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STANDPUNKT/062: Gisela Notz - "Man könnte 'die Familie' aufgeben ..." (MIZ)


MIZ - Materialien und Informationen zur Zeit
Politisches Magazin für Konfessionslose und AtheistInnen - Nr. 3/16

"Man könnte 'die Familie' aufgeben ..."

Ein Gespräch mit Gisela Notz über Rollenbilder, Familienmodelle und Alternativen zur Norm


"Das Private ist politisch" - so lautete in den 1970ern ein feministischer Slogan. Dieser sollte verdeutlichen, dass Sorgeleistung für Kinder und Senioren etc. Arbeit ist und dass der Frauenkörper nicht Gegenstand verfehlter Sozialpolitik ist. In Zeiten höchst individualisierter Familienplanung scheint sich diese Frage gar nicht mehr zu stellen. Oder doch? Denn wie funktionieren heute Familien? Wer gehört zu einer Familie? Oder besser, wer definiert, welche Personen zu einer Familie gehören? Welche sozialpolitischen Konsequenzen ergeben sich aus der Privilegierung des überkommenen "Vater-Mutter-Kind-Modells"? Gisela Notz hat jüngst ein Buch mit dem vielsagenden Titel Familismus. Theorie und soziale Realität eines ideologischen Gemäldes geschrieben.



MIZ: Was ist Familismus?

Gisela Notz: Familismus ist ein soziologischer Begriff und zugleich eine Ideologie, die die bürgerliche Kleinfamilie als Leitform einer Sozialstruktur bezeichnet. Im Familismus nimmt die Familie, das heißt die heterosexuelle Vater-Mutter-Kind-Familie und die erste auf Abstammung beruhende (Bluts) Verwandtschaft die Funktion einer die Existenz des Einzelnen sichernden sowie den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang stützenden Instanz ein. Das Verhältnis von Familie und Gesellschaft ist durch weitgehende Kongruenz gekennzeichnet. Das System aller Familien bildet das Gemeinwesen, das auf den Nationalstaat bezogen ist. Es besteht also ein Zusammenhang zwischen den Konzepten des Selbst, der Familie, der Staatsbürgerschaft und der Nationalstaatlichkeit. Die Familie unterstützt den Rückzug der Individuen ins 'Private'. Dort herrschen komplementäre Rollenaufteilungen entlang der Geschlechterlinien. Menschen ohne Familie gibt es in familistischen Gesellschaften nicht. Ihnen wird unterstellt, dass sie früher oder später eine Familie gründen werden oder zu ihr zurückfinden. Damit werden alle Menschen ausgeschlossen, die nicht zu einer Familie gehören (z.B. Singles, Menschen, die in Heimen oder in Kommunen und anderen selbstgewählten sozialen Netzwerken leben).

MIZ: In dem Buch schildern Sie eine historische Genese der Familie, die bis heute soziale Auswirkungen hat. Welche Rolle spielt die christliche Religion?

Gisela Notz: Die "gottgewollte" christliche Familie ist immer familistisch. Sie war aber nicht immer die bürgerliche Kleinfamilie, wie wir sie heute kennen. Bereits 1866 bezeichnete der heute als erster Familiensoziologe angesehene Wilhelm Heinrich Riehl in seinem Buch Die Familie das Haus und die Familie als das "organische Vorgebilde der Gesellschaft" und die strenge Sitte des Hauses galt als das "Allerheiligste des nationalen Geistes, als der Urquell der echten Loyalität". Streng getrennt waren die patriarchale Rolle des Hausvaters und die der Hausmutter, die für die Familie und für "Gott und Vaterland" im Sinne "unserer Nationalität" die "Sitten des Hauses" pflegen sollte. Das galt als ihre "naturgegebene Bestimmung". Damals bezog sich die familistische Ideologie auf "das ganze Haus", das vornehmlich im adeligen, großbürgerlichen und großbäuerlichen Raum existierte. Aus dem Zerfall des "ganzen Hauses" entwickelte sich mit zunehmender Industrialisierung und Verstädterung die mit staatlichem und kirchlichem Segen versehene heterosexuelle Zwei-Generationen-Kleinfamilie mit dem leiblichen Vater als "Haupternährer" und der Mutter als Hausfrau oder "Zuverdienerin". Sie wurde nun zum Normmodell, an dem sich alle Christen zu orientieren haben. Ausnahmen gelten lediglich für "geistliche" Personen, die beispielsweise als Priester oder Nonnen Gott auf andere Weise dienen.

