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FRAGEN/016: "Allein der Koran ist mein Maßstab" (wissen leben - WWU Münster)


wissen leben - Nr. 6, 10. Oktober 2012

Die Zeitung der WWU Münster

"Allein der Koran ist mein Maßstab"
Prof. Mouhanad Korchide beschreibt in seinem neuen Buch einen modernen Islam

Interview von Norbert Robers



Islam ist Barmherzigkeit - Grundzüge einer modernen Religion" lautet der Titel des neuen Buchs von MOUHANAD KHORCHIDE, das in wenigen Tagen auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt werden wird. NORBERT ROBERS sprach mit dem Professor für Islamische Religionspädagogik über "diktatorische Systeme" im Islam, Gewalt gegenüber Frauen und seine Vorstellung eines modernen Islam.

Norbert Robers: Sie sprechen von "starken Vorbehalten", die Sie gegenüber der traditionalistischen islamischen Theologie haben. Gehen Sie bewusst auf Distanz zu Ihrer Religion?

Mouhanad Korchide: Nein, das ist nicht mein Anliegen. Ich möchte die Schwachpunkte dieses Islam-Verständnisses offenlegen und eine Alternative anbieten. Nach meiner Beobachtung hat sich teilweise ein Theologie-Verständnis entwickelt, das nicht den Menschen und den barmherzigen Gott in den Mittelpunkt stellt, sondern sich vielmehr als Projektion von archaischen und diktatorischen Strukturen erweist.

Norbert Robers: Mit anderen Worten: Es gibt Gruppen, die den Koran missbrauchen.

Mouhanad Korchide: Ja, dies ist beispielsweise bei den afghanischen Taliban oder anderen extremistischen Organisationen der Fall. Sie wollen keine Befreiung oder Gerechtigkeit, sondern einzig und allein politische Macht. Dieses Phänomen gibt es aber auch im Juden- und Christentum.

Norbert Robers: Sie gehen auch mit den Gelehrten hart ins Gericht, denen Sie sogar einen "menschenfeindliche Theologie" vorwerfen.

Mouhanad Korchide: Viele Gelehrten lesen den Text, wie sie ihn brauchen. Es sind genau diese Missdeutungen und politisch motivierten Fehlinterpretationen, die Islam-Kritiker im Westen aufgreifen und wiederum für ihre Zwecke nutzen.

Norbert Robers: Wurde es Zeit für dieses Buch, oder ist es nur ein weiterer Versuch, den Koran zu interpretieren?

Mouhanad Korchide: Es gab bereits Versuche, einzelne Aspekte aus dem Koran zu beleuchten. Ich verfolge einen grundsätzlicheren Ansatz, indem ich zum Beispiel die Frage stelle, von welchem Gott wir überhaupt sprechen. Meine Kernthese: Der Koran spricht von keinem strafenden, zornigen oder diktatorischen, sondern von einem barmherzigen Gott, der nicht verherrlicht werden will, sondern dem es allein um den Menschen geht, der bedingungslos schenken möchte.

Norbert Robers: Gerät das unter Muslimen in Vergessenheit?

Mouhanad Korchide: Vielfach ja. Wir Muslime haben selbst den Koran zum Schweigen gebracht, indem viele von uns ihn nicht mehr gelesen, sondern instrumentalisiert haben. Wir müssen schweigen und den Koran wieder zum Reden bringen: Deswegen verwende ich auf den 220 Textseiten etwa 400 Koran-Stellen. Allein der Koran ist mein Maßstab - wer mir widersprechen will, der muss dies ebenfalls mit dem Koran versuchen. Ich schlage vor, die Barmherzigkeit Gottes als Maxime zu betrachten, da der Koran selbst dies tut und betont, dass Mohammed "lediglich als Barmherzigkeit für alle Welten entsandt wurde". Das sollte die Richtschnur sein, an der sich alles auszurichten hat.

Norbert Robers: An wen richtet sich Ihr Buch?

Mouhanad Korchide: Einerseits an alle Muslime, wobei mir klar ist, dass ich die Hardliner nicht erreichen werde. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass die jüngeren Generationen etwa in Europa mein Verständnis vom Islam und Koran teilen. Viele von ihnen sagen: Wir können mit dem Bild eines zornigen und strafenden Gottes nichts anfangen, sie sind auf der Suche. Andererseits richtet sich mein Buch an Nichtmuslime, die ein stark verzerrtes Bild vom Islam haben, das einer restriktiven und gewaltbereiten Religion.

Norbert Robers: Oder ist Ihr Buch der Versuch, den Islam zu verteidigen, das Bild über den Islam gerade zu rücken?

Mouhanad Korchide: Ich will nichts verteidigen oder rechtfertigen. Ich plädiere allein dafür, den Islam so wahrzunehmen, wie es der Koran vorgibt...

Norbert Robers: ... in dem es beispielsweise heißt: Schlagt Eure Frauen. Wenn man dies wörtlich nimmt, wofür Sie plädieren, ist die Kritik am Islam doch durchaus angebracht, oder?

Mouhanad Korchide: Man muss den Koran in seinem historischen Kontext lesen. Andernfalls lässt man erneut nicht den Koran selbst zu Wort kommen, sondern interpretiert in den Text etwas hinein, was der Text nicht meint. Man muss die historischen Rahmenbedingungen kennen und berücksichtigen.

Norbert Robers: Und damit wollen Sie die Forderung, Frauen zu schlagen, erklären?

Mouhanad Korchide: Natürlich nicht. Als der Koran im 7. Jahrhundert verkündet wurde, war es leider oft üblich, Frauen zu schlagen. Aber der Koran dreht dies um und sagt: Redet miteinander, achtet einander - er zeigt Alternativen auf dem Weg zum Frieden auf. Ich weiß, dass dies vielfach Theorie ist: Es gibt noch immer sehr viele archaische Traditionen in vielen islamischen Gesellschaften.

Norbert Robers: Müssen Sie vor dem Hintergrund Ihrer zum Teil scharfen Kritik möglicherweise mit einer Bestrafung rechnen?

Mouhanad Korchide: Nein, denn ich begründe alles rein theologisch - anders als Islamkritiker wie Salman Rushdie. Es hilft nicht, den Islam allgemein zu verteufeln. Um Reformen zu initiieren, bedarf es neuer theologischer Ansätze und Angebote aus dem Koran und der islamischen Tradition selbst. Genau das versuche ich. Es gab genug Forderungen von oben, die Muslime sehnen sich nach Angeboten von innen - und nicht nach neuen Instrumentalisierungen oder Provokationen.

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Quelle:
wissen leben - Die Zeitung der WWU Münster, Nr. 6, 10. Oktober 2012, S. 3
Herausgeberin:
Die Rektorin der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster
Redaktion: Norbert Robers (verantw.)
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veröffentlicht im Schattenblick zum 14. November 2012