BUNDmagazin - 1/2012
Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland - BUND
Friends of the Earth Germany
BIOSPHÄRE
Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft
Wölfe, Karpfen, Kormorane
von Severin Zillich
Seit 1996 sucht ein Biosphärenreservat nördlich von Bautzen nach
Wegen, einer strukturschwachen, aber in Teilen noch vielfältigen
Kulturlandschaft Perspektiven für die Zukunft zu geben.
Wo der Wolf regiert, wächst der Wald.« Frank Kallenbach, Wirt der
Pension am Olbasee bei Guttau, muss es wissen. Der Jäger kehrt gerade
erfolglos vom Ansitz zurück, das Gewehr noch geschultert. Nachbarn
haben zu Weihnachten zwei Rehe bei ihm bestellt. Doch die Rehe machen
sich rar, seitdem die Oberlausitz wieder zum Wolfsland geworden ist.
Und damit ist auch der Verbiss junger Bäume hier kein so großes Thema
wie sonst überall in Deutschland.
Drei Wolfsrudel sind in den Grenzen des Biosphärenreservats heimisch.
Während der Winternächte dringt ihr Geheule durchs gekippte Fenster
bis in Kallenbachs Schlafzimmer. Für Wölfe ist die alte
Kulturlandschaft der Oberlausitz ein guter Lebensraum. Die dünn
besiedelte Region in Ostsachsen bietet den scheuen Tieren ungestörte
Rückzugsorte, um ihre Jungen aufzuziehen. So dehnen sich, wo früher
Militär mit Panzern probte, weite Heiden aus. Neben den Wölfen leben
hier seltene Insekten und Vögel. Damit sich Heide- und Sandflächen
nicht wiederbewalden, weiden Schafe. Weitgehend menschenleer ist auch
der einstige BraunkohleTagebau Bärwalde, der im Norden mit 2 000
Hektar ins Reservat ragt. Nordöstlich grenzt die Mondlandschaft des
Tagebaus Nochten/Reichwalde (Vattenfall) an.
Charakteristisch für die sächsische Biosphäre aber sind die vielen
Teiche: Über 350 bilden mit der Niederlausitz im Norden die größte
Teichlandschaft Mitteleuropas. Jahrhundertelang bot die Teichfischerei
eine wichtige Lebensgrundlage. Ein Dutzend Betriebe existiert noch
heute, ihr Absatz sinkt pro Jahr um etwa fünf Prozent. Guter Rat ist
also teuer. Drei Betriebe haben die Zeichen der Zeit erkannt und auf
»Bio« umgestellt. In ihren Teichen ist der Besatz niedriger,
Wildfische werden toleriert, gefüttert wird mit Biogetreide.
Der Karpfen als »Brotfisch« der Lausitz gilt nicht eben als Feinkost.
Zu Unrecht, wie Peter Heyne meint. Der Leiter der Biosphäre schwärmt
von geräuchertem Biokarpfen - der übrigens nur 2,8 % Fett enthalte!
Nicht nur der Raubbau an den Meeresfischen spricht dafür, häufiger
heimischen Süßwasserfisch zu essen. Denn die Lausitzer Teiche werden
nur eine Zukunft haben, wenn Karpfen, Schleie, Hecht oder Wels die
wichtigsten Exportartikel des Biosphärenreservates bleiben.
Auch für den Naturschutz haben die Fischteiche große Bedeutung.
Liefern sie doch Ersatz für die in Sachsen gänzlich vernichteten
natürlichen Flussauen. Nachhaltig bewirtschaftet bieten die Teiche
Raritäten wie Rotbauchunke, Schlammpeitzger und Armleuchteralgen ein
Refugium. Mit bis zu 1 500 Tier- und Pflanzenarten konzentriert sich
hier die biologische Vielfalt der Oberlausitz. Obgleich die intensive
Karpfenzucht der 60er bis 90er Jahre an vielen Teichen nachwirkt: Zu
DDR-Zeiten mästete man bis zu zwei Tonnen Fisch pro Hektar, auf Kosten
fast aller natürlichen Begleitarten. Die Wasserqualität und mit ihr
die Vegetation der Teiche haben sich von dieser Massenfischhaltung
bislang nicht erholt. Seit Gründung des Biosphärenreservates wurde die
Teichwirtschaft extensiviert, der Ertrag liegt heute bei
durchschnittlich 550 kg/Hektar.
Das reicht, um im Sommer etwa tausend Graureiher und Kormorane
anzulocken, dazu Rohrdommeln, Silberreiher und - beim Abfischen - bis
zu 50 Seeadler. Um die Teiche nutzen und erhalten zu können, sind bei
Kormoran und Graureiher Vergrämungsabschüsse angeblich unverzichtbar.
