Der lange Arm von Monsanto
US-Politik und Gentechnik-Konzerne
von Andreas Bauer-Panskus
Am Anfang war ein Versprechen. Während der Wahlkampfs hatte sich der damalige Präsidentschaftskandidat Barack Obama im Jahr 2007 äußerst kritisch über den Einfluss von Großunternehmen auf US-Behörden geäußert.
"Wir werden ConAgra [Anm.: eines der größten nordamerikanischen Lebensmittelunternehmen] sagen: Das ist nicht das Ministerium für Agrobusiness, sondern das Ministerium für Landwirtschaft. Wir werden die Interessen der Menschen vor die Sonderinteressen der Industrie stellen."
Viele Menschen hofften deshalb nach der Wahl Obamas zum Präsidenten, dass dieser den Einfluss von Großkonzernen und Gentechnikindustrie endlich wirksam einschränken würde. Das Resultat nach drei Jahren Obama-Regierung ist in diesem Bereich jedoch äußerst gemischt.
Ende der 1980er Jahre war es der US-Regierung unter George Bush sen.
und der Industrie gelungen, ein Regelwerk zu erschaffen, das
Gentechnikunternehmen praktisch einen Freifahrtschein für die
Vermarktung von Gentechnik-Pflanzen verschafft. Eine Kennzeichnung von
gentechnisch veränderten Lebensmitteln gibt es als Folge ebenso wenig
wie verpflichtende Tests auf mögliche gesundheitliche Risiken. Auch
wenn es wie Realsatire klingen mag: Bis heute bescheinigt die
zuständige US-Gesundheitsbehörde (FDA) lediglich, dass sie zur
Kenntnis nimmt, dass ein Unternehmen die entsprechende
Gentechnik-Pflanze für sicher hält.
Beispiel: Entscheidung der FDA zur transgenen Maislinie 98140 [1]
Ein wesentliches Element der Strategie war es, Fachleute aus der
Industrie in den Behörden zu installieren, in denen die Weichen für
den Umgang mit der Pflanzengentechnik gestellt wurden. Oftmals
wechselten diese Experten später wieder in die Industrie zurück. Genau
dieser "Drehtür-Politik" funktioniert zur Enttäuschung vieler auch
unter der Regierung Obama.
Einige Beispiele von vielen:
• eine der ersten Personalentscheidung von Präsident Obama war
es, Tom Vilsack, zuvor Gouverneur von Iowa und ausgewiesener
Gentechnikbefürworter, als Landwirtschaftsminister zu berufen,
• noch umstrittener war die Berufung des ehemaligen
Monsanto-Vizepräsidenten Michael Taylor als ranghoher Vertreter der
US-Gesundheitsbehörde FDA (Taylor war bereits Anfang der 1990er Jahre
in der FDA aktiv und hatte wesentlichen Anteil an den heutigen
Regelungen zu gentechnisch veränderten Pflanzen),
• Roger Beachy, Chef des von Monsanto finanzierten Danforth Plant
Science Center, wurde Direktor des "National Institute of Food and
Agriculture" beim US-Landwirtschaftsministerium.
Die politischen Weichenstellungen und die Politik der Drehtüren ermöglichte insbesondere Monsantos steilen Aufstieg zum marktbeherrschenden Produzenten von gentechnisch veränderten Pflanzen. Dieser Aufstieg lässt sich nicht zuletzt aus der bloßen Menge von Übernahmen von kleineren Saatgutunternehmen ablesen (siehe Abbildung).
[Der starke Einfluss von Biotech-Unternehmen auf die US-Administration führte auch dazu, dass in den vergangenen Jahren zahlreiche richtungsweisende Entscheidungen zugunsten der Industrie getroffen wurden.]
Lobbyorganisation und Weißes Haus für GVO in Naturschutzgebieten
Die Whistleblower-Organisation Public Employees for Environmental
Responsibility (Angestellte des öffentlichen Dienstes für
Verantwortung gegenüber der Umwelt, PEER) veröffentlichte im Jahr 2011
interne Unterlagen einer gemeinsamen Arbeitsgruppe des Weißen Hauses,
verschiedener Behörden und der Biotechnology Industry Organization
(BIO), des größten Biotechnologie-Lobbyverbandes der USA. Gemeinsam
arbeitet diese Gruppe an Plänen, bisher bestehende Einschränkungen für
den Anbau transgener Pflanzen in Naturschutzgebieten aufzuheben. [2]
Selbstzulassung von GVO durch die Industrie - eine gute Idee?
