditionellen Gewänder bevorzugen, predigen sie Geduld und Gewaltlosigkeit. Ibu Yati, eine Angehörige des gleichen Sufi-Ordens wie Revaldi, berichtet, dass der Meister ihrer Gruppe einem Schüler aufgetragen habe, als Geduldsübung jedes einzelne Blatt eines Baumes zu reinigen. "Unsere Meister lehrt uns Mitgefühl und Verständnis. Fundamentalisten hingegen bewerten die Menschen", sagt Yati, eine ehemalige Regierungsbeamtin.

"Der Islam in Indonesien ist wunderschön, er ist vielfältig und zeichnet sich durch ein hohes Maß an Toleranz aus", sagt Mustafa Daood von der Debu-Musikgruppe, die mystische Gedichte vorträgt und deren Mitglieder 1999 von den USA nach Indonesien umgezogen sind.

'Debu' bedeutet 'Staub' auf Indonesisch. Die Band interpretiert die Gesänge des Familienpatriarchen und Sufi-Meisters Shaykh Fattaah, der in den USA die Eingebung hatte, mit seiner gesamten Familie nach Indonesien zu gehen. Im Haus der Familie in Cinere, einem Stadtteil von Jakarta, komponiert Fattaah mystische Gesänge in neun Sprachen einschließlich in Indonesisch. Seine Werke sprechen wie die des berühmten iranischen Mystikers Jalaludin Rumi von Liebe, Mitgefühl und der Einheit der Schöpfung. (Ende/IPS/kb/2013)


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veröffentlicht im Schattenblick zum 5. Januar 2013