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KLIMA/681: Fluorkohlenwasserstoffe - fristenblind ... (SB)



Nachdem gemäß des Montrealer Protokolls zum Schutz der Ozonschicht angefangen wurde, die Emissionen von Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKWs) zu reduzieren, stellte sich schnell heraus, daß die verwendeten Ersatzstoffe - Fluorkohlenwasserstoffe (FKWs) - zwar nicht das Ozon zersetzen, statt dessen aber teilweise enorm potente Treibhausgase sind. Je nach ihrer chemischer Verbindung können Vertreter der FKWs bis zu 23.000mal klimawirksamer sein als CO₂.

Seit dem 1.1.2019 gilt ein internationaler Klimaschutzvertrag, das 2016 beschlossene Kigali Amendment, das Änderungen am 1989 in Kraft getretenen Montrealer Protokoll vorsieht. So lange hat es gedauert, bis sich die Unterzeichnerstaaten - bislang sind es nur 65 - auf ein Auslaufen des Gebrauchs von FKWs einigen konnten. Das Kigali Amendment wird von vielen Seiten gelobt, weil es UN-Angaben zufolge dafür sorgt, daß sich bis Ende des Jahrhunderts die globale Durchschnittstemperatur um bis zu 0,4 Grad Celsius weniger erhöht, als wenn die Änderungen nicht beschlossen worden wären [1].

Allerdings sind ziemlich lange Ausstiegsfristen vereinbart worden, die fast bis Mitte des Jahrhunderts und damit in eine erdgeschichtliche Phase reichen, in der die globale Erwärmung, wenn ihr Tempo wie bisher anhält, vermutlich gar nicht mehr gestoppt werden kann. Ungeachtet dieser absehbar katastrophalen Entwicklung gehen die Unterzeichnerstaaten offenbar davon aus, daß sie die Klimaentwicklung im Griff haben.

Das Kigali Amendment unterteilt die Staaten in drei Gruppen: Die Industrieländer müssen im Zeitraum von 2019 bis 2036 den Verbrauch und die Herstellung von FKWs um 85 Prozent, die Entwicklungs- und Schwellenländer von 2024 bis 2045 um 80 Prozent und eine Handvoll weiterer Länder von 2028 bis 2047 um 85 Prozent senken. Das heißt, man läßt sich seit dem Inkrafttreten des Montrealer Protokolls mehr als ein halbes Jahrhundert Zeit, um den klimaschädlichen Ersatzstoff der ozonschichtzerstörenden Substanzen, die unter anderem in elektrischen Schaltanlagen, Klimaanlagen, Kühlschränken, Aerosolen und Schaumstoffen verwendet werden, zu bannen - aber selbst dann nicht einmal vollständig.

Die Europäische Union hat bereits 2014 angefangen, die problematischen FKWs zu reduzieren. In der entsprechenden EU-Verordnung "Nr. 517/2014 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 16. April 2014 über fluorierte Treibhausgase" wird jedoch das 2-Grad-Ziel angepeilt. Das bedeutet, daß die EU-Beschlüsse zur Reduktion der FKWs auf der Annahme beruhen, bis Ende dieses Jahrhunderts die globale Erwärmung um nicht mehr als zwei Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit steigen zu lassen.

Doch schon vor fünf Jahren hatten die kleinen Inselstaaten und zahlreiche Entwicklungsländer gefordert, die Temperaturschwelle von 1,5 Grad und eben nicht zwei Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit einzuhalten, da ansonsten einige Staaten vom ansteigenden Meer überschwemmt und von der Landkarte getilgt werden und andere Staaten wesentlich intensiveren Naturkatastrophen ausgesetzt sein werden.

Jahrelang hatte niemand auf die Sorge dieser Staaten reagiert. Erst mit dem 2017 in Kraft getretenen Pariser Klimaschutzübereinkommen wurde eine Erhöhung der Durchschnittstemperatur um maximal 1,5 Grad als Wunschziel ausgewiesen, während zwei Grad Erwärmung nunmehr als Mindestziel formuliert war. Wohlgemerkt, das war erst 2017, also ein Jahr nach der Vereinbarung des Kigali Amendments. Man kann davon ausgehen, daß die für die gefährdetsten Länder enorm wichtige Schwelle von 1,5 Grad noch keine Grundlage für die Verhandlungen bildete und allein deshalb die Kigali-Änderungen deutlich hinter den Erfordernissen zurückbleiben.

Dem noch nicht genug, könnte man sich sogar fragen, ob im Jahr 2045 weltweit mehr FKWs hergestellt und verbraucht werden als heute. Denn entscheidend für eine prozentuale Reduktion ist das Basisjahr. Für die Industriestaaten wurde der Mittelwert der Jahre 2011 bis 2013 genommen. Doch schon für die zweite Gruppe, die Entwicklungs- und Schwellenländer, zu der auch China als weltweit größter FKW-Produzent gehört, wird als Berechnungsbasis der Zeitraum 2020 bis 2022 genommen. Und für die dritte Gruppe, in die unter anderem Indien fällt, gilt der Zeitraum 2024 bis 2026 [2].

Was bedeutet das? Gegenwärtig sind die FKWs die Gruppe unter allen Treibhausgasen, die die höchsten Zuwachsraten erfahren. Wenn nun Länder wie China und Indien ihre FKW-Produktion in den nächsten Jahren massiv steigern, schaffen sie sich damit Basisjahre, von denen sie leichter wieder herunterkommen, weil die Märkte bis dahin entweder (mit Kühlschränken, Klimaanlagen, etc.) gesättigt sind oder keine so hohen Zuwachsraten mehr erwirtschaftet werden.

Vom Standpunkt eines entschiedenen Klimaschutzes aus, bei dem die Länder des Globalen Südens nicht auf der Strecke bleiben, hält das Kigali Amendment bei weitem nicht, was es dem ersten Anschein nach verspricht. Anscheinend haben sich die Staaten auf den FKW-Ausstieg geeinigt, eben weil dieser ihre Industrien nicht schmerzt und einige Unternehmen mit der nächsten Generation der Ersatzstoffe sogar ihre Umsätze steigern können.


Fußnoten:

[1] https://ozone.unep.org/node/101549

[2] https://www.downtoearth.org.in/news/climate-change/countries-adopt-kigali-amendment-to-phase-down-hfcs-56008

7. Januar 2019


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