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JAGD/115: Jagd auf Mäusebussard und Habicht (Der Falke)


Der Falke - Journal für Vogelbeobachter 4/2009

Jagd auf Mäusebussard und Habicht

Von Anita Gamauf


Die niederösterreichische Landesregierung hat eine Verordnung erlassen, die bis 2013 im Winter den jährlichen Abschuss von jeweils 200 Mäusebussarden und 40 Habichten erlaubt. Angeblich bedrohen die beiden Greifvogelarten die Populationen gefährdeter Tierarten. Die "nachhaltige Nutzung" der beiden Greifvogelarten wird vom Gesetzgeber für sinnvoll erachtet!


Der Mäusebussard ist aufgrund seiner Anpassungsfähigkeit in Österreich weit verbreitet und oft die häufigste Greifvogelart, so auch in Niederösterreich und dem Burgenland. Als Brutvogel ist die Art zwar auf Wald- oder Gehölzflächen angewiesen, Nahrung sucht er aber meist in der offenen bis halboffenen Landschaft. Bevorzugte Habitate während der Fortpflanzungszeit liegen vor allem in landschaftlichen Grenzbereichen, in denen verschiedene Elemente in wechselvoller Weise kombiniert sind. Offene Lebensräume mit wenig Baumbewuchs werden hingegen verstärkt im Winter genutzt. Die Lebensraumwahl und Verfügbarkeit potenzieller Beutetiere sowie deren Erreichbarkeit spiegeln sich folglich auch in den Beutelisten wieder.

In einer mehrjährigen Studie am Mäusebussard mit Schwerpunkt Ernährung wurden - um ein möglichst umfassendes Bild zu erhalten - drei verschiedene Methoden angewandt. Insgesamt konnten 4530 Beutetiere aus mindestens 92 Arten nachgewiesen werden. Mehr als 70 % dieser Beutetiere entstammen Gewöllanalysen und Nahrungsresten. Dazu wurden über mehrere Jahre auf der 200 km² großen Untersuchungsfläche systematisch geeignete Lebensräume abgesucht. Die zweite Methode erbrachte weitere 22 % der Daten. Dabei wurden 2154 Beutetiere bei jagenden Mäusebussarden mit Feldstecher und Spektiv aus der Distanz heraus bestimmt. Der Ausgang der Jagden konnte im Winterhalbjahr mit 94 % deutlich häufiger beobachtet werden als mit 78 % in den Sommermonaten bei hoher Bodenvegetation und größerer Fluchtdistanz der Bussarde. Last but not least, beinhalten die Beutelisten zu mehr als 5 % auch deponierte Beutetiere und Nahrungsreste, die im Rahmen der Nestkontrollen festgestellt wurden.


Das Nahrungsspektrum

Den erwartungsgemäß höchsten Anteil mit 26 Arten bildeten Säugetiere, wobei Wühlmäuse, allen voran die Feldmaus, und Maulwürfe am zahlreichsten vertreten waren. Da vor allem die Zahl der Feldmäuse in Zyklen von drei bis vier Jahren stark schwankt, variierte auch deren Anteil in der Beute zwischen 30 und 80 % und dies sowohl nach der Anzahl als auch bei der Biomasse. Im langjährigen Mittel setzte sich die Mäusebussardnahrung zu gut 60 % aus Wühlmäusen zusammen. Der mittlere Jagderfolg auf diese Beutekategorie lag bei knapp 40 % und somit relativ hoch. Generell dominierten Kleinsäuger mit einem Körpergewicht von 20 bis 35 Gramm. Für ihren Eigenbedarf jagten Elternvögel während der Jungenaufzucht kleinere Tiere. Das Durchschnittsgewicht der zu den Nestlingen in das Nest gebrachten Beutetiere ist etwa ein Drittel höher. Dieses Phänomen wird "central place foraging" genannt. Aus diesem Grund geben an Nestern gesammelte Nahrungsreste nur einen unvollständigen Einblick in die tatsächliche Nahrungsbiologie. Der Vogelanteil ist in der Aufzuchtsphase ebenfalls relativ hoch. Die 22 Arten umfassende Liste setzte sich nahezu vollständig aus waldbewohnenden Arten zusammen. Bevorzugt wurden unerfahrene Jungvögel, fast alle hatten noch Blutkiele. Außerhalb der Brutzeit ist der Vogelanteil deutlich geringer, was wohl daran liegt, dass nur 9 % der Jagden erfolgreich sind. Amphibien haben zur Laichzeit im März und April stellenweise eine durchaus höhere Bedeutung, einerseits aufgrund ihrer Körpergröße und andererseits wegen des Jagderfolges von über 90 % bei dieser Beutekategorie. Reptilien erscheinen lokal nur während der wärmeren Monate.

Zahlenmäßig bemerkenswert hoch ist der Anteil an Wirbellosen, v. a. Regenwürmern, Käfern und Feldgrillen. Wenn diese häufig und in Bezug auf die Höhe und Dichte der Bodenvegetation gut erreichbar sind, stellen sie eine wesentliche Nahrungsgrundlage für Alt- wie auch bereits flügge Jungvögel dar. Der Jagderfolg liegt bei etwa 96 %. In ihrer Biomasse sind Wirbellose allerdings weniger präsent. Da gerade Regenwürmer nur nach einem aufwendigen Prozedere identifizierbar sind, könnten sie unterrepräsentiert sein. Gleiches gilt für größere, als Aas aufgenommen Tierarten (Reh, Rotfuchs, Feldhase, Wild- und Hausschwein), von denen vorwiegend das kaum nachweisbare Muskelfleisch verzehrt wird. Eingehende Beobachtungen erbrachten, dass dieser Anteil vor allem in schneereichen Wintern recht hoch sein kann. In den Gewöllen war der entsprechende Wert deutlich geringer.