Die christlich-konservative Gesellschaft versuchte, den Familismus als den einzigen richtigen Weg zu propagieren und dafür zu missionieren, indem sie sich auf göttliche Prinzipien berief. Sie argumentierte, dass Kinder eine traditionelle Familie brauchen, um 'nachhaltige Schäden' zu vermeiden. Christlich-konservativer Familismus geht mit der Abwertung derjenigen Menschen einher, die dieses 'gottgewollte' Ehe- und Familienmodell nicht erfüllen. Scheidungen wurden von der katholischen Kirche bis weit ins 20. Jahrhundert abgelehnt. Kinder von 'ledigen' Müttern galten als Schande und "fleischgewordene Sünde" und konnten keine kirchlichen Weihen empfangen, die Mütter wurden gar wegen "Unzucht" kriminalisiert und bestraft. Der Mann hingegen wurde zu keiner Zeit in den Blick genommen. Auf der anderen Seite sorgten die christlichen Kirchen dafür, dass Abtreibung verboten blieb und schwer bestraft wurde. Unter dem Druck der christlichen Parteien und dem Einfluss der Kirchen wurde der Familismus 1949 ins Grundgesetz (Art. 6, Abs. 1) für die BRD eingeschrieben: "Familie" in der Verknüpfung mit Ehe wurde unter den besonderen Schutz des Staates gestellt. Die bürgerliche Kleinfamilienform blieb die einzig akzeptable Familienform und ist es nach einigen Ausbruchsversuchen, die vor allem von der Frauenbewegung der 1970er Jahre ausgingen, nach der christlichen Ideologie bis heute geblieben.

MIZ: Warum das Buch über Familismus gerade jetzt?

Gisela Notz: Mit Familiensoziologie beschäftige ich mich seit meinem Studium. Später veröffentlichte ich einige Bücher und etliche Artikel zum Thema. Mit dem Buch zum Thema "Kritik des Familismus" wollte ich kein neues Familienbuch schreiben. Es ging mir auch weniger um den theoretischen Begriff, sondern um die Ideologie und den Anspruch der Exklusivität einer Familienform, die angeblich "naturgegeben" und für die soziale Existenz jedes Menschen unabdingbar ist. Durch mein Engagement als Bundesvorsitzende von pro familia und im "Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung" wurde ich mit den selbsternannten "Lebensschützern" konfrontiert. Ich stieß auf neue und alte familistische Zusammenschlüsse die die "verfassungsgemäß verankerte Familie als Keimzelle der Gesellschaft" retten wollten, "damit sie nicht weiter an den Rand gedrückt wird". Ihre zentrale Botschaft: Die Familie ist die natürliche Lebensform, sie besteht aus Vater, Mutter und Kind/ern und der monogamen lebenslangen Ehe zwischen Mann und Frau. In diese 'natürlich' zusammengesetzte Familie gehört die Erziehung und Sorge und zwar durch eine nicht berufstätige Mutter. In der Schule haben Sexualkunde und 'Genderismus' nichts zu suchen. Obwohl die soziale Realität sich längst von diesem ideologischen Gemälde der christlichen 'Wunschfamilie' entfernt hat, besteht die Wirkungsmächtigkeit dieser Ideologie bis heute. Christliche Fundamentalisten, Abtreibungsgegner, die AfD und mit ihr verbundene Netzwerke, die bis in die Neo-Nazi-Szene reichen, erzeugen aktuell einen rechtskonservativen Backlash; und das nicht nur in Deutschland. Diesem Phänomen wollte ich in dem Buch nachgehen, auf seine Gefahren hinweisen und Alternativen aufzeigen.

MIZ: Das "Vater-Mutter-Kind-Modell" prägt bis heute sowohl die deutsche Sozialpolitik als auch den Wohlfahrtsstaat. Warum ändert sich da nichts?