In einem auf zwei Jahre angelegten Pilotprojekt prüft das
US-Landwirtschaftsministerium derzeit den Plan, die Umweltbewertung
gentechnisch veränderter Pflanzen, die laut Gesetz vom Ministerium
durchgeführt werden müssten, in die Hände der Antragsteller zu legen.
Ziel ist es, Zulassungsverfahren noch weiter zu beschleunigen. [3]
Transgene Luzerne: Stimmungsumschwünge und hilfreiche Geister
Lange sah es zumindest nach einem Teilerfolg für konventionelle und
ökologisch wirtschaftende Landwirte aus. Die Zulassung von Monsantos
transgener Luzerne, die gegen glyphosathaltige Pestizide (wie Roundup)
resistent gemacht wurde, beschäftigte die Gerichte über Jahre. Die
ausgeprägten Ausbreitungseigenschaften der Luzerne ließen offenbar
selbst US-Landwirtschaftsminister Vilsack über einen für
US-Verhältnisse revolutionären Politikwechsel nachdenken: Unter
anderem erwog sein Ministerium Mindestabstände und andere
Koexistenzmaßnahmen für den Anbau der gentechnisch veränderten
Luzerne. Doch zuletzt gab das Ministerium im Januar 2011 den Anbau der
transgenen Futterpflanze zur Überraschung vieler Akteure und
Beobachter ohne jede Einschränkungen frei.
Randnotiz: Recherchen im Vorfeld der Genehmigung ergaben, dass einer
der zuständigen Sachbearbeiter im US-Landwirtschaftsministerium
offenbar Teile der Umweltbewertung seines Ministerium bezüglich der
transgenen Luzerne direkt aus den Unterlagen von Monsanto übernommen
hat. Wörtlich schreibt der Sachbearbeiter an Monsanto:
".. ich würde es begrüßen, eine elektronische Kopie des Antrags (im Word-Format?) zu erhalten, so dass ich mit 'Kopieren und Einfügen' arbeiten kann. Ich denke, das wird die Fertigstellung der Umweltbewertung beschleunigen." [4]
Gegenwind
Dennoch: Entgegen der herrschenden Rahmenbedingungen werden in den USA
Entscheidungen nicht immer zugunsten der Biotechnologie-Industrie
getroffen. Als aktuelles Beispiel für funktionierende demokratische
Strukturen kann dabei das wahrscheinliche Aus für die Vermarktung von
transgenem Lachs dienen. Trotz einer Unbedenklichkeitserklärung der
FDA strich der US-Kongress der Gesundheitsbehörde im Jahr 2011
kurzerhand alle weiteren finanziellen Mittel für die Bearbeitung des
Antragsverfahrens der Firma Aquabounty, die den schneller wachsenden
Gentechnik-Lachs auf den Markt bringen wollte.
Autor:
Andreas Bauer-Panskus
epigen Wissenschafts- und Projektbüro
[1] Biotechnology Consultation Agency Response Letter BNF No. 000111
http://www.fda.gov/Food/Biotechnology/Submissions/ucm155574.htm
[2] Public Employees for Environmental Responsibility (PEER)
http://www.peer.org/news/news_id.php?row_id=1501
[3] US-Landwirtschaftsministerium - Animal and Plant Health Inspection
Service
http://www.gpo.gov/fdsys/pkg/FR-2011-04-07/pdf/2011-8329.pdf
[4] Powerbase: Dr. Virgil Meier
http://www.powerbase.info/index.php/Virgil_Meier#cite_note-8
Literatur
Howard, P.H. (2009) Visualizing consolidation in the global seed
industry: 1996-2008. Sustainability, 1: 1266-1287
Bildunterschrift der im Schattenblick nicht veröffentlichten
Abbildung der Originalpublikation:
Übernahme von Unternehmen durch Monsanto
zwischen 1996 und 2008 (Quelle: Howard 2009)
http://www.genfrei-gehen.de/index.php?plink=gentechnik-monsanto-us-politik-konzerne
*
Quelle:
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Rapunzelstraße 1, 87764 Legau
Tel.: 08atirkost1408, Fax: 08330/529-1678
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Internet: www.genfrei-gehen.de
mit freundlicher Genehmigung von Autor und Rapunzel Naturkost
veröffentlicht im Schattenblick zum 23. April 2012