Insgesamt gesehen, brachte die Anwendung dieser drei sich ergänzenden Erhebungsmethoden einen umfassenden Einblick in die Nahrungsbiologie des Mäusebussards und bestätigt zum wiederholten Male dessen ökologische Anpassung an kleinsäugergroße Beutekategorien. Im Grunde genommen gewähren die hier dargestellten Ergebnisse für die burgenländischen Mäusebussarde nichts Neues im Hinblick auf die Ernährung dieser Art. Sie fügen sich vielmehr nahtlos in die zahlreichen Untersuchungen zu diesem Thema ein, die während der letzten hundert Jahre aus weiten Teilen Europas publiziert wurden. Selbst zwischen Beutelisten aus niederwildreichen und -ärmeren Landschaften sind kaum Differenzen erkennbar. Demnach ist davon auszugehen, dass sich die Mäusebussarde auch in Niederösterreich nicht anders bei der Beutewahl verhalten.


Bedrohen Mäusebussarde "Rote-Liste"-Arten?

Bei näherer Betrachtung zeigte sich, dass nur eine von 22 Vogelarten und 6 von 26 Säugetierarten auf den Roten-Listen genannt sind. Mit Ausnahme des Ziesels und des Feldhamsters gelten alle lediglich als "potenziell bedroht", und stehen somit auf derselben Stufe wie der gegenwärtig wieder bejagte Habicht. Die Aufnahme in die Rote-Liste ist bei diesen Tiergruppen genauso wenig auf Beutegreifer zurückzuführen wie bei den Reptilien und Amphibien, von denen alle in Österreich als bedroht gelten. Vielmehr sind vor allem einschneidende Lebensraumveränderungen für den Rückgang verantwortlich.

Niederösterreich beherbergt aufgrund seiner günstigen geographischen Lage und seiner abwechslungsreichen Landschaft die höchste Anzahl an Greifvogelarten österreichweit: Insgesamt 24 Arten kommen als Brutvögel, Zugvögel oder Wintergäste vor. Von diesen sind auch 14 Arten im Winter, also während der neuen Schusszeit, anzutreffen: Mäusebussard, Raufußbussard, Adlerbussard, Habicht, Sperber, Kornweihe, Rotmilan, Seeadler, Kaiseradler, Steinadler, Wanderfalke, Sakerfalke, Turmfalke, Merlin. Um diese Arten vor Fehlabschüssen zu schützen, ist die Einstellung der Greifvogelverfolgung in Niederösterreich vordringlichstes Ziel. Es sollte möglichst rasch gehandelt werden, denn die Gefahr für andere, ähnlich gefärbte Greifvogelarten ist groß, mit dem Mäusebussard oder Habicht verwechselt zu werden.

Die einzig zufriedenstellende Dauerlösung wird aber wohl nur darin bestehen können, dass Greifvögel generell, wie die meisten anderen Vogelarten auch, aus dem Jagdgesetz in die Naturschutzgesetzgebung aufgenommen werden.


Anita Gamauf ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der ornithologischen Sammlung des Naturhistorischen Museums Wien. Seit Jahren beschäftigt sie sich mit verschiedenen Fragestellungen der Greifvogelbiologie, -ökologie und -taxonomie.


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Vorgeschichte

Im November letzten Jahres wurden, basierend auf dem Gutachten eines Instituts der Veterinärmedizinischen Universität Wien (s. Falke 2009, H. 2, S. 71), in Niederösterreich erneut Schusszeiten für Mäusebussard und Habicht eingeführt. Als rechtliche Ausgangslage zur Bejagung dieser beiden Vogelarten wurde Artikel 9 in Abweichung von Artikel 5 der Vogelschutzrichtlinie (VSRL) zitiert. Eine solche Abweichung wird nur dann gestattet, wenn es keine andere zufriedenstellende Lösung als die Abweichung gibt und sich die Abweichung auf bestimmte Situationen bezieht (z. B. Artikel 9 Absatz 1 Buchstabe a-c).

Die EU-Kommission vertritt im Leitfaden (Ziffer 3.5.15) die Meinung, dass allein die Gefahr schwerwiegender Auswirkungen auf die Erhaltung der Bestände seltener oder gefährdeter Arten eine Abweichung rechtfertigen kann. Im konkreten Fall sollen diese Arten von den Jagdausübungsberechtigten als "Freizeitbeschäftigung" nachhaltig genutzt werden können (laut neuer NÖ-Beutegreiferverordnung) mit dem Ziel der "Bestandsregulierung". Nachweise, dass diese Greifvogelarten schwerwiegende Auswirkungen auf seltene oder gefährdete Arten (= Rote-Liste-Arten) haben, gibt es nicht. Aus Niederösterreich existieren keine Untersuchungen, die über die Ernährung der beiden Greifvogelarten Auskunft geben. Umfangreiches Datenmaterial, vor allem über das Nahrungsspektrum des Mäusebussards, ist allerdings aus dem benachbarten Burgenland verfügbar.


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Quelle:
Der Falke - Journal für Vogelbeobachter 4/2009
56. Jahrgang, April 2009, S. 149-151
mit freundlicher Genehmigung des AULA-Verlags
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Erscheinungsweise: monatlich
Einzelhelftpreis: 4,80 Euro
Das Jahresabonnement für 12 Hefte ist im In-
und Ausland für 49,- Euro zzgl. Porto erhältlich.


veröffentlicht im Schattenblick zum 3. April 2009