Gisela Notz: Mit dem Ausbau des Sozialstaates nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in der BRD Sozialsysteme institutionalisiert, die sich am männlichen Ernährermodell orientieren und die Betreuung von Kindern und pflegebedürftigen älteren und kranken Personen weitgehend der Familie (sprich den Frauen) zuweisen. Infrastrukturelle und gesetzliche Bedingungen sind nach wie vor an der 'Normalfamilie' orientiert. Innerhalb der Familie sollen nicht nur immaterielle, sondern auch materielle Umverteilungsprozesse stattfinden und zwar zwischen den Generationen, zwischen den Geschlechtern und zwischen wohlhabenden und bedürftigen ("blutsverwandten") Familienmitgliedern. Ehepartnerinnen sind gegenseitig zum Unterhalt verpflichtet. Das erspart dem Staat Sozialleistungen. Das Prinzip der Subsidiarität besagt bis heute, dass der Staat nur dann tätig wird, wenn die Kapazitäten der Familie ausgeschöpft sind. Mit den Kürzungen innerhalb des Sozialstaates wird der Ruf nach Stärkung der Familie durch PolitikerInnen, Kirchen und Wohlfahrtsverbänden immer lauter. Familien sollen den Abbau kompensieren. Da Frauen an ihren Berufswünschen festhalten, wird das immer schwerer, daher setzt die aktuelle Politik darauf, die "Normalfamilie" als kostengünstigste Versorgungseinheit zu stärken und Frauen die Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Familienarbeit zu erleichtern.

MIZ: Familienpolitik war auch in der DDR Bevölkerungspolitik. Welche Unterschiede lassen sich dennoch benennen? Und welche Auswirkungen zeigt die wirtschaftliche Unabhängigkeit der DDR-Frauen bis heute?

Gisela Notz: Die Verfassung der DDR enthielt 1949 den Grundsatz der Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern. Das garantierte "Recht auf Arbeit" galt für Frauen und Männer und schloss zugleich die Pflicht dazu ein. Trotz der Berufstätigkeit der Frauen wurde die traditionelle Vater-Mutter-Kind-Familie auch in der DDR durch das Familiengesetzbuch geschützt: "Der sozialistische Staat schützt und fördert Ehe und Familie." Die Familie beruhte "auf der für das Leben geschlossenen Ehe [...] zwischen Mann und Frau". Allerdings gebot das Gesetz auch: "Beide Ehegatten tragen ihren Anteil bei der Erziehung und Pflege der Kinder und der Führung des Haushaltes. Die Beziehungen der Ehegatten zueinander sind so zu gestalten, daß die Frau ihre berufliche und gesellschaftliche Tätigkeit mit der Mutterschaft vereinbaren kann." Dennoch blieben die Geschlechterrollen unflexibel. Die neue sozialistische Rolle der berufstätigen emanzipierten Frau wurde in der Realität mit der traditionellen Geschlechterrolle verknüpft; die Haus- und Sorgearbeit blieb weitestgehend Frauensache.

Von einer Kritik des Familismus kann nicht gesprochen werden, wenn auch gesellschaftliche Institutionen einen Teil der Pflichten der Frauen übernahmen und sich Männer voll berufstätiger Frauen nicht gänzlich von der Hausarbeit befreien können. Das proklamierte Ziel des Aufbaus der sozialistischen Gesellschaft war es, die antagonistische Klassengesellschaft zu überwinden. "Die Überwindung des Patriarchats als zu lösende Aufgabe" (Kuhrig) fand in der DDR" keine Entsprechung. Die Entscheidung über die Arbeitsteilung erfolgte letztlich innerhalb der Kleinfamilie. Allerdings war die Mehrheit der Frauen (91 % waren vor der 'Wende' meist voll berufstätig) nicht ökonomisch vom 'Haupternährer' abhängig. Das erleichterte ein eigenständiges Leben im Falle einer Trennung.

MIZ: Das letzte Kapitel skizziert die soziale Realität: Einelternfamilien, sog. Patchworkfamilien, Stiefeltern- oder Wahlfamilien, gleichgeschlechtliche Familien. Wie sehen Perspektiven einer anderen Gesellschaft aus?

