Leibniz Universität Hannover - 10.06.2025 10:20
Austernriffe und Miesmuschelbänke unterstützen den Sedimentaufwuchs im Wattenmeer
Eine Studie unter Leitung der Leibniz Universität Hannover zeigt, dass der vertikale Sedimentaufwuchs lokaler Wattflächen auch zukünftig mit dem Anstieg des Meeresspiegels standhalten kann
Der Meeresspiegel steigt global. In Abhängigkeit klimaschädlicher
Emissionen könnten es bis Ende dieses Jahrhunderts 80 Zentimeter und
mehr werden, so Projektionen des Intergovernmental Panel on Climate
Change, kurz IPCC. Gleichzeitig haben sich die Temperaturen in den
Meeren erhöht und bereits vor mehr als zwei Dekaden die Invasion der
nicht-heimischen Pazifischen Auster im Wattenmeer begünstigt. Sie
verdrängt die angestammte Miesmuschel als dominante Art und wandelt
bisherige Muschelbänke in extrem raue Austernriffe um. Die
Austernriffe breiten sich in der Fläche unaufhörlich aus und verändern
sowohl das Ökosystem als auch das Wellen- und Strömungsverhalten. Das
wiederum könnte Wattflächen aber auch helfen, unter dem Anstieg des
mittleren Meeresspiegels wortwörtlich nicht zu ertrinken. Diesen
Zusammenhang weist erstmals eine Studie zur Quantifizierung des
Sedimentaufwuchses im Wattenmeer im Umfeld von Austernriffen und
Miesmuschelbänken nach. Sie wurde geleitet von der Leibniz Universität
Hannover.
Das zugrunde liegende Forschungsprojekt BIVA-WATT untersucht die Rolle von Austernriffen und Miesmuschelbänken als biogene Strukturen im deutschen Wattenmeer. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben erstmals großflächige Messungen zur Sedimentation in und um diese Strukturen durchgeführt und erhobene Daten ausgewertet. Neben dem Ludwig-Franzius-Institut für Wasserbau, Ästuar- und Küsteningenieurwesen der Leibniz Universität Hannover waren die Technische Universität Braunschweig und Senckenberg am Meer beteiligt. Die Ergebnisse wurden jetzt in Scientific Reports von NATURE-Springer veröffentlicht.
Das Forschungsteam hat zwei Austernriffe und eine Miesmuschelbank an drei unterschiedlichen Orten über einen Zeitraum von zwei Jahren untersucht. Ergebnis: Die Austernriffe und Muschelbänke begünstigen den vertikalen Sedimentaufwuchs mit einer jährlichen Rate bis zu 3,9 Zentimeter. Dadurch erhöht sich das lokale, sandige Umfeld der austern- und muschelbedeckten Wattflächen. Das bisher beobachtete durchschnittliche Wachstum der Wattflächen liegt bei 0,9 Zentimetern pro Jahr, während der Meeresspiegel aktuell zwischen 0,4 und 0,7 Zentimeter steigt. Dieser Anstieg wird sich laut der Projektionen des IPCC stark beschleunigen, sofern Klimaschutzziele nicht eingehalten werden. Wertvolle Wattflächen, die die Küsten schützen und zum Erhalt der marinen Umwelt beitragen, würden in diesen Szenarien sprichwörtlich ertrinken, da der Meeresspiegel schneller steigt als die Wattflächen natürlich aufwachsen. "Die in der Studie nachgewiesene Wirkung eines quantifizierten Sedimentaufwuchses durch Austernriffe und Miesmuschelbänke können nicht nur einen Beitrag zum Schutz lokaler Küstenlinien leisten, sondern auch das Ökosystem Wattenmeer in seiner Existenz unterstützen", fasst der Erstautor der Publikation und Doktorand Tom K. Hoffmann vom Ludwig-Franzius-Institut zusammen.
"Die Studie unterstreicht die Notwendigkeit und den Erfolg
interdisziplinärer Ansätze in der Küstenforschung, um die komplexen
Wechselwirkungen zwischen biologischen und geomorphologischen
Prozessen besser zu verstehen", sagt Prof. Dr.-Ing. Torsten
Schlurmann, Leiter des Ludwig-Franzius-Instituts. Die ausgewerteten
Daten wurden erhoben im Verbundprojekt BIVA-WATT, das das
Bundesministerium für Bildung und Forschung von 2019 bis 2022 mit mehr
als 800.000 Euro gefördert hat.
Originalpublikation:
Hoffmann, T.K., Pfennings, K., Hitzegrad, J. et al. Sediment
accumulation by coastal biogenic structures sustains intertidal flats
facing sea level rise in the German Wadden sea. Sci Rep 15, 18518
(2025).
https://doi.org/10.1038/s41598-025-03326-8
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Quelle:
Informationsdienst Wissenschaft e. V. - idw - Pressemitteilung
Leibniz Universität Hannover - 10.06.2025 10:20
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E-Mail: service@idw-online.de
veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 13. Juni 2025
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