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GESELLSCHAFT/017: Geschlechter-Emanzipation (diesseits)


diesseits 1. Quartal, Nr. 78/2007
Zeitschrift des Humanistischen Verbandes

Geschlechter-Emanzipation
Gender-Mainstreaming in humanistischen Organisationen

Von Heike Weinbach


Unsere Gesellschaft besteht nicht, wie HumanistInnen sich das gerne wünschen, aus Menschen, sondern aus Frauen und Männern. Oder im Geiste der Kämpfe der Frauenbewegungen gegen die Ungleichheit zwischen Frauen und Männern formuliert: Aus Menschen, die zu Frauen und Männern gemacht werden - durch Sozialisation, Erziehung, Operation, Zuschreibungen, Kontrolle, Belohnung und Bestrafung. Für diese Zurichtungsprozesse, denen die Geschlechter unterliegen, steht der Begriff Gender, der sich auch im Deutschen zunehmend etabliert hat.


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Mit "Gender" werden all die sozialen Prozesse beschrieben, mit denen Männer und Frauen auf tradierte und immer wieder neu erfundene starre Geschlechterrollen festgelegt werden sollen. Dies hatte und hat massive Konsequenzen. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war unter Wissenschaftlern und Politikern in Deutschland die Meinung verbreitet, Frauen seien weder zum Studieren noch zur politischen Stimmabgabe fähig. Dies erscheint uns heute absurd, war aber gesetzlich verankerte Mehrheitsmeinung mit realen Konsequenzen für das Leben der Frauen. Bis heute sind deren Folgen spürbar, wie die Gender-Statistiken der Bundesregierung ausweisen: Seit kurzem erst beginnen annähernd so viele Frauen wie Männer ein Studium, nämlich jetzt 49,5 Prozent, die Zahl der Hochschullehrerinnen ist gerade mal bei um die 15 Prozent Frauenanteil angekommen; in den deutschen Parlamenten sind seit kurzem Frauen mit 30 Prozent vertreten; das Erwerbseinkommen von Frauen liegt bei gleicher Arbeitszeit noch immer 20 Prozent unter dem der Männer. Im Alltagsleben beobachten wir nach wie vor oft noch eine Selbstverständlichkeit, mit der Geschlechterrollen zugeordnet werden: Männer- und Frauenabteilungen suggerieren eindeutige Kleidungswünsche, wer davon abweichen möchte, muss mit mangelnder Akzeptanz rechnen. Die Farben blau und rosa werden nebst entsprechenden Spielzeugen in Kaufhäusern und Kinderzimmern noch immer als Jungen- und Mädchenecken angeordnet. Die Gesellschaft und ihre Mitglieder stellen also Geschlecht, das heißt was und wie Geschlechter sein sollen, auf allen Ebenen immer wieder her.


Geschlechterperspektive in der Politik

In der Geschichte der internationalen Frauenbewegungen waren es gerade Atheistinnen, Freidenkerinnen, Agnostikerinnen und Humanistinnen, die sich sowohl für die Gleichberechtigung der Frauen eingesetzt haben als auch für eine Vielfalt der Lebens- und Liebesformen. Denn, wie die amerikanische radikale Freidenkerin Susan B. Wixon Ende des 19. Jahrhunderts formuliert hat, Religionen und Theologien sind der Frauenemanzipation nie hilfreich gewesen. Die Weltfrauenkonferenzen von Nairobi 1985 und Beijing 1995 haben aus der Erkenntnis heraus, dass sich trotz Frauenbewegungen und vielen durch sie erkämpften Veränderungen die Gleichberechtigung von Frauen und Männern nicht annähernd hergestellt hat, die Strategie des Gender-Mainstreaming (im folgenden GM) erfunden. Mit Mainstreaming ist gemeint, dass alle Bereiche der Gesellschaft von der Gender-Thematik durchzogen sein sollen und für alle die Aufgabe steht, Ungleichheit und starre Rollengefüge zwischen Frauen und Männern durchgängig zu thematisieren und Veränderungsprozesse einzuleiten. In der Sprache der Europäischen Union heißt dies dann: "Der Begriff GM bezeichnet den Prozess und die Vorgehensweise, die Geschlechterperspektive in die Gesamtpolitik aufzunehmen. Dies bedeutet, die Entwicklung, Organisation und Evaluierung von politischen Entscheidungsprozessen und Maßnahmen so zu betreiben, dass in jedem Politikbereich und auf allen Ebenen die Ausgangsbedingungen und Auswirkungen auf die Geschlechter berücksichtigt werden, um auf das Ziel einer tatsächlichen Gleichstellung von Frauen und Männern hinwirken zu können." Umgesetzt wurde GM zuerst in entwicklungspolitischen Organisationen und auf UN-Ebene, dann folgte ab 1996 die Umsetzungsstrategie auf EU-Ebene, zunächst in den skandinavischen Ländern und den Niederlanden. Die rot-grüne Bundesregierung gab 1999 GM als Leitlinie aus, erste Schulungen in den Ministerien begannen im Jahr 2000.