Gisela Notz: Die Zahl der Menschen, die die "Normalfamilie" wählen, nimmt nach den Angaben des Statistischen Bundesamtes ständig ab. Im Jahr 2014 lebten von 40,2 Millionen Haushalten mit rund 80,8 Millionen Haushaltsmitgliedern 28% in der klassischen Kleinfamilie. Dabei sind Stief-, Pflege-, Adoptivkinder und die Großeltern, die mit ihren Enkeln leben, mitgezählt. Rechnet man die Familien mit minderjährigen Kindern, so waren es nur 20,3% aller Haushalte. Drei- und Mehrgenerationen-Haushalte sind mit 0,5% eine statistisch kaum erfassbare Größe. Hingegen machten alleinerziehende Eltern nach dem Mikrozensus von 2011 bereits 22,9% aller Haushaltsformen aus; 90,1% sind Mütter. Der häufigste Haushaltstyp ist mit 37,2% der Singlehaushalt. Der Rest besteht aus gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften, Wohngemeinschaften, Heimen etc. Das kann man gut finden oder nicht, jedenfalls kann auch Sozial- und Familienpolitik nicht darüber hinwegsehen.

Wichtiger und sinnvoller als die dauernden Versuche der Rekonstruktion der Familie in ihrer alten Form oder der Ausweitung des familistischen Systems auf sich häufende 'neue Lebensformen', die sich den Normen der bürgerlichen Kleinfamilie anpassen, ist die Anerkennung der bereits vorhandenen vielfältigen Lebensformen. Das ist nur durch die Abschaffung der Privilegien, die mit einer Lebensform (Ehe und Familie) verbunden sind, möglich. Familienpolitik darf nicht dem Schutz bestimmter Lebensformen und damit der Diskriminierung anderer dienen. Gleichstellung ist erst dann erreicht, wenn keine Lebensform bevorzugt und damit keine benachteiligt wird und allen Menschen gleiche Existenzberechtigung für die von ihnen gewählte Lebensform zugestanden wird, solange dort niemand ausgebeutet, unterdrückt oder seinen eigenen Interessen widersprechend behandelt wird. Erst dann können auch Generationsgemeinschaften entstehen, in denen junge und alte Menschen - unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft und Weltanschauung - ohne Ausgrenzung gleichberechtigt zusammenleben können. Es geht um die Möglichkeit von freien Zusammenschlüssen unter freien Menschen ohne Unterdrückung und Gewalt. Wäre das erreicht, bräuchte man den vielfach strapazierten Familienbegriff nicht zu erweitern. Man könnte 'die Familie' aufgeben und etwa durch 'Lebensweisen' ersetzen. Überflüssig würde auch die Familienpolitik, denn es genügte eine Politik für Menschen. Das wäre das Ende des Familismus.

MIZ: Im Tenor unseres Schwerpunktthemas möchte ich Sie fragen: Brauchen wir heute noch Feminismus?

Gisela Notz: Feminismus ist ein vieldeutiger Begriff. Es gibt ganz verschiedene Feminismen und ganz verschiedene feministische Theorien. Für mich sind Feminismus und Familismus Gegensätze. Feminismus ist sowohl eine politische Theorie als auch eine soziale Bewegung und seit den letzten Jahrzehnten auch eine wissenschaftliche Disziplin, die ich wichtig finde. Mir geht es um einen Feminismus, der die kapitalistisch-patriarchalisch geprägte Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft in den Mittelpunkt der Kritik stellt und Vorstellungen sowie Handlungsstrategien, Aktionen und Kampagnen entwickelt zur gesellschaftlichen Veränderung hin zu einem gleichwertigen Miteinander verschiedener Geschlechter und Ethnien und zu einem anderen, besseren Leben - weltweit. Ein so verstandener Feminismus ist heute wichtiger denn je.


Gisela Notz, Sozialwissenschaftlerin und Historikerin; bis 2007 wissenschaftliche Referentin bei der Friedrich-Ebert-Stiftung. In MIZ 4/15 schrieb sie über Frauen auf der Flucht.


Zum Weiterlesen: Gisela Notz: Kritik des Familismus. Theorie und soziale Realität eines ideologischen Gemäldes, Schmetterling Verlag, Stuttgart 2015, 222 Seiten, kartoniert, Euro 10.-

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Quelle:
MIZ - Materialien und Informationen zur Zeit
Nr. 3/16, S. 15-20, 45. Jahrgang
Herausgeber: Internationaler Bund der Konfessionslosen
und Atheisten (IBKA e.V.), Tilsiter Str. 3, 51491 Overath
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Erscheinungsweise: vierteljährlich,
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veröffentlicht im Schattenblick zum 20. April 2017

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