Ganz sicher indiskutabel ist die noch praktizierte Privatjagd auf
Wasservögel in der Biosphäre. Die Verwaltung kann sie zwar an Teichen
untersagen, wo geschützte Vögel rasten. Sie trägt aber die Beweislast,
was eine aufwendige Gebietskontrolle erfordert. Immerhin werden
Jagdpachten an landeseigenen Teichen grundsätzlich nicht verlängert.
Um mehr Nachhaltigkeit bemüht sich die Verwaltung auch bei den Bauern,
die ein Drittel der Biosphäre nutzen. Die Zwangskollektivierung hat
wie überall Großbetriebe hervorgebracht, es dominiert öde Agrarsteppe.
Viele kleine Projekte sollen für mehr Vielfalt sorgen: Hecken und
Feldgehölze werden angelegt, dazu auf über 50 Hektar »Bienenweiden«,
die Insekten bis in den Spätherbst Nahrung bieten. Einige
Getreideschläge dienen bedrohten Ackerwildkräutern als letzte
Zuflucht. Und der bis in die 50er Jahre angebaute »Champagnerroggen«
erlebt eine bescheidene Renaissance, zwei Bäckereien verarbeiten ihn
zu einem beliebten Brot.
Doch mit nur zwölf Wiedereinrichtern nach der Wende fehlt es an
kleinen Höfen, die flexibel mit der Verwaltung kooperieren können. Die
Großbetriebe zeigen sich nur wenig offen für Umweltprogramme. Es
bleibt daher bei punktuellen Verbesserungen.
Begrenzt ist der Einfluss auch auf die Forstwirtschaft. Knapp die
Hälfte der Biosphäre ist bewaldet, der Wald zu zwei Dritteln in
privater Hand. Statt Laubwald stocken zu 87 % Kiefern, nur im Umfeld
der Teiche finden sich Auwaldreste. Doch insgesamt wird der Wald
allmählich nachhaltiger genutzt, der Anteil des Laubwaldes erhöht sich
langsam. Große Probleme beim Waldumbau bereiten Späte Traubenkirsche
und Filziger Spierstrauch, Neophyten aus Nordamerika.
Mit 30 102 Hektar erreicht das Biosphärenreservat so gerade die
international gebotene Mindestgröße. Peter Heyne empfindet den
kompakten Zuschnitt als Vorteil: Man sei präsent in der Region und mit
vielen Menschen im Gespräch, schon weil die Verwaltung jeden Bauantrag
absegnen müsse. Nach anfangs vehementem Widerstand habe sich das Bild
stark gewandelt: Drei Viertel der Einwohner stünden der Biosphäre
heute positiv oder »wohlwollend neutral« gegenüber - eine Frucht auch
der Umweltbildung, speziell in den Schulen.
Urlauber entwickeln ebenfalls immer mehr Sympathie für die Region. 50
000 reisen pro Jahr an, besonders Spree- und Neiße-Radweg erfahren
viel Zulauf. Das im Frühjahr öffnende Infozentrum in Guttau wird
sicher rasch zu einem neuen Anziehungspunkt.
Was sollen Biosphärenreservate sein? Im Rahmen des UNESCO-Programms »Der Mensch und die Biosphäre« entstanden bis heute 580 Biosphärenreservate in 114 Ländern, fünfzehn davon in Deutschland. Ihr vorrangiges Ziel ist das harmonische Miteinander von Wirtschaft, Ökologie und Sozialem. Dazu Walter Hirche, Präsident der deutschen UNESCO-Kommission: »Für nachhaltige Entwicklung gibt es kein Patentrezept. An möglichst vielen Stellen unseres Planeten sind daher Räume für Experimente und für das Lernen nachhaltigen Wirtschaftens unter Realbedingungen gefragt. Diese Räume sind die Biosphärenreservate.«
Bildunterschriften der im Schattenblick nicht veröffentlichten
Abbildungen der Originalpublikation:
• Knapp die Hälfte des Biosphärenreservates steht unter
Naturschutz - ein deutscher Rekord! Geschützt sind naturnahe
Gewässerufer (oben der Altdubinteich bei Guttau) ebenso wie
artenreiches Offenland (hier die Göbelner Heide).
• Beim Abfischen der Biokarpfen / Wilder Wolf aus einem der drei
Oberlausitzer Rudel / Profitiert von der extensiven Teichwirtschaft:
der Kammmolch.
*
Quelle:
BUNDmagazin 1/2012, Seite 26-27
Herausgeber:
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veröffentlicht im Schattenblick zum 29. Mai 2012