Realer Erfolg

Gleichstellungspolitik hat sich damit zur offiziellen Leitlinie europäischer und auch internationaler Politik entwickelt, und das ist eine neue Qualität in der Geschichte der Frauenbewegungen. Die Frauenbewegungen könnten als realen Erfolg werten, dass ihre an die Staatspolitik gerichteten Forderungen nun endlich von dieser in eine globale und universale Dimension erhoben worden sind. Bemerkenswert bei der offiziellen Präsentation dieser Politik ist jedoch die Ausblendung ihrer Geschichte und die der Frauenbewegungen. In den Dokumenten wird kein Bezug genommen auf die Entwicklung des Gender-Begriffs, auf die unterschiedlichen Diskussionen, die darum geführt werden und auf seine differenzierenden Inhalte. Es erfolgen keine Verweise auf feministische Theoretikerinnen, die diesen Begriff entwickelt haben, keine Erwähnung des Begriffs Feminismus in irgendeiner Form. Im Mainstream zu schwimmen galt in der Geschichte der Frauenpolitik immer eher als etwas, was zu vermeiden ist, weil der gesellschaftliche Mainstream eher als Demonstration von Macht und Unterdrückung angesehen wurde.

Als Begründungen für diese neue Geschlechterpolitik werden von offizieller staatlicher Seite angegeben: bisherige Verschwendung von Ressourcen, das heißt der Arbeitskraft und Potenziale von Frauen; die Menschenrechte; die Langsamkeit der bisherigen Entwicklung der Frauengleichstellung (bei bisherigem Tempo wäre nach UN-Statistik im Jahr 2490 gleiche Beteiligung in allen Bereichen hergestellt); der unzureichende und nicht weit genug greifende Charakter der bisherigen Frauenförderpolitik und ihr Mangel an Konsequenz und Überprüfbarkeit. Aus diesen Erkenntnissen setzt GM-Politik auf den Einsatz differenzierter Instrumente:

o Öffentlichkeitsarbeit: Kampagnen, Publikationen, Broschüren, Schulbücher

o Netzwerkarbeit: Zusammenarbeit von Nichtregierungsorganisationen, staatlichen und privatwirtschaftlichen Institutionen

o spezielle Programme: Ausschreibungen für Projekte auf den Ebenen EU, Bund, Land, Kommune

o Monitoring: Evaluation aller Maßnahmen, Qualitätssicherung, Erstellung, Einhaltung und Kontrolle von Ziel- und Zeitplänen

o Bildungsarbeit: Gender-Trainings - Bewusstseinsherstellung, Instrumentevermittlung, Wissensvermittlung, Herstellung von Gender-Kompetenz für Frauen und Männer

o Wissenschaft: Verstärkung der Forschung zu Geschlechter- und Gleichstellungspolitik, Etablierung als Wissensgebiet, wissenschaftliche Begleitforschung

o umfassende Gleichstellungsstatistiken

o top-down-Prinzip: sichtbares Engagement der Führungsebene (von Männern und Frauen) - Schulung, Vorbildcharakter, Verantwortlichkeit, Transparenz der Umsetzungswege. Schaffung von Koordinierungs- und Kontrollstrukturen, GM-Beauftragte, GM soll regelmäßig auf die Tagesordnung der Gremien gesetzt werden.

o Gleichstellungsprüfung: Gender Impact Assessment (GIA) = Gleichstellungsverträglichkeitsprüfung - Bewertung der geschlechterbezogenen Relevanz einer Maßnahme oder eines Projektes

o Gender-Budgeting: Analyse der Haushalte und Finanzpläne hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf Frauen und Männer oder Mädchen und Jungen; Neuverteilung der Gelder gemäß eines geschlechtergerechten Haushaltes.

GM-Instrumente sind auch (analog zu den Maßnahmen, denen derzeit der gesamte öffentliche und öffentlich geförderte Sektor unterworfen ist) Qualitätssicherungsprozesse mit dem Ziel einer leistungsorientierten Mittelvergabe. Dies bietet zwar zum ersten Mal die Möglichkeit, dass Gleichstellungspolitik nicht nur dem Zufall und guten Willen eventuell konsequenzlos überlassen bleibt, sondern sich legitimieren muss, aber andererseits wird die Frage nach demokratischer Kontrolle und Umverteilungsprozessen als Aushandlungsprozesse wenig gestellt. Die Fassung von politischen Prozessen in eine Art Kennzifferpolitik kann jedoch vorteilhaft sein, da die Sinnhaftigkeit und der Nutzen politischen Handelns fassbar werden. Im Unterschied zu den Strategien der neueren Frauenbewegungen fordert GM ein aktives Eintreten von Männern für die Gleichberechtigung und zum anderen auch eine Analyse und Kritik von Männlichkeitsbildern. Insbesondere dieser Umstand hat im letzten Jahr, lanciert durch Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und im Spiegel einen großen Widerstand und deutliche Abwertungen des Konzepts von GM hervorgerufen. In den Artikeln werden vor allem die Ängste deutlich, die plötzlich wach werden, wenn tatsächliche gesellschaftliche Veränderungen in den Machtverhältnissen der Geschlechter gefordert sind. Diese Debatten erinnern in ihrer rückwärtsgewandten Schärfe an die anti-feministischen Statements zu Beginn des 20. Jahrhunderts.


Beispiel Humanistischer Verband

Dabei hat GM bislang nicht einmal unmittelbar verpflichtende Wirkung für privatwirtschaftliche Organisationen. Für die staatlichen Institutionen und alle Organisationen, die wie der Humanistische Verband öffentliche Gelder erhalten, besteht die Notwendigkeit GM in allen Bereichen umzusetzen und hierfür Verantwortliche zu benennen, Arbeitskreise zu gründen und Rechenschaft in Berichten über die durchgeführten Maßnahmen abzulegen. Auch in der Öffentlichkeitsarbeit und in den Grundsätzen der Organisation muss GM verankert werden. Obwohl GM zunächst eine europäische Strategie gewesen ist, ist der Umsetzungsprozess in den europäischen humanistischen Organisationen noch sehr am Anfang. 2003 wurde auch von der EHF (European Humanist Federation) die Notwendigkeit erkannt, einen GM-Prozess zu lancieren. Sie hat 2003 ein europäisches Frauennetzwerk gegründet mit dem Ziel, Gender auf die Agenda der europäischen Humanisten zu setzen und Frauen in der Partizipation humanistischer Organisationen auf Leitungsebenen zu stärken.

Die Frauengruppe des Humanistischen Verbandes Deutschlands hat in der Vergangenheit zwei Veranstaltungen dazu durchgeführt. Im 2001 verabschiedeten Humanistischen Selbstverständnis des Humanistischen Verbandes ist das GM-Prinzip verankert worden: "Humanistische Lebensauffassungen verlangen die Gleichberechtigung der Geschlechter und die Emanzipation von Frauen und Männern in allen Lebensbereichen. Alle Denk- und Verhaltensstrukturen sind zu überwinden, durch die eine gesellschaftliche Herrschaft der Männer über die Frauen aufrechterhalten wird. Die gegenwärtige Benachteiligung der Frauen deformiert beide Geschlechter gleichermaßen. Humanistinnen und Humanisten beginnen deshalb, sich selbst und ihre geschlechtsspezifische Rolle in Partnerschaft, Familie, Beruf und Politik in Frage zu stellen."

Diese im bundesdeutschen GM-Prozess schon frühzeitig erhobene, weitreichende Formulierung und Aufforderung zur Infragestellung von Geschlechterrollen und ihrer Folgen bietet eine ausgezeichnete Basis für eine Umsetzung in die Praxis humanistischen Alltagshandelns. Für die Zukunft sind hier kreative Aktionen für alle Mitglieder gefragt, die Geschlechterfragen anregend thematisieren. Dabei sollten auch die neueren Entwicklungen (das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz) sowie neuere feministische Debatten (Queer; Cyberfeminismus; Kritische Männerforschung) aufgegriffen werden.

Dr. Heike Weinbach ist freie Philosophin.


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Quelle:
diesseits 1. Quartal, Nr. 78/2007, S. 17-19
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Internet: http://www.humanismus.de

"diesseits" erscheint vierteljährlich am
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Jahresabonnement: 12,- Euro (inklusive Porto und
Mehrwertsteuer), Einzelexemplar 4,- Euro.


veröffentlicht im Schattenblick zum 26. April 2007